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Interview

Doku über WM-Land USA
„Trump hat begriffen, wie sehr Sport als emotionaler Hebel wirkt“

5 min
Zwei Männer stehen nebeneinander und blicken rechts an der Kamera vorbei.

Reisten für die neue Doku „Spielfeld der Macht. Die WM in Trumps Amerika“ durch die USA: Sportjournalist Philipp Awounou (l.) und Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni  

Ingo Zamperoni und Philipp Awounou sprechen über Trumps Instrumentalisierung des Sports, die Rolle der FIFA und die Sicherheitslage in den USA.

Herr Awounou, Herr Zamperoni, in Ihrer Dokumentation stellen Sie die These auf, dass Donald Trump wie kein Präsident vor ihm den Sport politisch instrumentalisiert. Dass Politiker dies tun, ist nicht neu. Was ist also die neue Qualität?

Ingo Zamperoni: Es ist keine Erfindung von Donald Trump. Aber er ist ein Meister des Marketings und er hat ein Gespür dafür, welche Bühne genügend Strahlkraft hat, um ihm zu nutzen. Dass ein Präsident in seinem ersten Amtsjahr beim Super Bowl war, beim Nascar-Rennen, bei den US Open, beim Ryder Cup, bei Mixed-Martial-Arts-Kämpfen, ist außergewöhnlich. Es zeigt, dass Trump begriffen hat, wie sehr Sport als emotionaler Hebel wirkt.

Philipp Awounou: Die Dreistigkeit ist auch neu. Trump möchte, dass ein Footballstadion in Washington D.C. nach ihm benannt wird, er feiert seinen 80. Geburtstag am 14. Juni mit einem MMA-Kampf im Weißen Haus, er beleidigt den American-Football-Spieler Colin Kaepernick oder die Fußballspielerin Megan Rapinoe. Damit will er bewusst polarisieren.

Trotzdem sagen Sie, Herr Awounou, dass der Sport im Kern etwas unpolitisch Vereinendes habe.

Awounou: Der Sport kann verhärtete ideologische Grenzen überwinden. Eine Fußballkabine ist ein Ort, an dem verschiedene gesellschaftliche Schichten zusammentreffen, die im Alltag fast keine Überschneidungspunkte mehr haben. Das gilt auch für die Fans. Wir haben das gemerkt, als wir in den USA waren. Das Land ist extrem gespalten, aber beim Football sitzen trotzdem die Leute aus beiden Lagern auf den Tribünen und supporten dasselbe Team. Der Sport ist natürlich nicht allmächtig, aber in seiner Grundnatur ist er unschuldig. Deshalb kann er die politischen Gräben ein Stück weit ignorieren. Vielleicht ist das die bessere Formulierung.

Die FIFA ist ein politischer Player. Vor allem mit der WM hat sie einen sehr wirksamen Hebel, der ihr Zugang zu Macht und zu Geld verschafft
Philipp Awounou

Die Preise für WM-Tickets sind sehr hoch. Unterläuft das nicht die vereinende Wirkung?

Zamperoni: Das ist ein großes Problem und da muss sich die FIFA hinterfragen, ob sie die Ideale, die sie in ihren Statuten hochhält, wirklich ernst meint. Ich gehe davon aus, dass wir während des Turniers noch viel mehr darüber berichten werden, wenn die Stadien nicht ausverkauft sind oder es Beschwerden gibt, weil allein die Busfahrt dorthin 100 Dollar pro Weg kostet. Die fortschreitende Kommerzialisierung ist nicht neu, aber sie konterkariert diesen Grundgedanken.

Sie haben die FIFA angesprochen. Laut den eigenen Statuten ist sie zu politischer Neutralität verpflichtet. Trotzdem sucht Infantino die Nähe zu Trump, verlieh ihm sogar einen eigens geschaffenen Friedenspreis. Wie unabhängig ist der Verband?

Awounou: Die FIFA ist ein politischer Player. Vor allem mit der WM hat sie einen sehr wirksamen Hebel, der ihr Zugang zu Macht und zu Geld verschafft. Um das zu maximieren, gibt es bei der FIFA kaum noch ethische Grenzen. Wir haben das bei den WM-Vergaben nach Russland und Katar gesehen. Sie steht eng an der Seite der Mächtigen, zum Beispiel Donald Trump, und versucht, ihr Turnier so groß und lukrativ zu machen, wie es geht. Es ist faszinierend, dass bei Trump immer wieder diese Bromances mit anderen Männern entstehen, die genau wie er den Drang haben, im Mittelpunkt zu stehen. Gianni Infantino hat sich in den vergangenen Jahren leider auch über den Sport gestellt.

Die Gegenseite wird nicht mehr als politischer Wettbewerber, als alternative Sichtweise, sondern tatsächlich als Feind gesehen.
Ingo Zamperoni, Tagesthemen-Moderator

Zamperoni: Wenn man sich überlegt, dass Infantino bei der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten und beim Friedensrat, den Trump ins Leben gerufen hat, anwesend war, drängt sich schon die Frage auf: Sieht sich die FIFA mittlerweile als ein „eigenes Land“? Klar, Infantino macht das, um seine WM möglichst reibungslos ablaufen zu lassen, aber diese Verquickung ist schon sehr speziell.

