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Schauspiel KölnSpielzeit endet mit Lernerfahrungen zwischen acht und 92

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Allein unter Häschen: Szene aus „Hundert“ im Schauspiel Köln

Mit „Hundert“, der 34. und letzten Premiere der Spielzeit, stellt sich das neue Stadtensemble des Kölner Schauspiels vor.

„Du lächelst zum ersten Mal in deinem Leben, und die anderen lächeln zurück.“ Dazu das Bild eines Elternpaars, das in einen Kinderwagen schaut. So beginnt Heike Fallers bunt bebildertes Lebensbuch „Hundert“. In dem hat die Journalistin auf ebensovielen Doppelseiten Lernerfahrungen für jedes Alter versammelt, vom ersten bis zum 100. Geburtstag. Lebenslanges Lernen, das ist zum Klischee ewiger Wettbewerbsfähigkeit verkommen, dabei sollte es doch eigentlich um all die Erkenntnisse gehen, die auf der langen Reise von Geburt zu Tod an jeder Ecke warten, um Erfahrungen, die Ältere mit Jüngeren teilen können – und natürlich ebenso andersherum.

David Vogel hat sich (zusammen mit Co-Regisseurin Nina Mackenthun) von Heike Fallers Buch zur ersten Arbeit des neu gebildeten Stadtensembles anregen lassen. „Hundert“ ist die 34. und letzte Premiere dieser Spielzeit. Darin reproduziert der Regisseur aber nicht einfach Fallers Inhalte, sondern ersetzt sie durch die ganz individuellen – und doch erstaunlich allgemeingültigen – Lebenslehren der 19 Bühnenlaien zwischen acht und 92 Jahren.

Der Dialog der Generationen ist auch ein Zwiegespräch mit sich selbst

Unter ihnen erkennen wir einige bekannte Gesichter aus der „Old School“ und aus dem ehemaligen Jugendensemble des Kölner Schauspiels. Jetzt sind sie in einer gemeinsamen Truppe aus Alltagsexperten und -expertinnen vereint: So entspinnt sich tatsächlich ein Dialog der Generationen, manchmal ist es auch ein Zwiegespräch mit dem jeweils jüngeren Selbst.

Juna und Johanna, die beiden Jüngsten des Ensembles, stehen schon während des Einlasses im Aufzug des stilisierten Lebenshauses (Bühne: Anna Lachnit), zählen von 1 bis 100 und wieder zurück, bis das Leben endlich beginnt. Das erste Lächeln, das erste Kinderspiel und viel zu schnell auch schon die Schule. Dass es jetzt so etwas wie Hausaufgaben gibt und dass deshalb weniger Zeit zum Spielen bleibt, hat Johanna schon gelernt. Und Juna weiß, dass dir die Lehrer ganz viel verzeihen, wenn du süß guckst.

Das Ensemble im Haus des Lebens, vorne Johanna Barthel (l.) und Juna Martha Khamis

Mit jeder Umdrehung wird die Welt ein wenig größer. Sabri erinnert sich an den Umzug von Meinerzhagen nach Köln, vom dritten in den zwölften Stock. Und gleichzeitig mit ihm erzählt die viel ältere Lily, wie sie als deutsch-französisches Kind kurz nach dem Krieg zum ersten Mal die Großmutter in der Normandie besucht – und die ihr erklärt, dass Besucher kommen, die sie als Deutsche nicht begrüßen werden.

Immer wieder konterkariert Vogel solche auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Erfahrungen, Geschichten, zwischen denen viele Jahrzehnte und hunderte von Kilometern liegen. Die sich aber dennoch gegenseitig erhellen – so wie es im angeführten Beispiel um die erste Begegnung mit der Fremde geht. Und zum Glück überlässt er es dem Publikum, diese Gemeinsamkeiten zu entdecken, und setzt dort, wo man den Lebenslauf als Stationendrama des Erwartbaren abtun könnte – erste Liebe, erster Liebeskummer, erster Job, erstes Kind –, surrealistische Einsprengsel.

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Da spaziert dann ein menschliches Zebra ins Bild, als Wunderwesen, das gelernt hat, dass sich Schwarz und Weiß im Leben immer abwechseln. Oder setzt Wolfgang, umgeben von Häschen mit winkenden Riesenohren, zu einer Art Dada-Sinfonie an: „Fümms bö wö tää zää Uu, pögiff, kwii Ee.“ Er trägt eine Kette aus Stofftieren und erzählt inmitten des fröhlichen Unsinns, wie ihn der Vater im Alter von sechs Jahren gezwungen hatte, seine Kuscheltiere in den Kohleofen zu werfen, weil er nun schon groß sei. „Tilla luula loola luula“, intoniert Wolfgang mit seinem Häschenchor, dann teilt er seine späte Lernerfahrung: „37 Jahre – und du machst wieder mehr Unsinn.“

Das wollen wir auch lernen, das tut gut. So wie Elisabeths Soloszene, in der uns die junge Frau mit Down-Syndrom – vor allem aber mit umwerfender Bühnenpräsenz – ihre bisherigen Theaterrollen vorspielt, vom Sommernachtstraum-Puck bis zu Frankensteins Monster. „Alle haben Angst vor mir“, stellt sie noch im Monster-Modus fest: „Warum? Kann man sich ändern? Könnt ihr euch ändern? Was muss sich ändern?“ Vieles, das ist nach 100 Minuten klar, denn zu den Erfahrungen der 19 gehören unter anderem – wie denn auch nicht? – Flucht- und Fremdenfeindlichkeit, alltäglicher Sexismus und lebensbedrohliche Krankheiten.

Der Abend bewegt sich im größtmöglichen Rahmen, aber die Falle der Beliebigkeit umschifft er, indem er sich ganz auf die persönlichen Erlebnisse des Stadtensembles konzentriert. Je eigensinniger, desto eindrücklicher, desto lehrreicher. Es gibt keine fixe Gebrauchsanweisung fürs Leben, es gibt nichts, was man machen muss: Diese schönste Erkenntnis hat sich Horst, mit 92 Jahren Ensembleältester, zusammengereimt: „Ich muss gar nix, außer schlafen, trinken, atmen und ficken/Und gelegentlich um 4 Uhr früh ’n Burger verdrücken.“

Er lächelt. Wir lächeln zurück.