Liebeserklärungen an die Wechseljahre und den Heavy Metal auf der lit.Cologne – Und die Suche nach neuen Definitionen für Faschismus.
lit.CologneAnnette Frier, Mille Petrozza und Eva von Redecker beim Kölner Literaturfestival

Annette Frier auf der lit.Cologne in der Stadthalle Köln-Mülheim
Copyright: Sophie Brand
Am Anfang gab es Applaus für die Männer in der ausverkauften Stadthalle in Mülheim. Bei dem lit.Cologne-Abend über die Wechseljahre mit der Gynäkologin Sheila de Liz, deren Sachbuch „Woman on fire“ sich ewig auf den vorderen Plätzen der Bestsellerliste hielt, Schauspielerin Annette Frier und Schriftstellerin Stefanie de Velasco lag die Frauenquote im Publikum sicher bei über 95 Prozent. Und damit die wenigen anwesenden Männer dann auch noch etwas mitnehmen, bat Frier die Gebärdendolmetscherin dann auch gleich mal, den Satz „Ich liebe deine Menopause“ zu übersetzen.
Moderation Rabea Weihser stand vor der nicht ganz leichten Aufgabe, einer seriösen Auseinandersetzung mit den medizinischen Fakten über diese Lebensphase, den Folgen für Selbstbild, Familie und Freundschaften und einem humorvollen Blick auf dieses oft tabuisierte Thema gerecht zu werden. Das gelang nicht immer. So hatte es Sheila de Liz mitunter nicht leicht, sich gegen die wortmächtigen anderen beiden Frauen auf der Bühne zu behaupten – zumal de Velasco, die einen sehr lesenswerten Essay mit dem Titel „Heiß – Liebeserklärung an die Wechseljahre“ geschrieben hat, lieber über den Einfluss der patriarchalen Strukturen in unserer Gesellschaft auf unsere Einschätzung jener Veränderungen sprechen wollte, als über Scheidentrockenheit und Hitzewallungen. Sie feiere es, wütend zu sein und diese Wut auch zuzulassen: „Sie kann eine Landkarte für mein restliches Leben sein.“
Den Gedanken, positiver auf diese „Pubertät nur rückwärts“, wie es de Velasco ausdrückte, zu blicken, teilten alle auf der Bühne. Zumal sich der Östrogennebel in unserem Hirn in dieser Zeit lichte, so de Liz. Was folge, sei ein klarer Blick, der dann eben auch dazu führe, dass man nicht mehr aus einem Harmoniebedürfnis heraus alles mitmache, ergänzte Annette Frier, deren unterhaltsame Sat.1-Serie „Frier und 50“ in Ausschnitten gezeigt wurde.
Viel mehr solcher Serien, Filme und Romane wünschte sich Stefanie de Velasco über die Perimenopause und Menopause: „Die Pubertät überziehen wir ja kulturell auch mit Glanz.“ Eine Idee für eine Serie hatte sie auch im Gepäck: Frauen, die sich in Werwölfe verwandeln.
Von Disco zu Metal
Ein paar Stunden zuvor hatte am selben Ort Mille Petrozza, Sänger und Gitarrist von Kreator, von der kreativen Kraft der Adoleszenz berichtet, allerdings ohne sie mit rückblickendem Glanz zu überziehen. Sein Vater wollte ihn schon in jüngsten Jahren in den Gitarrenkurs zwingen, erzählt Petrozza im Gespräch mit Musikjournalist Torsten Groß. Das mag bei einem der Gitarrengötter des Thrash-Metal verwundern, aber der kleine Mille war Bruce-Lee-Fan und wollte lieber Karate lernen. Seine Mutter war aus der DDR geflüchtet, sein Vater aus Kalabrien als „Gastarbeiter“ nach Deutschland gekommen. Kennengelernt hatten sie sich im Auffanglager.

