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Ausstellung „Community“ in DüsseldorfMeine Nachbarn und ich

4 min
Menschen gehen über eine verregnete Dorfstraße.

Ein Bild aus Ludwig Schirmers Serie „Ein Dorf“, derzeit im Düsseldorfer Kunstpalast zu sehen 

Der Kunstpalast in Düsseldorf widmet sich in seiner neuesten Ausstellung dem Thema Fotografie und Gemeinschaft. Das funktioniert ziemlich gut.

Der Müllermeister von Berka, Ludwig Schirmer, der auch ein leidenschaftlicher Amateurfotograf war, hat bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs begonnen, seinen Heimatort und dessen Bewohner abzulichten: gemeinsames Arbeiten und unsentimentaler Alltag, Festumzüge und Hochzeiten, Wirtshaus und Wäscheleine. Sein Schwiegersohn Werner Mahler entschied 1977, sein Fotografiestudium mit einer Serie über dasselbe thüringische Dorf abzuschließen, ohne dass er von der Passion des anderen wusste.

2001 starb Ludwig Schirmer. 20 Jahre später begann auch seine Tochter Ute Mahler, das Dorf und sein Leben (nun fast gänzlich zum Stillstand gekommen) mit der Kamera zu erforschen. Entstanden ist so ein wunderbares Dorfpanorama dreier Fotografen, das 70 Jahre Geschichte und Geschichten aus verschiedenen Perspektiven erzählt.

Juliane Herrmann filmt die Mannschaft des Rhenania Schwimmvereins in Köln

Das neue Medium Fotografie wurde fast von Beginn an dazu verwendet, nicht nur Objekte, Landschaften und einzelne Personen, sondern auch Personengruppen abzulichten. Die gerne in Alben gesammelten Fotografien von Festen und Feiern, von Familien, Freundeskreisen, Nachbarn oder Kollegen erzählen von und erinnern an ebenjene Gemeinschaften; zugleich deuten die Bilder aber auch auf tieferliegende Dynamiken und Rangordnungen innerhalb der Gruppen.

Eindrucksvoll ist dies zu beobachten in der Filmarbeit von Juliane Herrmann; die Fotografin hatte den Auftrag für ein Gruppenporträt der Leistungsmannschaft des SV Rhenania Schwimmvereins Köln angenommen, ließ aber schon bei der Vorbereitung und Aufstellung unbemerkt eine Videokamera laufen und zeichnete die Rangeleien und Platzfindungen der jungen Schwimmerinnen und Schwimmer auf. Nun kann man genau beobachten, wer welchen Rang in der Gruppe einfordert, wer wahrscheinlich die größte Klappe hat, wer eher schüchtern ist, wer sich selbst am Rand aufstellt, weil er sich ohnehin nicht dazugehörig fühlt. Das Projekt der mitlaufenden Kamera nennt die Künstlerin „Im Chor lässt sich’s leichter singen“ (seit 2014).

Wrestler posieren für die Kamera.

Neal Slavins „Capitol Wrestling Corporation, Washington, D.C.“ (1972–75)

Mit dieser Arbeit setzt die Ausstellung „Community – Fotografie und Gemeinschaft“ im Düsseldorfer Kunstpalast ein, die Kuratorin und Sammlungsleiterin Linda Conze vornehmlich aus dem eigenen Bestand zusammengestellt hat. Die 270 Werke umfassende Schau handelt von den freiwilligen oder unfreiwilligen Gemeinschaften, die wir in Fotografien festhalten und deren Geschichten wir auf diese Weise anschaulich weitererzählen. Das Gruppenfoto beschreibt und informiert darüber, wer dabei war, aber auch über die innere Verfasstheit der Gruppe, über Hierarchien und soziale Ordnung: Wer platziert sich in der Mitte, wer am Rand? Oben, unten? Wer schaut in die Kamera, wer schaut weg? Sind wir ein Team? Wer fehlt?

