Es ist Kölns größter Umzug: Nadine Bolz und Volker Rhein organisieren die Rückkehr von Schauspiel und Oper an den Offenbachplatz.
Bühnen zurück am Offenbachplatz„Im Moment ist die Anspannung größer als die Vorfreude.“

Nadine Bolz und Volker Rhein, die Technischen Direktoren von Schauspiel und Oper in den neu bezogenen Räumen am Offenbachplatz.
Copyright: Arton Krasniqi
Es ist soweit und diesmal wirklich. Ab dem 19. September feiern die Kölner Bühnen ihre Rückkehr an den Offenbachplatz. Mit Festen und Festakten, mit einer Eröffnungsgala und natürlich den ersten Premieren an Oper und Schauspiel. Davor gibt es allerdings noch jede Menge zu tun, der Umzug ist ein logistischer Kraftakt. Wir sprechen mit Volker Rhein, dem Technischen Direktor der Oper Köln, und Nadine Bolz, zusammen mit Galina Nelles Technische Direktorin des Kölner Schauspiels, über die Herausforderungen am alten, neuen Standort.
Frau Bolz, Herr Rhein, wie organisiert man nach 14 Jahren Interim einen Umzug ins neue alte Haus? Gab es ein Startdatum, an dem es losging?
Nadine Bolz: Den einen großen Startpunkt hätten wir uns in einer idealen Welt gewünscht. Doch wir mussten uns nach der Baustelle richten: Sie hat den Zeitplan vorgegeben, den wir engmaschig begleiten und seit mehreren Monaten, teilweise Jahren diskutieren. Anhand dessen haben wir uns orientiert, wann Umzüge und Übergaben stattfinden können. In der echten Welt war es so, dass sich der Baustellenzeitplan unserem Zeitplan immer weiter annäherte, sodass es einen einzigen Startpunkt nicht gegeben hat.
Volker Rhein: Den Anfang haben unsere Techniker gemacht, damit auch Proben stattfinden können. So arbeiten wir uns vor bis zu dem Punkt, wo dann wirklich die ganze Belegschaft wieder nach und nach zurück an den Offenbachplatz ankommt.
Bolz: Es finden immer noch Bautätigkeiten statt, und wir beziehen Räumlichkeiten, die vor Kurzem noch durch die Mitarbeitenden der Sanierung genutzt wurden. Es ist ein sehr fließender Übergang geworden, der allen gerade sehr viel Nerven und Energie abverlangt. Zwei Drittel der Kollegen und Kolleginnen sind vor der Sommerpause am Offenbachplatz angekommen. Den Spielbetrieb aufzunehmen, ist erst nach der Sommerpause möglich.
Rhein: Vor allem müssen wir jetzt auch raus aus unseren Ausweichspielstätten.
Sie müssen umziehen, obwohl vieles noch nicht fertig ist.
Rhein: Wir leben gerade in zwei Welten am Offenbachplatz, weil wir eine Baustelle in der Baustelle haben. In den Bereich vor dem Opernhaus und dem Schauspielhaus darf man nur mit Weste, Sicherheitsschuhen und Helmen hin. Aber in die Büros, in die wir gerade einziehen, gibt es die zweite Welt. Dort richten sich jetzt auch Maskenbildner, Tontechniker und andere Gewerke in ihren Büros und Lagern ein.
Bolz: Den Spielbetrieb haben wir Ende Mai eingestellt im Depot, sodass es die Chance gab, alles einzupacken. Das hat uns sicherlich Zeit gebracht. Während wir im Depot Kisten gepackt haben, war es dann doch so, dass Räume noch nicht ganz fertig, Möbelstücke noch nicht geliefert waren. Aber im Depot wird jetzt die Nachnutzung vorangetrieben, und wir haben Zeitpläne, die wir einhalten müssen. Wenn wir dort noch fünf Stühle, drei Schränke stehen lassen oder eine Dekoration, ist das erst mal nicht so dramatisch. Wir können es auch im September noch abholen.
Über die Freude reden wir nach der ersten Premiere, wenn uns ein Riesenstein von den Schultern fällt.
Wie plant man, wer wann umzieht? Klar, dass Licht brennen muss, bevor man einen Raum bezieht. Aber wie entscheidet man bei den unterschiedlichen Gewerken die Reihenfolge?
