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Museum LudwigEin Tanz mit Geschichte

4 min
Das Berliner Dance-On-Ensemble im Kölner Museum Ludwig.

Das Berliner Dance-On-Ensemble im Kölner Museum Ludwig.

Im Rahmen der „Fünf Freunde“-Ausstellung im Kölner Museum Ludwig war die „Köln Story“ zu sehen - ein Tanz ohne Story, aber mit Geschichte.

Die „Fünf Freunde“ laufen ins Ziel; die so betitelte Ausstellung im Museum Ludwig endet am Sonntag. Einen letzten tollen Tusch bot ihr Rahmenprogramm aus Konzerten, Kino und ein paar Performances: An zwei Abenden war nun ein Tanzstück zu sehen, dessen Original 1964 in Köln das erste Tanzfestival eröffnete, auf eine „sehr lebendige Zuschauerschaft mit Buhs und Bravos“ traf: „Story“ von Merce Cunningham, einem jener fünf amerikanischen Künstlerfreunde, neben John Cage, Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Cy Twombly.

Der Choreograph war mit seiner Company, inklusive Cage und Rauschenberg, damals auf Welttournee. Die sechs Monate gerieten für die Beteiligten streckenweise zur Tortur wegen schlechter Konditionen, Unwägbarkeiten und permanenter Geldnot. Die Termine in Köln, Mannheim, Essen-Werden aber lagen noch am gut gelaunten Beginn der Extremreise.

Die Aufführung jetzt, in der 2019 tentativ rekonstruierten Version „re-imagining“, füllte eine Art letzten Saal der Ausstellung. Um den Tanzboden saß Publikum von drei Seiten, an den vier hohen Wänden prangten riesige Kunstwerke. John F. Kennedy inklusive. Die gezeichneten Fransen auf dem Nachbarbild traten später auf der Bühne auf in Form orangefarbener Haarbüschel an Spiegeln und Kostümteilen.

Der Berliner Musiker Mattef Kuhlmey, anstelle des originalen Toshi Ichiyanagi (Ex-Gatte von Yoko Ono), ließ den Saal mit Mischpult und E-Bass wie im Rausch brummen. Die Kölner Kollegin donna Kukama trieb an der Bühnengrenze entlang, rasselte ihre mit Kernen oder Kiesel gefüllten, Alufolie-ummantelten Röhren, hielt Bälle und Spiegel. Am Garderobenständer mit Klamotten und Dingen bedienten sich die sieben Tänzer und Tänzerinnen des renommierten Berliner Dance-On-Ensembles mit Mindestalter vierzig; und es wurde weder Plünnenklamauk noch bedeutungsschwangeres Hüllen- oder Identitätenwechseln.

Teil des Konzeptes, als das Stück 1963 entstand bei einer Probenphase in Malibu, war die Unvorhersehbarkeit dieser Kleider. Robert Rauschenberg, genannt Bob, klaubte am Ort einer Aufführung Sachen zusammen. Erst 30 Minuten vor Auftritt sahen die Tänzer, was es war. „Wie Geschenke“ schrieb Carolyn Brown, eine von ihnen, 2007 in ihrer Autobiographie, die auch Köln erwähnt. Ebenso überraschend, also wechselnd: die Abfolge der Szenen und deren jeweilige Dauer. Im Museum nun stehen sie, mit Kreide, auf Tafeln. Eine Digitaluhr zählt von 30 Minuten abwärts.

Die Tänzer entscheiden spontan über ihr Outfit, legen blaue Trainingshose an, rote Baskenmütze, roten Schal, braune Weste, gelben Pulli, gelbe Shorts, Fahrradhelm, weißes Spitzentop, silbrigen Mantel über ihre schwarzen Leggins und Bodys an. An und aus. Sie sind auch Herrinnen über Geschwindigkeiten, Winkel, Richtungen, Orte des Tanzes. Nicht aber über sein Grundmaterial.

Auf einem Bein, das andere im Winkel hinten erhoben, auf halber Spitze im Kreis hüpfen, am Ende den Oberkörper hinabneigen. Die scheinbar harten Arme, im leichten Bogen an der Körperseite gehalten oder im Oval vor dem Brustkorb, selten hinterm Rücken. Oder stockhaft gerade gestreckt nach vorn oder zur Seite. Oder um die Schultern rotiert. Die Knie oft im weiten Winkel, im Stehen, in der Luft. Der Kopf kreist oder starrt zur Seite, runter, hoch. Momente der Stille, im Sitzen oder Liegen, allein oder zu dritt, mit Minimalkontakt, oder als Haufen. In dieser Bühnenecke, später in der anderen.

Es herrscht ein sachlicher Ton, ohne zu herrschen. Nichts dominiert. Kein Wandbild, kein Sound, auch nicht beim Tanz. Der sagt: Das ist dies, das ist das. So ist es, so ist das da, hier jetzt. Dann da. Nochmal. Er transportiert keine Gesten, keine weiteren Aussagen über irgendwas oder Innerliches. Diese Strenge locker zu tragen als menschliche Fähigkeit zur Erfindung oder zum Sein, im Cage-Zen-buddhistischen Sinne, das ist die große Leistung dieser „alten“ Tänzer. Cunningham hasste es, wenn seine Leute sich an Lustigkeit versuchten oder die Präzision verschlabberten. Diese hier sind sichtbar Individuen und haben keinen Protz nötig. Begeben sich in das Kunstwerk, lassen ihm Luft und sich. Der Humor hier ist super subtil. Es ist das verwunderte Lächeln über die große Kunst. 

Die Ausstellung „Fünf Freunde“ im Museum Ludwig läuft noch bis 11. Januar 2026