In der letzten Inszenierung im Staatenhaus transformiert Jan Philipp Gloger Rossinis frühes Ritterdrama ins Mafia-Milieu.
„Tancredi“ an der Kölner OperHier gibt es keine Helden

Giuliana Gianfaldoni (l) und Adriana Bastidas-Gamboa als unglückliches Liebespaar.
Copyright: Matthias Jung
Ritterlichkeit besitzt in der Welt der Drogenbarone wohl eine eher untergeordnete Rolle. In der Oper Köln liefert die letzte Inszenierung im Interimsquartier Staatenhaus den Gegenbeweis: Rossinis frühes Ritterdrama „Tancredi“ in einer Transformation in das Mafia-Milieu lässt eine verkleidete Frau um das Leben ihrer Geliebten mit dem bösen Ankläger kämpfen und siegen. So unwahrscheinliche Wendungen lassen sich nur in der Illusions-Werkstatt Oper erleben.
Mit 21 Jahren komponierte Gioachino Rossini diese erste Opera seria, dennoch ist sie mitnichten ein Jugendwerk, denn der junge Komponist besorgte mit dieser seiner zehnten Oper den wahren Durchbruch in den höchsten Opernolymp. Es musste nämlich eine ernste oder sogar tragische Oper sein, um echte Klasse zu beweisen. Die nur ein Jahr später entstandene „Italiener in Algier“ existiert ewig an allen großen Bühnen, in Köln inszeniert von den Legenden Michael Hampe und Jean-Pierre Ponnelle. „Tancredi“ ging nach einer kurzen, aber beachtlichen Weltkarriere unter.
Die Produktion entstammt der Experimentierbühne aus dem österreichischen Bregenz, dessen übersichtliches Festspielhaus gleich neben der prominenten Seebühne mit deren spektakulären Masseninszenierungen sich während der Saison für das Besondere öffnet – Köln hat die Produktion aus 2024 samt Bühnenbild eingekauft.
Spagat zwischen Werktreue und spannender Bühnenunterhaltung
Dies führte dazu, dass diesmal nicht die Qualität des Interims, nämlich die flexible Neugestaltung der Bühnen, beziehungsweise der Orchesterposition ganz nach Ansprüchen der Regie, ausgenutzt wurde, sondern dass die Guckkasten-Perspektive mit vorgelagertem erhöhtem Graben nachgestellt wurde. Das bleibt nicht aus bei Koproduktionen, in der kommenden Spielzeit finden sich kaum unabhängige Premieren im auf Nachhaltigkeit bedachten Management – dann aber im Opernhaus.
Der Regisseur Jan Philipp Gloger, gebürtiger Hagener und heute Direktor des Volkstheaters in Wien, der traditionell deutschsprachig volksnahen Opernbühne dieser Kunstmetropole, erzählt den Stoff der Voltaire-Tragödie neu. Er schafft den Spagat zwischen Werktreue und spannender Bühnenunterhaltung, indem er die zahlreichen sehr lang gezogenen Rezitative und Arien mit Engelsgeduld und Hingabe des Dirigenten George Petrou aussingen lässt und diese auf der ebenso langsam gefahrenen Drehbühne mit Action bebildert. Letzteres ermöglicht zum einen die genial konstruierte Bühne von Ben Baur, der den aktuellen Drogenpalast – ein alter Säulenbau mit vielen Einblicken und Winkeln, von der 50er-Jahre-Küche bis zur gekachelten Folterkammer – in Bewegung hält.
Zum anderen agiert der kraftvoll singende und fischschwarmartig herumwirbelnde Männerchor unter Führung einer Spezialtruppe von Stuntmen, die in zahllosen choreografierten Showkämpfen die aggressiv aufgeladene Stimmung im Hause verdeutlichen. Das hat Gründe, auch in der modernen Lesart des Regisseurs.