Rhein: Wir haben lange im Voraus geplant. Gerade bei den Absprachen mit der Baustelle gibt es Fachfirmen, die uns unterstützen. Wir haben das über Wochenpläne organisiert – ganz traditionell mit Post-its. Man hatte am Anfang versucht, das alles digital zu machen, aber das war keinen Deut besser. Wir sitzen mit den Kollegen von der Baustelle wöchentlich in mehreren Terminen zusammen. Ich habe mal zusammengerechnet: Seit Januar habe ich ungefähr 15 Stunden pro Woche Baubesprechung, zusätzlich zu meinem eigentlichen Job. Für die Umzugsplanung haben wir ein ganzes Team, das die Umzugslogistik macht.
Bolz: Wir haben für unsere Bereiche den Zeitplan gemacht und besprochen, wann wer einziehen kann. Da wurden Prioritäten gesetzt. Chorproben, Bühnenproben, Proben auf der Probebühne – da gibt es viele Abhängigkeiten: Heute zieht das Schauspiel um, dann die technische Abteilung, dann die Büros, dann die Intendanz, zwischendurch die Kostümabteilung.
Schauspiel und Oper waren fast 15 Jahre getrennt. Mussten Sie wieder neu lernen, alles miteinander zu koordinieren und gemeinsame Räume und Stellflächen zu nutzen?
Rhein: Wir haben zwar unsere Außenlager geteilt, aber jetzt müssen wir viel mehr Räumlichkeiten teilen und besprechen, wer wo was hinpacken kann. Aber die Wahrheit ist: Man kann viel planen, und irgendwann steht man doch zusammen und fragt sich, wie man jetzt mit dieser Situation umgeht. Dafür sind wir Theaterleute. Wir wollen, dass das Theater funktioniert, und dann finden wir eine Lösung. Es ziehen zum Beispiel zwei Elektrowerkstätten aus dem Depot und aus dem Staatenhaus zusammen in einen kleinen Raum. Da müssen die Leute sich schon sehr mögen: Zum Glück tun sie das auch.
Bolz: Das Einfallstor ist der neue Betriebshof, wo die Anlieferungen stattfinden. Er hat sich in den letzten Wochen als neuralgischer Punkt herausgestellt, vor allem wenn die Aufzüge nicht funktionieren. Gerade rollen die Umzugswagen parallel zu den Transportern und Lkw mit unseren Bühnenbildern an. Es bilden sich lange Schlangen. Das ist die neue Realität hier in der Innenstadt. Die Zuwegung ist natürlich eine ganz andere als im Depot oder im Staatenhaus, wo man unter sich war.
Wie ist Ihre Gefühlslage so kurz vor der geplanten Wiedereröffnung? Und empfinden Sie auch Abschiedsschmerz?
Rhein: Ich fühle definitiv einen Abschiedsschmerz. Ich habe vor elf Jahren das Staatenhaus als Opernspielstätte mitaufgebaut. Ich war der Erste, der da reingegangen ist. Jetzt ist dort kürzlich das letzte Mal Opernmusik erklungen. Da ist man wehmütig, ganz klar. Trotzdem arbeite ich seit Beginn dieser Spielzeit darauf hin, jetzt umzuziehen. Und es hat in den Jahren so viele Stellen gegeben, an denen wir jeden Tag gemerkt haben: Das ist nicht von Dauer. Elf Jahre waren zu lang.
Was war denn besonders problematisch?
Rhein: Dass es im Backstage-Bereich nur einen großen Raum gab, und es dort immer laut war. Dass wir keine Obermaschinerie hatten, keine technischen Hilfsmittel. Dass wirklich alles händisch durch die Bühnentechnik gemacht werden musste. Gut, dass das jetzt ein Ende hat. Aber wir haben nach elf Jahren dieses Gebäude zu unserem Gebäude gemacht. Wir haben viele erfolgreiche Stücke gemacht, eine spannende Opernzeit gehabt. Wir haben das Publikum mitgenommen. Trotzdem sind wir froh, dass es jetzt losgeht.

Volker Rhein und Nadine Bolz in den Büroräumen der Kölner Bühnen.
Copyright: Arton Krasniqi
Die Sanierung verzögerte sich wieder und wieder. Wann war der Moment, in dem Sie dachten: Jetzt glaube ich, dass es klappt?
Rhein: Ich hoffe, den habe ich, wenn im September der Spielbetrieb beginnt. Das Ausziehen klappt, da bin ich zuversichtlich, dass wir das vernünftig geplant haben. Da sind wir nur von unserem Team abhängig. Die Kolleginnen und Kollegen kann ich einschätzen, mit denen arbeite ich lange zusammen. Wenn die mir sagen, das geht so, dann weiß ich, das geht so. Auf der Baustelle sind wir aber abhängig von vielen anderen Sachen. Wenn hier etwas ausfällt, haben wir keinen Zugriff darauf. Deswegen ist momentan die Anspannung größer als die Vorfreude. Über die Freude reden wir nach der ersten Premiere, wenn uns ein Riesenstein von den Schultern fällt.
