Mit der Aufführung von „Tancredi“ am 5. Juli fällt im Staatenhaus buchstäblich der letzte Vorhang. Ein Blick zurück auf das Opern-Interim.
Oper KölnWehmut kommt beim Abschied vom Staatenhaus nicht auf

Das Staatenhaus der Oper Köln bei Nacht
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„Die männlichen Kollegen singen hier trotzdem.“ Adriana Bastidas-Gamboa sagt da eigentlich etwas Selbstverständliches – Operndarsteller und -darstellerinnen müssen sich vor der Aufführung in ihrer Garderobe einsingen dürfen. Im Deutzer Staatenhaus ist das aber untersagt, weil die provisorischen Räume keine Decken haben, also ein jeder oder eine jede die Geräusche im Nebenabteil zwangsläufig abbekommt. Überhaupt ist das karge Compartment, wo der Besucher den gefeierten Mezzo aus dem Kölner Opernensemble antrifft, kein sonderlich anheimelnder Aufenthaltsort. Dass die Raumtemperatur trotz der brütenden Sommerhitze draußen sehr erträglich ist – es ist wohl noch das Beste, was man sagen kann.
„Ja, ich schließe das Staatenhaus“, merkt Bastidas-Gamboa mit selbstironischem Stolz an – und unverkennbarer Erleichterung darüber, dass sie von September an wieder in einem „richtigen“ Opernhaus auftreten kann. Tatsächlich geht an diesem Sonntag mit der letzten Vorstellung der „Tancredi“-Sequenz, in der sie die Titelpartie singt, das seit über zehn Jahren währende Deutzer Interim – man könnte auch sagen: das Exil – der Kölner Oper zu Ende. Diesmal definitiv, wie es aussieht – angesichts der zurückliegenden Erfahrungen mag man ja an die Wiedereröffnung der sanierten Riphahn-Oper am Offenbachplatz erst glauben, wenn sie stattgefunden hat.
Im Staatenhaus der Oper Köln steht bereits alles auf Abbruch
Im Staatenhaus steht bereits alles auf Abbruch – der Saal 3 wird schon lange nicht mehr bespielt, und die Container im Hof hinter dem Gebäude sind ebenfalls entleert. Zentrale Abteilungen wie Intendanz, Spielleitung und Betriebsbüro residieren derzeit übergangsweise in der Krebsgasse auf der Rückseite der alt-neuen Oper.
In Deutz geht der Opernbetrieb auf Anhieb bis zur letzten Minute unauffällig-routiniert weiter – das Publikum merkt an der Getränketheke oder beim Einlass nichts vom unmittelbar bevorstehenden Aus. Trotzdem wissen die Besucher, die trotz Hitzeangriff noch einmal zahlreich den Saal 2 füllen, selbstredend Bescheid. Abschiedsstimmung oder gar Wehmut will aber auch während der Pause im Foyer keineswegs aufkommen. Eine unverbindliche Umfrage en passant ergibt ein dominantes Meinungsmuster: War nicht so schlecht hier, aber jetzt wird es Zeit, dass es aufhört.
Bastidas-Gamboa sieht das ähnlich. Für sie selbst, die seit 2008 Ensemblemitglied ist (also auch die Riphahn-Oper gut kennt), war die Zeit im Staatenhaus mit vielen persönlichen Erfolgen und entscheidenden Karriere-Stationen verbunden – vielen Opernfreunden dürfte vor allem ihre ikonische Carmen-Darstellung in Lydia Steiers Inszenierung erinnerlich sein.
Die leidige Akustik ist auch bei „Tancredi“ nicht zu überhören
Gleichzeitig mussten, sagt sie nicht nur über die eigene Performance, die vielen Erfolge im zähen Kampf gegen widrigste Umstände errungen werden: „Jede Produktion war eine Herausforderung – für alle Abteilungen.“ Als Beispiele nennt sie die schwierige, für Sänger anstrengende Akustik, die oftmals „abseitige“ Positionierung des Orchesters, die Nicht-Sichtbarkeit des Dirigenten und eine Klangverzögerung, die man auf der Bühne zu „antizipieren“ lernen musste. Wenn sie in dieser Zeit zu Gastauftritten etwa an der Berliner Staatsoper weilte und daran erinnert wurde, wie ein Opernhaus funktioniert, sei das schon ein „richtiges Geschenk“ gewesen. Als weitere schwere Belastung kam dann noch Corona dazu.
Die leidige Akustik – sie bringt sich auch noch in der letzten Produktion als solche zur Geltung. George Petrou am Dirigentenpult gibt sich alle erdenkliche Mühe, aber die Holz- und Blechbläser klanglich über die Scheunenbreite der Bühne in Saal 2 zu integrieren – das bekommt auch er nicht hin.