Nach knapp tausendjährigem Ruck nach vorn – das Original spielt um das Jahr 1005 in Syrakus – landete das Kölner Premierenpublikum im Kampf zweier eigentlich verfeindeter Clans gegen die Staatsgewalt. Hier wird noch vor dem Frühstück gemordet, alle Sonnenbrillen- und Gürtelschnallen-Machos wirbeln mit ihren Pistolen herum, eine Schlägerei folgt der vorherigen. Um die sich nicht grünen Clans zu vereinen, fordert Orbazzano, ein widerlicher Hotzenplotz-Verschnitt, vom Hausherrn und Vater Argirio als Treue-Geschenk dessen Tochter Amenaide zur Frau – sie ist heimlich verlobt mit Tancredi, eigentlich ein Einzelkämpfer, besetzt als Hosenrolle von einem Mezzosopran.
Alle halten still bis zum tragischen Ende
Regisseur Gloger hatte nun den hippen Einfall, die einen Mann spielende Frau zurückzuverwandeln in eine Frau – und fertig war das lesbische Skandalpärchen, das in der wahrscheinlich eher konservativen Welt der Drogenbarone einen schweren Stand hat. Amenaide schickt ihrer Geliebten einen Brief, der abgefangen wird und sie missgünstig interpretiert als Verräterin überführt – sie muss sterben, das Drama nimmt seinen Lauf.
Gerade der Geschlechterwechsel entpuppt sich in unseren Tagen in Köln als sehr zahnloser Tiger, erhellt aber vielleicht ein anderes Problem der Handlung. Die Frage steht im Raum: Warum klärt die Verurteilte nicht mit kurzen Worten wenigstens ihre Geliebte auf, damit sie eine Vertraute zurückgewinnen kann? Denn alle halten still bis zum tragischen Ende – Rossini wandelte das ursprüngliche Happy End in ein tragisches Finale, jetzt serviert nach kurz geschlossenem Vorhang wie einen Epilog.
Es gibt im Stück die Vertraute Amenaides, genannt Isaura, dargestellt von Johanna Thomsen, einem Mitglied des Internationalen Opernstudios. Auch ihr schrieb Rossini eine Solonummer der Sonderklasse, locker gesäuselte Koloraturen und große Seufzer wie nebenbei im täglichen Kücheneinerlei. In dieser Inszenierung gibt es keine Helden, niemand spielt sich in den Vordergrund. Gabriele Sagona als böser Drogenboss führt seinen satten Bass rollenecht ungeschliffen, sein Gegenspieler Dmitry Ivanchey als Figur zwischen Boss- und Papa-Rolle setzt in seiner umfangreichen Partie auf den leichten Spieltenor ohne heroische Spitzen.
Adriana Bastidas-Gamboa in der Titelrolle genügt ihrer Hosenrolle, auch als Frau spielt sie ja den Mann. In der sogenannten Reis-Arie „Di tanti palpiti“ – Leckermäulchen Rossini soll sie komponiert haben, während er auf sein Risotto wartete – zeigte sie bereits ihre feine Stimmführung und den emotionalen Tiefgang, der sie auch im neuen Haus als Protagonistin empfiehlt. In „Tancredi“ kaufte ihr allerdings die Sopranistin Giulinana Gianfaldoni mit ihren zart schwebenden Spitzentönen im Pianissimo selbst aus der Folterzelle die Spitzenposition im Sänger/innen-Ranking des Abends ab.
Dirigent George Petrou, selbst am Cembalo, setzte die ruhige Gangart seines jung besetzten Gürzenichorchesters durch, Garant für die final immer sparsamere Pianokultur in Rossinis Drama. Gleichzeitig empfahlen besonders die leisen Stellen den baldigen Umzug von der knarrenden Drehbühne und den dröhnenden Bässen aus dem bespielten Staatenhaus ins neue Haus – auch ein Abschied, auch mit einer ebenso leisen Träne.
Stückbrief
Leitung: George Petrou
Regie: Jan Philipp Gloger
Bühne: Ben Baur
Darsteller: Adriana Bastidas-Gamboa, Giuliana Gianfaldoni, Dmitry Ivanchey, Gabriele Sagona, Johanna Thomsen
Dauer: 3 Stunden, inklusive Pause
Aufführungen: 21./23./25.06. und 1./3./5.07.26 mit wechselnden Anfangszeiten