Gab es auch mal Momente der Panik?
Bolz: Panik ist vielleicht der falsche Ausdruck. Die hilft auch nicht. Was zu spüren ist, ist eine Erschöpfung – eine körperliche und mentale Erschöpfung. In einer idealen Welt hätte es einen Übergabepunkt gegeben: Dann wären wir hier angekommen, es hätte ein Einrichten gegeben und irgendwann den Probenbeginn und die erste Premiere. Jetzt passiert alles auf einmal. Das ist eine große Herausforderung, zumal wir alle eine komplette Spielzeit hinter uns haben.
Ist das ein wenig wie eine Operation am offenen Herzen, weil der öffentliche Druck angesichts der Dauer und der Kosten hoch ist?
Rhein: Ja, schon. Jeden Tag kann etwas anderes passieren, und nebendran läuft das EKG. Es schlägt nach oben aus, nach unten aus, aber es bleibt nicht stehen, das ist gut. Ich bin mir sicher, um im Bild zu bleiben, dass wir die Wunde wieder verschließen können und das Herz weiterschlägt. Aber es ist eine 24-Stunden-OP.
Man kann nur zu 80 Prozent planen, der Rest muss spontan entschieden werden. Aber ein Theatermensch kann improvisieren.
Im Staatenhaus und im Depot hatten Sie mit den Schwierigkeiten des Interims zu kämpfen. Haben Sie das Gefühl, dass sich der ganze Stress lohnt, wenn die Möglichkeiten bald wieder so sind, wie sie eigentlich sein sollten?
Bolz: Wenn wir tatsächlich die Premieren absolviert haben, wird bestimmt noch einmal viel abfallen. Es zeigt sich auch jetzt schon in den Momenten, in denen etwa Kay Voges die neue Beschallungsanlage anhören durfte, wir Licht gemacht haben, wir das Bühnenbild für die Eröffnungsinszenierung aufgebaut haben, die Podien gefahren sind. Da passiert emotional viel. Auch bei den Kolleginnen und Kollegen, die merken: Das ist eine richtig große Bühnentechnik. Etwas, das es 14 Jahre in der Form nicht gegeben hat. Das macht Spaß, und es ist toll, damit die nächsten Jahre herumexperimentieren zu können.
Brauchen Kolleginnen und Kollegen, die im Staatenhaus oder im Depot angefangen haben, eine Schulung für die Bühnen hier?
Rhein: Ja, viele. Wir sind auch schon dabei. Das ist genau das, was uns das Leben gerade sehr komplex macht: Das Team, mit dem wir ausgezogen sind, ist nicht mehr dasselbe, das jetzt einzieht. Ich habe einen sehr guten Bühnenmeister, der im Staatenhaus seine Ausbildung als Fachkraft für Veranstaltungstechnik und seine Meisterausbildung gemacht hat. Der kennt nur diese Staatenhauswelt. Daran merkt man, wie lange wir raus sind. Von 55 Leuten in der Bühnentechnik sind noch 15 dabei, die die alte Oper kennen. Der Generationenwechsel ist passiert.
Bolz: Viele freuen sich auf die Rückkehr, aber für viele ist das hier ein neues Haus. Es gibt genügend Leute, die zum Offenbachplatz gar keine Verbindung haben, die hereinkommen und sagen: Das ist spannend, ich freue mich darauf, etwas Neues ist super.
Rhein: Und es gibt ein paar alte Hasen, die den anderen sagen: Lohnt sich, wird schön.
Bei der Eröffnung wird alles feierlich sein, aber erst mal fühlte sich der Einzug doch vermutlich wie eine Marslandung an, oder?
Rhein: Wir mussten mit Westen einziehen, erst mal fegen und den Bauarbeitern erklären, dass es ernst gemeint ist, dass wir jetzt kommen und Scheinwerfer einhängen. Wir können auch einen Helm tragen, das ist kein Problem, aber wir arbeiten normalerweise anders. In unserer Welt ist es völlig normal, dass man unter schwebenden Lasten barfuß und ohne Helm arbeitet. Da sind schon zwei Welten aufeinandergeprallt.