Gemeinsame Momente festzuhalten und Zugehörigkeit zu demonstrieren, ist wohl eine der zentralen Aufgaben des Gruppenporträts; Menschen suchen und sehnen sich nach Gemeinschaft und Teilhabe, nach Familie und Freundeskreis, nach einer frohen Runde mit Gleichgesinnten, nach einer Stellung in der Gruppe. Seien es Familienmitglieder oder Studienfreunde, Mannschaftskolleginnen oder Liebespartner, Dorfnachbarn oder Gleichgesinnte. Und heute: die ganze unüberschaubare Follower-Community im Internet.

Männer stehen dicht gedrängt nebeneinander.

„Menschenmassen bei einem Spiel der Fortuna“ (1949) von Dolf Siebert

Wir sehen historische Familien- und Freundschaftsporträts, Festgesellschaften und jugendliches Abhängen am Dorfrand, Karneval und Kirmes in der Dorfschenke, Jugendweihe sowie Familienbilder aus dem Black Archive Germany, in dem Künstlerin Cate Lartey Fotografien schwarzer deutscher Familien versammelt. Es gibt Fußballfans, aber auch Naziaufmärsche, Gymnastik für Olympia 1936 und unzusammenhängende Gruppen sich gänzlich unbekannter Personen: „Three People on the Phone“ (Viktoria Binschtok, 2007) oder Menschen im Fahrstuhl (Heinrich Riebesehl, 1969). Sie sind alleine und sind doch Teil einer Gruppe, verbunden durch Ort oder Tun.

Zudem gibt es Aufnahmen von tatsächlichen Leerstellen: Die menschenleeren, mit rotem Flatterband abgesperrten, vor und nach Corona gut besuchten Gemeinschaftsorte, die Andreas Langfeld 2020 in Düsseldorf gefunden hat, haben wohl in jeder anderen deutschen Stadt ganz ähnlich ausgesehen.

Mayara Ferráo inszeniert queere Paare in historischen Bildkontexten

Manchmal verschwinden Leute einfach aus den Bildern, werden im Nachhinein abgeschnitten, wegretuschiert oder anders ausgelöscht und bleiben als Leerstelle doch präsent. Oder sie tauchen plötzlich auf. Der senegalesische Künstler Omar Victor Diop etwa mogelt – in der gemeinsam mit Lee Shulman 2023 entwickelten Serie „The Anonymous Project presents Being There“ – sein eigenes Konterfei in historische Fotografien einer rein weißen amerikanischen Mittelschicht der 1950er und 60er Jahre. Auf einmal ist er beim Golfspiel, beim College-Abschluss, beim lustigen Feiern dabei. Eingeladen war er damals freilich nicht.

Und auch die Künstlerin Mayara Ferráo fordert mit ihren KI-generierten Bildern aus der Serie „Àlbum dos Desequecimentos“ (2024) die Voreingenommenheit und Erwartungen an populäre Bilder heraus: Sie inszeniert queere Paare in historisch-klassischen Bildkontexten. Die vormaligen Hauptpersonen werden einfach ausgetauscht, und wieder dauert es einen Moment, dies zu bemerken.

Die spektakulären Farbabzüge der Serie „When Two or More Are Gathered Together“ (1972–1975) des Künstlers Neal Slavin zeigen Vereine und Berufsgruppen: Wrestler, Besucher einer Star-Trek-Convention und Hallen-Softballspielerinnen in ihrer Montur. Sie alle durften den Aufnahmeort selbst bestimmen, durften ihre Requisiten und ihre Posen selbst wählen – sind die Bilder also irgendwie auch ein bisschen Selbstporträts? Sie sind jedenfalls kaum zu übersehen.


„Community – Fotografie und Gemeinschaft“, Kunstpalast, Düsseldorf, Di.–So. 11–18 Uhr, Do. 11–21 Uhr, bis 25. Mai 2026