Eben ging es schon einmal um die USA als gespaltene Nation. Wie haben Sie das auf Ihrer Reise erlebt?

Zamperoni: In den USA ziehen bestimmte Sportarten bestimmte politische Neigungen an. Bei einem Nascar-Rennen oder einem Mixed-Martial-Arts-Fight trifft man eher Menschen aus dem konservativen Lager als bei einem Spiel der Frauen-Basketball-Profiliga WNBA. Für die Doku haben wir den Frauenfußballverein Angel City FC in Los Angeles besucht, der sich besonders klar gegen Rassismus, Homophobie und diskriminierende Einwanderungspolitik positioniert. Wer da als Fan hingeht, identifiziert sich auch damit. Aber der Sport ist dafür nur ein Symptom. Ich nehme allgemein wahr, dass die Menschen in den USA immer weniger den Kompromiss suchen, stattdessen auf absoluten Positionen verharren. Die Gegenseite wird nicht mehr als politischer Wettbewerber, als alternative Sichtweise, sondern tatsächlich als Feind gesehen.

Zwei Männer lächeln in die Kamera.

Für die Dokumentation trafen die Journalisten unter anderem Jürgen Klinsmann, der seit fast 30 Jahren in den USA lebt.

Awounou: Die politische Spaltung zieht sich durch den Alltag der Menschen. Alles kann ein politisches Statement sein. Welchen Sport du guckst, wo du einkaufst…

Zamperoni: …selbst, welches Bier du trinkst, wird zum Politikum. Bud Light hatte vor drei Jahren eine Werbekampagne mit einer Transgender-Influencerin und dann haben Leute deswegen das Bier boykottiert. Das Unternehmen sah sich veranlasst, zurückzurudern. Das ist schon kurios.

Zamperoni: Die Konstellation lautet buchstäblich: zu Gast bei Feinden

Die anstehende WM findet in drei Ländern, also grenzüberschreitend statt. Wie wird sich das mit einer Politik der US-Regierung vertragen, die das eigene Land abschottet, eine rigide Abschiebepolitik verfolgt und ICE-Truppen einsetzt?

Zamperoni: Das kann niemand vorhersagen. Wie so häufig in den USA, kommt es darauf an, mit wem man spricht. Wir haben ein Interview mit einer Podcasterin geführt, die uns sagte, sie habe viel mehr Angst vor Terroranschlägen und fände es daher gut, wenn ICE rund um die Stadien präsent ist. Sie meinte: „Wenn du kein illegal Eingewanderter bist und kein Krimineller, dann hast du doch nichts zu befürchten.“

Awounou: Und dann sitze ich in New York mit einem Fan mit mexikanischen Wurzeln in einer Bar und seine weiße Freundin erzählt mir, dass sie sich Sorgen um ihren Partner macht und nicht weiß, ob er unbescholten die Mexikaner anfeuern kann. Wir haben mit dem Politikwissenschaftler Jules Boykoff gesprochen, der People of Color davon abrät, zur WM zu kommen. Die Meinungen gehen da sehr auseinander.

Für die WM ist auch der Iran qualifiziert, wenngleich nach wie vor nicht klar ist, ob das Team einreisen darf. Der Krieg der USA ist innenpolitisch hoch umstritten. Erwarten Sie, dass es zu Protesten oder gar Ausschreitungen kommt?

Awounou: Es ist ja sogar möglich, dass die USA und der Iran gegeneinander spielen. Wenn beide Zweiter werden, dann spielen die USA im Sechzehntelfinale gegen den Iran. Man muss also den sportlichen Verlauf mitdenken und kann nur spekulieren, ob eine Anti-Kriegs-, eine Anti-Iran oder eine Anti-USA-Stimmung aufkommt. Auffällig war dennoch, dass ich wenig reine Freude auf dieses Turnier erlebt habe. In den Gesprächen schwang immer ein „Aber“ mit und dafür waren vor allem sicherheitspolitische Bedenken der Grund…

Zamperoni: …die natürlich auch systemisch bedingt sind. Weil die Gesellschaft in den USA so ist, wie sie ist, ist Trump überhaupt möglich geworden. Das sollte man nicht vergessen. Er ist ein Symptom der gesellschaftlichen Spaltung, wirkt gleichzeitig aber immer mehr wie ein Brandbeschleuniger. Er hat dem iranischen Team offen von einer WM-Teilnahme abgeraten. Da lautet die Konstellation also buchstäblich: zu Gast bei Feinden.


„Spielfeld der Macht. Die WM in Trumps Amerika“ ist online in der ARD-Mediathek verfügbar. Am Montag, 8. Juni, wird die Dokumentation um 20.15 Uhr in der ARD ausgestrahlt.