Mille Petrozza, Sänger und Gitarrist von Kreator auf der lit.Cologne
Copyright: Hieronymus Rönneper
Vom Vater erbte Petrozza die Liebe zur Musik, jedoch nicht die Liebe zu Italien. Seine Heimat war die Zechensiedlung im Essener Stadtteil Altenessen, seine Freunde kamen aus Polen, Italien, Türkei oder Jugoslawien. Man sprach, im Gegensatz zu den Vätern, Deutsch. Und Musik. Petrozzas erste Liebe galt der Disco – Baccara, Boney M., Bee Gees. Erst als Kiss, eine Band wie gemacht für pubertierende Jungs, mit „I Was Made for Loving You“ in Richtung Tanzboden umschwenkten, war der Einstieg in die härtere Gangart gefunden. Ein altes Dia zeigt die späteren Kreator-Jungs in Kiss-Schminke mit Styroporgitarre.
Dann ging es doch noch in den Gitarrenkurs, echte E-Gitarren wurden angeschafft und ein Schlagzeug vom Konfirmationsgeld. Bis zum ersten, chaotischen Auftritt im Jugendzentrum, bis man plötzlich so viele Auftritte absolviert, so viele Kassetten über die damals noch verschworene Metal-Szene getauscht hatte, dass ein Kumpel der Band, halb Manager, halb T-Shirt-Verschicker, mit einem Plattenvertrag aus Berlin zurückkam. Da waren die Metalhelden in spe erst 15, 16 Jahre alt. So geht es weiter, im Dialog mit Torsten Groß, unterbrochen von einer Auswahl temporeicher Riffs, die Petrozza auf seiner maßgefertigten ESP-Gitarre mit der Lässigkeit des Hochgeschwindigkeits-Virtuosen raushaut. Da kann einem schon schwindlig werden, wie schnell es von der Styropor-Gitarre zur Weltkarriere ging – und wie in sich ruhend und bescheiden Petrozza diesen wilden Ritt gemeistert hat.
Viele seiner Freunde aus Altenessener Tagen, schließt der Musiker, sind untergegangen, haben Drogen genommen, sind früh verstorben: „Aber ich hatte immer die Musik. Heavy Metal hat mein Leben gerettet.“
Entfesselte Eigentumslogik
„Der Faschismus ist schon längst hier, er ist nur ungleich verteilt.“ Dieses Zitat der Berliner Liedermacherin Achan Malonda ist eine treffende Beschreibung der gegenwärtigen politischen Lage, wie die Philosophin Eva von Redecker findet. Einen Tag nachdem ihr neues Buch „Dieser Drang nach Härte“ erschienen ist, war sie am Donnerstagabend im Rahmen der lit.Cologne in der Nippeser Kulturkirche zu Gast, um über den neuen Faschismus zu sprechen. Dieser sei zwar noch nicht systemisch festzustellen, „ich würde aber sagen, dass wir tatsächlich von faschistischen Tendenzen, Akteuren, Diskursen und inzwischen zum Teil auch Praktiken, also tätlicher Gewalt, umgeben sind.“
Um diese Phänomene präzise zu analysieren, hat von Redecker einen überzeitlichen Faschismusbegriff vorgelegt. Ihre im Buch formulierte These lautet: „Den Kern des Faschismus bildet eine entfesselte Eigentumslogik.“ Damit bedeute er mehr als ein „gegen die“-Denken. „Seine Gegenüber sind keine Menschen, sondern Dinge; seine Feinde sind keine Gegner, sondern Diebe“, schreibt die Philosophin. „Die“, das seien diejenigen, „die ein Quasi-Eigentum angreifen und die deshalb liquidiert gehören.“

Die Philosophin Eva von Redecker war am Donnerstagabend bei der lit.Cologne zu Gast. (Archivbild)
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Was die Autorin damit meint, lässt sich am Beispiel der militanten Abtreibungsgegner illustrieren. Der sich selbst als neonazistisch bezeichnende US-amerikanische Influencer Nick Fuentes antworte Feministinnen, die für ihr Selbstbestimmungsrecht eintreten: „Your body, my choice“ (zu Deutsch: Dein Körper, meine Entscheidung). Das sei „der explizit formulierte Eigentumsanspruch über etwas, was eigentlich das Leben der anderen ist, und nicht ein Objekt, das mir untersteht“, sagt von Redecker in Köln.
Damit einher gehe ein auslöschendes Element, das sich aber nicht nur im physischen, massenmörderischen Sinne ausdrücken müsse. Auch die Liquidierung bereits erkämpfter Rechte falle darunter: So versuche Trump, die Rechte von Transmenschen einzuschränken, habe Meloni lesbische Co-Mütter rückwirkend entrechtet. „Das reicht mir. Ich finde das faschistisch genug.“