Und in der Tat fehlte in den drei Sälen des Staatenhauses nahezu alles, was es an Equipment an einem normalen Opernhaus gibt, von der Ober- bis zur Untermaschinerie. Für die „Tancredi“-Inszenierung konnte, o Wunder, sogar eine Drehbühne installiert werden – die man freilich vernehmlich knarzen hört. Ein anderes Mal, erzählt Oberspielleiterin und Regisseurin Eike Ecker, funktionierte das mit der Drehbühne überhaupt nicht: „Eine halbe Stunde vor einer Aufführung von ‚Mosè in Egitto‘ fuhr die Drehbühne nicht. Wir haben dann die Bewegung um die stehende Bühne herum stattfinden lassen. Das klappte auch – weil 250 Leute prima zusammenarbeiteten.“

Das Ensemble der Tancredi-Aufführung der Oper Köln
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Klappen – dank Einfallsreichtum, Improvisationstalent und zähem Glauben ans Gelingen – musste, konnte aber auch vieles, seit jener berüchtigten Pressekonferenz im Juni 2015 bekannt gegeben worden war, dass es mit der anvisierten Wiedereröffnung in der kommenden Spielzeit nichts werden würde. Von eben auf jetzt musste, seinerzeit unter der Intendanz von Birgit Meyer, eine neue Ersatzspielstätte her – im Musical Dome konnte man nicht bleiben. Sie wurde dann eben im leer stehenden Staatenhaus ausfindig gemacht. Das Unmögliche geschah: Im November 2015 konnte das neuerliche Interim noch halbwegs pünktlich beginnen, mit „Benvenuto Cellini“ in der vital-ideenarmen Inszenierung von La Fura dels Baus und unter dem Dirigat des neuen Kölner GMD François-Xavier Roth. Der überdimensionierte goldene Totenkopf aus dieser Produktion zierte dann lange den Eingangsbereich zum Saal 1.
Ecker, von Anfang an dabei, betont im Gespräch, dass die zahlreichen Limitierungen genauso wie die hochexperimentelle Basissituation bei den im Haus Beschäftigten einen besonderen kreativen Spirit freisetzten – der dann auch Resultate zeitigte, wie sie im normalen Betrieb nicht möglich gewesen wären: etwa mit Zimmermanns „Soldaten“, bei denen das auf Drehstühlen in der Mitte sitzende Publikum die rundherum gebaute Oper im 365 Grad-Schwenk verfolgen konnte. Auch über andere Produktionen gerät Ecker immer noch ins Schwärmen – etwa wenn Regisseure aus der Not eine Tugend machten und zum Beispiel die hinderlichen Pfeiler der Staatenhaus-Architektur zum Bestandteil ihrer Inszenierung machten.
Da mussten Eröffnungsspielzeiten geplant werden, die dann nicht kamen
Intendant Hein Mulders kam erst 2022 nach Köln – immerhin mit der Zusicherung, zwei Jahre später an den Offenbachplatz umziehen zu können. Daraus wurde dann bekanntlich genauso wenig wie aus späteren Terminzusagen. Dieses „April, April“-Spiel setzte den Niederländer unter einen Druck besonderer Art: „Da mussten Eröffnungsspielzeiten geplant werden, die dann nicht kamen. Vielmehr mussten die für den Offenbachplatz geplanten Inszenierungen für das Staatenhaus adaptiert werden.“ Diese latente Doppelplanung mit Blick auf allemal mögliche Terminverschiebungen und angesichts eines unvermeidlichen Vertrauensverlustes – „das war schon ein echter Frust“. Mulders lobt im Nachgang intensiv die Flexibilität der Kollegen und Kolleginnen am Haus, die die Terminverschiebungen immer wieder aufs Neue mitgetragen und umgesetzt haben. Aber auch die Regisseure und Dirigenten, die das mit sich machen ließen – „aber ich habe sie natürlich auch ein bisschen danach ausgesucht“.
Außenstehende können sich wahrscheinlich kaum vorstellen, welche Hindernisse da zu überwinden waren. Nora Weyer hat es als Leiterin des Künstlerischen Betriebsbüros alles mitbekommen: „Das reichte im Backstagebereich von Hereinregnen über Heizungsausfall und Wasserrohrbruch bis zum vorübergehenden Verschwinden von Kontrabässen.“ Hinzu kamen die logistischen Probleme der Standortverteilung zwischen Hürth, Mülheim und Lindenthal: „Das ständige Hin und Her war schon eine Belastung. Demnächst sind wir ja alle wieder unter einem Dach.“ Ändern wird sich auch die Organisation des Spielplanes: Der Umzug zeitigt auch die Aufgabe des festivalnahen Stagione-Prinzips zugunsten eines hergebrachten Repertoire-Theaters oder doch zumindest Semi-Stagione-Betriebs.
Und das Publikum? Nun, diejenigen, die der Oper auch im Exil die Treue hielten, fällen im Schnitt kein schlechtes Urteil. Viele blieben damals aber auch einfach weg – für sie bedeutete, fälschlicherweise, wie man sagen muss, „Interim“ so viel wie „keine Oper“. Laut Weyer kommen die aber jetzt zurück: „Die Abozahlen haben sich vervielfacht.“
Verzichten muss das Publikum von September an auf den direkten Kontakt mit den Künstlern, der sich im Staatenhaus immer wieder aufgrund des gemeinsamen Zugangs zu den Aufführungsstätten ergab. Viele Besucher fanden diese Nähe schön und anheimelnd, viele Künstler allerdings nicht: „Erst Distanz, die Existenz nur auf der Bühne schafft Theatermagie“, sagt Adriana Bastidas-Gamboa: „Ich bin da immer mit dem Blick nach unten durchs Foyer gegangen, zumal vor der Aufführung.“
