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Ballett am RheinBridget Breiner hat die Sixpacks entdeckt

3 min
Grey Area
Bridget Breiner / David Dawson / Lesley Telford
Tanz im Zwischenraum
 
Musik: 
Choreographie: 
Bühne: 
Kostüm: 
Licht: 
Dramaturgie: Julia Schinke
Choreographie: Bridget Breiner
Musik: Jeff Buckley
Bühne: 
Kostüm: Stefanie C. Salm
Licht: Volker Weinhart
Inspizienz: 
Choreographie: David Dawson
Musik: Niels Lanz
Bühne: David Dawson
Kostüme: Yumiko Takeshima
Licht: Bert Dalhuysen
Choreographische Einstudierung: Raphaël Coumes-Marquet, Clemens Fröhlich
Choreographie: Lesley Telford
Musik: Hauschka, György Ligeti, Hildur Guðnadóttir
Sounddesigner: Davidson Jaconello
Bühne: Yoko Seyama
Kostüm: Irina Shaposhnikova
Licht: Volker Weinhart

Nami Ito in Bridget Breiner „Shards “

„Grey Area“ mit Choreografien von Bridget Breiner, David Dawson und Lesley Telford und dem Ballett am Rhein in Duisburg.

So viele Muskeln hier, so kannte man sie ja noch gar nicht! Bridget Breiner, die zarte, feminine Choreografin – sie hat für ihr neues Stück eine unerwartete Neigung zu Bizepsen, Quadrizepsen, Sixpacks entdeckt, auch bei den Spitzenschuh-Damen, die in den Pas de Deux' mit den Männern unbeugsam die Kräfte ausbalancieren. „Shards“, „Scherben“ heißt ihr Beitrag zum dreiteiligen Abend des Ballett am Rhein, bei dem es um „Grey Areas“ gehen soll, ungewisse Grauzonen, was zunächst mal bedeutet: Die Stücke selbst lassen sich kaum deuten. Macht aber nichts. Sie sind trotzdem alle drei absolut fantastisch.

Breiner hat für ihre Choreografie über Splitter und Fragmente vier Songs von Jeff Buckley ausgewählt, einem durch seinen frühen Tod legendär unvollendeten Künstler und einer der besten Interpreten von Leonard Cohens ikonischem Song „Hallelujah“. Und vielleicht ist ihre Wahl auch eine Reminiszenz an ein verlorenes Amerika? Dabei begegnen sich Musik und Tanz nur punktuell. Dann hebt etwa eine Tänzerin die zum Gebet gefalteten Hände zitternd in die Höhe und sacht pochende Spitzenschuhe nehmen einen bluesigen Rhythmus vorweg.

Das Ballett am Rhein zeigt sich in Topform, ein Must-see-Abend

Vor allem aber besticht die Choreografie durch raffinierte Bewegungsauflösungen, eine gefühlvolle Athletik und fünf umwerfend souveräne Tänzerinnen und Tänzer. Überhaupt zeigt sich das Ballett am Rhein in Topform, auch beim High-End-Techniker David Dawson. Sein Stück „The Grey Area“ hat dem Abend seinen Titel gegeben. Ein frühes Werk in der Karriere des britischen Star-Choreografen, doch seinen hochkomplexen, die körperlichen Grenzen auslotenden Stil hat Dawson da schon gefunden.

Die Beine und Oberkörper der fünf Tänzerinnen und Tänzer springen auf wie Klappmesser. Männer zwirbeln Frauen über ihren Köpfen wie Jonglier-Objekte. Und Paare driften auch im intimen Pas de Deux immerzu auseinander, wie von Fliehkräften getrieben. Großartig choreografiert sind diese den Körper fast zerreißenden, widersprüchlichen Energien, die rastlos fortfließenden Bewegungen. Dazu Musik von Niels Lanz, in die sich zunehmend Detonationen mischen. Mit jedem Einschlag flackert das Licht. Irgendwo außerhalb dieses Raumes zerfällt gerade eine Welt – was das Stück mit der zweiten Uraufführung des Abends teilt: „Threshold of a Fall“ von Lesley Telford, übersetzt vielleicht „am Rande des Absturzes“ oder „Kipppunkt“, mit Szenen sich auflösender Strukturen.

Eine Menschenkette, in der alle zu drängeln beginnen. Skulpturen wie sozialistische Arbeiterdenkmäler, die in sich zusammensacken. Ein Paar, das sich trennt. Dazu eine Installation aus hängenden Stäben von Bühnenbildnerin Yoko Sayama, die in unterschiedlicher Höhe den Bühnenraum immer wieder neu organisieren. Eine Reflexion über bröckelnde Stabilitäten ist dieses Stück, und das passt ziemlich gut in eine Gegenwart, in der Weltordnungen zerfallen.

Auch Telfords Bewegungsmaterial sortiert sich ständig um und zeigt ein verheißungsvoll großes Spektrum der hierzulande noch nicht sehr bekannten Kanadierin. Eine verheißungsvolle Newcomerin für deutsche Ballettkompanien, die nach den schwebend-schönen Psychostudien von Breiner-Dawson mit energischem Teamgeist den Horizont wohltuend ins Gesellschaftspolitische weitet. Ein neuer Must-see-Abend des Ballett am Rhein.

Nächste Vorstellungen am 24. und 29.01.2026 im Theater Duisburg