Bolz: In dem Zusammenhang hat Volker mit dem Kernteam der Ingenieurinnen und Ingenieure noch einmal eine Begehung im Staatenhaus gemacht und wir auch im Depot, um zu zeigen, was hier eigentlich passiert. Die waren alle ziemlich überwältigt, weil sie sich vorstellen mussten, dass das alles hier an den Offenbachplatz soll. Es ist kompliziert. Wenn wir Probenzeiten festlegen, kann kein Handwerker über die Bühne laufen.
Rhein: Vor drei Monaten habe ich die erste Orchesterprobe im Graben gemacht, mit Absicht abends, damit die Baustelle tagsüber normal weiterlaufen kann. Trotzdem waren viele Teilprojektleiter und Bauleiter hier und saßen in dieser Orchesterprobe -- nicht nur zehn Minuten, sondern die gesamte Zeit. Das war ein schöner Moment, weil sie jetzt auch begreifen, wofür das alles ist. Warum wir unsere Einwände ernst meinen – nicht, weil das Künstler sind, die übertreiben. Es gibt einen Grund, warum sie sich sorgen, wenn die Lüftung nicht funktioniert. Der Geiger hat einfach Angst um seine teure Geige.
Da prallen wirklich unterschiedliche Welten aufeinander.
Rhein: Für uns ist das normal, wir sind Dolmetscher zwischen den Welten, das ist unsere Jobbeschreibung, damit sind wir groß geworden. Das machen wir gerne, aber ich kann auch verstehen, dass die Bauleute das überfordert hat.
Bolz: Dass das Wort Wunder immer wieder zusammen mit der Sanierung des Offenbachplatzes in Verbindung gebracht wird, ist schon bezeichnend.
Man kennt das von privaten Umzügen. Plötzlich gibt es Probleme, an die man vorher gar nicht gedacht hat. Haben Sie das auch erlebt?
Bolz: Ja, es war zum Beispiel lange nicht klar, ob hier Wasser genutzt werden kann. Haben wir Trinkwasser, funktionieren die Toilettenspülungen, können wir die Waschmaschine anschließen? Bis hin zu der Frage: Wurde der Raum eigentlich gereinigt? Dann wischt man mal drüber, und aus den Decken rieselt der Dreck der letzten 14 Jahre.
Rhein: Strom ist ein Thema. In den Werkstätten durften wir lange nicht arbeiten, weil sie noch nicht abgenommen waren. Man war zwar schon eingezogen, aber gleichzeitig noch nicht berechtigt zu arbeiten. Das sortiert sich jetzt alles nach und nach. Trotzdem waren wir lange nur halb handlungsfähig.
Bolz: Man kann nur zu 80 Prozent planen, der Rest muss spontan entschieden werden. Aber ein Theatermensch kann improvisieren.
Rhein: Ohne Zusammenarbeit funktioniert das hier nicht. Wenn der Aufzug am Tag zum dritten Mal ausfällt, wenn schon wieder ein Lkw da ist und die Lieferung nicht durch die Tür passt – dann braucht es Bündnisse. Die Kollegen haben es schnell hinbekommen, sich die richtigen Leute zu suchen. Die Liste von Sachen, die noch passieren müssen, wächst. Vieles hat sich verändert gegenüber der Grundplanung von 2010. Vieles ist nicht zu Ende geplant worden, und das ist jetzt unsere Aufgabe. Das Mängelmanagement, das offiziell seitens der Sanierung abgearbeitet wird, kommt hinzu mit dem, was der Nutzer erkennt oder erkennen wird. In Proben oder im täglichen Betrieb werden wir damit konfrontiert, und das muss parallel dokumentiert und in den nächsten Jahren abgearbeitet werden.
Aber Urlaub können Sie machen, bevor die heiße Phase losgeht?
Rhein: Müssen wir. Sonst überleben wir die nächsten Wochen bis zur Eröffnung nicht. Wir sind ein Theaterbetrieb. In der Sommerferienzeit sind wir weg, und dann geht das volle Programm weiter. Wenn man in der Spielzeit eine Woche weg ist, ist der Schreibtisch danach voll. Zwei Wochen war ich noch nie weg. Wenn man im Sommer durcharbeitet, was wir natürlich gerade in diesem Jahr wunderbar machen könnten, schafft man die nächste Spielzeit nicht.
Bolz: 90 Prozent unserer Belegschaft haben jetzt wohlverdiente Theaterferien. Die Baustelle ist auch froh, dass sie noch einmal sechs ruhige Wochen hat, in denen sie ihre Listen abarbeiten kann und nicht von uns gestört wird. Denn die Baustelle steht nicht still.
