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Bewundernswert und herausforderndKölner Jazz-Pianist Felix Hauptmann gründet neues Ensemble

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Felix Hauptmann, Jazz-Pianist

Felix Hauptmann, Jazz-Pianist

Der Kölner Jazz-Pianist Felix Hauptmann ist eine herausragende Musikerpersönlichkeit. Nun stellt er sein neues Ensemble Serpentine vor.

Felix Hauptmann ist ein Glücksfall für den Jazz. Während der Pianist und Keyboarder als begehrter Begleitmusiker regelmäßig andere Bands und Projekte bereichert, prägt er als Komponist und Leiter seiner eigenen Ensembles den zeitgenössischen Jazz auf eine sehr besondere, innovative Art und Weise. Im Stadtgarten präsentiert er jetzt sein jüngstes Projekt: das hochkarätig besetzte Sextett Serpentine.

Hauptmanns Klangkunst ist so bewundernswert wie herausfordernd. Zwar ist sie durchaus von Jazz-Traditionen geprägt, gleichwohl folgt Hauptmann vorrangig seinem eigenen Narrativ. Kompositionen und Konzepte verbinden zeitgenössische Einflüsse mit persönlichen Texturen, Formen und rhythmischen Gesten, für die es eher wenige Referenzen und vorgefertigte Formen gibt. Die Verflechtung von Komposition, Interaktion und Improvisation ist so anspruchsvoll wie faszinierend, reich an Spiel- und Experimentierfreude, einladend und kommunikationsfreudig, getragen von tiefer Emotionalität.

„Am Ende ist die emotionale Ebene der einzig wahre Grund, Musik zu machen“
Felix Hauptmann

„Am Ende ist die emotionale Ebene der einzig wahre Grund, Musik zu machen“, sagt Hauptmann. „Um Musik zu schreiben, muss man sich selbst sehr ernst nehmen und tief in sich hineinschauen. Am Ende des Tages aber will man Menschen erreichen, und je komplexer die Musik ist, desto wichtiger ist es, sie auch nach Gefühl zu spielen. Das verlangt spontane Entscheidungen, Bauchgefühl, Intuition und, vor allem, die Bereitschaft, Musik gemeinsam zu spielen.“

Davon ist auch Serpentine geprägt. Das Ensemble gleicht einem freischwebenden, subtil ausbalancierten Mobile aus Klängen, Rhythmen und lyrischer Melodik, wobei Hauptmann Schönheit und Abstraktion ins Verhältnis setzen möchte. „Serpentine ist ein Klangkörper, der mir völlig neue instrumentale Möglichkeiten eröffnet. Die eher abstrakte Art, in der ich eigentlich schreibe, wende ich hier in eine mehr melodisch-harmonische Richtung. Lange habe ich mich gefragt, mit wem ich diese Musik überhaupt spielen könnte. Je diverser die Stimmen, desto größer sind die Möglichkeiten, die man bekommt.“ Hauptmann entschied sich für die Flötistin Jorik Bergmann, Saxofonist Fabian Dudek, Vibrafonist Samuel Mastorakis, Ursula Wienken am E-Bass und Schlagzeuger Leif Berger.

Hauptmann erhielt 2022 den Jazzpreis der Stadt Köln

Hauptmann kam 2012 nach Köln, um an der Hochschule für Musik und Tanz bei Hubert Nuss und Hendrik Soll Jazzpiano zu studieren. 2016/17 war er Mitglied im Bundesjazzorchester, ebenso spielte er u.a. mit Laura Totenhagen, Gerd Dudek, Manfred Schoof, Niels Klein und Fabian Arends. Mit Arends, Reza Askari und Christian Weidner entstand 2020 das Album „Talk“, erstmals unter eigenem Namen. 2022 erhielt Hauptmann den Jazzpreis der Stadt Köln (Horst und Gretl Will Stipendium), seit September 2024 ist er Teil des Programms „NICA artist development“. Zuvor war er Artist in Residence in der Villa Waldberta in Feldafing und nutzte diese Zeit, um Serpentine zu entwickeln.

Dreh- und Angelpunkt seines Schaffens ist und bleibt indes das Trio Percussion, das er mit Leif Berger und Bassist Roger Kintopf aus der Taufe hob. „Bis dahin hatte ich eher normale Jazz-Stücke geschrieben, mit einfachen Akkorden und Melodien. Doch mit Abstand zur Hochschule wollte ich mehr für mich machen, und dafür mussten Ideen aus einem anderen Kosmos, sozusagen einem anderen Kopf kommen. Roger, Leif und ich haben viel ausprobiert, viel geprobt und viel Zeit miteinander verbracht.“ Fugenfrei verschwimmen in diesem singulären Trio die Grenzen zwischen komponierten und improvisierten Passagen. „Das ist ja die Idee, dass man nicht merkt, was das eine und was das andere ist.“

Tiefe und Dringlichkeit

Ein Percussion-Stück trägt den Titel „Three Crows go by about their dark and iridescent Business”, und tatsächlich mag man sich die freundschaftliche Arbeitsweise so vorstellen: drei Krähen gehen ihrer schillernden Beschäftigung nach. Hauptmann: „Nein, die Stücke haben zunächst gar keine Namen, sondern nur Zahlen. Oft ist es so, dass ich im Konzert den Titel vergesse, doch wir wissen immer, welches Stück sich hinter der Nummer verbirgt.“

Gleichwohl hat die Titelfindung für ihn ihren Reiz, auch beim brillanten Duo-Album „Underwater Consciousness“ (2025), das er mit der estnischen Pianistin Kirke Karja einspielte: Titel und Text entstammen einem Gedicht von Maria Filippou. Nach einem intensiven Probentag entstand die Musik innerhalb einer Stunde auf der Bühne im Loft. „Die Aufnahme zeigt Tiefe und Dringlichkeit, beides zentrale Werte unserer Arbeit“, sagt Hauptmann und ergänzt verschmitzt: „Ich bin meistens auf der rechten Seite gepanned, Kirke links. Falls ich mich da recht erinnere.“ Irgendwann ist das tatsächlich nicht mehr wichtig, was auch der finale Titel des Albums nahelegt: „Where there were two, is now one; it’s just us now“ – jetzt sind nur noch wir da.

Hauptmann fühlt sich am wohlsten, wenn er auf der Bühne jemanden „zum Quatschen“ hat. „Mit einer Partnerin oder einem Partner habe ich auch weniger Angst, wenig zu machen.“ Gemeinsam mit anderen entstand aktuell Herausragendes, etwa das Projekt Composers Collective Cologne, das er mit Fabian Dudek und Esther Weickel, Projektleiterin im NICA Artist Development, initiierte: „Die Voraussetzungen waren ideal, alles stimmte. Alle bekamen die notwendige Wertschätzung und konnten auf Augenhöhe miteinander arbeiten.“ Ebenso begeistert hat Hauptmann die Teilnahme an Pascal Klewers acoustic ambient ensemble, das 2025 in der Kunststation St. Peter Premiere feierte: „Man musste hoch konzentriert sein. Ganz wenig, ganz leise, jeder kleine Klang entfaltete eine Riesenwirkung.“ Eine Wirkung, die mit anderen Mitteln nun fraglos auch Serpentine erzielen wird.


Felix Hauptmann: „Serpentine“. Stadtgarten, 24.1., 20 Uhr. Weitere Konzerte unter felixhauptmann.com/live