Neue Kölner Jazz-Klangkunst von Tamara Lukasheva/Matthias Schriefl, Simon Rummel, Stefan Schönegg, Calvin Lennig und Darius Heid.
Kölner Jazz-CDsMusik als ein Gefühl von Heimat

Die Kölner Jazz-Musiker Tamara Lukasheva und Matthias Schriefl
Copyright: Susanna Heraucourt
Vor 15 Jahren drehte der Kölner Dokumentarist Arne Birkenstock den Film „Sound of Heimat“, in dem der Neuseeländer Hayden Chisholm, Jazz-Saxofonist mit langer Bindung an Köln, durch Deutschland reist. Er hört zu, wie die Menschen singen und musizieren, und staunt über den Reichtum der deutschen Volksmusik. „Ich habe nur einen Bruchteil von der Musik gehört, die dieses Land zu bieten hat“, sagt er, „doch tief verborgen irgendwo in dieser Musik ist das Gefühl von Heimat.“
Vielleicht hätte Birkenstock, wäre er nicht Ende November früh verstorben, irgendwann ja einmal einen Film über Tamara Lukasheva und Matthias Schriefl gedreht. Auch die Stimmkünstlerin aus Odessa und der Trompeter aus dem Oberallgäu erforschen unermüdlich das „Gefühl von Heimat“, wobei sie Heimat in Erinnerungen und Klängen verorten und dem Verbindenden darin nachspüren. Zehn Jahre nach ihrem Duo-Album „Matria“ erschien nun eine Fortsetzung und entfaltet eindringlich seine Wirkung in Zeiten beunruhigender Umbrüche und Krisen.
Auch „Matria Vol. 2“ begeistert als Brückenschlag zwischen Volkslied, Jazz und moderner Poesie, zugleich aber schwingt noch mehr mit: Tiefer, ja tiefgründiger wirkt die Zwiesprache der Musizierenden, die freimütig Einblicke in ihr Seelenleben geben. Der Folklore-Mix wird erweitert um eine Neufassung von Lukashevas „Lullaby for Kira“, das auf einem Gedicht von Antonina Kornuta basiert und einem dreijährigen Kind gewidmet ist, das bei einem russischen Angriff auf die Ukraine ums Leben kam. Schriefl umarmt die Melodie mit seinen brillanten Improvisationen, einfühlsam und mitfühlend, trauernd und tröstend zugleich erklingt seine Trompete. So ist „Lullaby for Kira“ weniger ein Requiem als eine Hymne an die Bewahrung von Identität, Daseinsfreude und Hoffnung.
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Der Krieg hat Tamara Lukashevas Musik die Unschuld geraubt
„Matria Vol. 2“ endet mit einer widerständig-wilden Improvisation über Lukashevas Stück „Song for Mama & Papa“, das schon auf ihrem Debütalbum „Patchwork of Time“ zu hören war. Damals, im Herbst 2010, als sie gerade ihr Studium an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz begann, lud sie zum Spaziergang durch ein noch heiles Odessa mit Boulevards, Gassen und der berühmten Potemkin-Treppe ein.
Heute hat der Krieg in der Ukraine der Musik ihre Unschuld geraubt, nichts aber hat sie von ihrer Energie eingebüßt, dank der Tamara Lukasheva bereits damals Grenzen verschob und Räume öffnete. Ihr ansteckender Optimismus prägt auch zwei neue Solo-Projekte aus dem Jahr 2025: „Jazz Standards For My Mother“ verbindet komplex intonierte Standards wie „Blue in Green“ oder „My Funny Valentine“ zur Liebesbekundung und künstlerischen Selbstvergewisserung, während „Seasons“ die Jahreszeiten als sich stets erneuernden Kreislauf des Lebens feiert.
Wie verantwortungsvoll auch Matthias Schriefl mit seinem musikalischen Material umgeht, zeigt das hinreißende Duo-Projekt „2 Knights in Peitz“ mit Simon Rummel. Schriefl spielt Trompete, Flügelhorn, Euphonium, Tuba, Alphorn, Steirische Harmonika und Akkordeon, Rummel ist an Kirchenorgel, Klavier, Cembalo, Fender Rhodes, Klarinette, Geige und Bratsche zu hören – dazu singen beide mit tiefer Inbrunst. Der experimentierfröhliche Mix kredenzt alpine Jodler ebenso wie Tenorlieder der Renaissance, mittelalterliche Trinklieder, barocke Madrigale und Bach-Choräle, wobei Schriefl und Rummler ebenfalls ihre Art von Heimat formulieren, „tief verborgen in der Musik“.
Simon Rummel musiziert für seinen „Zauberlehrling“ auf einer Glasorgel
Von hier aus ist es nur ein Hüpfer mitten hinein in die Klangwelt von Avantgarde und Neuer Musik. Im Rahmen des Acht Brücken-Festivals führte Simon Rummel sein Werk „Der Zauberlehrling“ auf, konzipiert für großes Gläserspiel und Instrumente. Im Klangzentrum steht eine Glasorgel, bestehend aus 88 mit Wasser gefüllten Gläsern, auf deren Rändern angefeuchtete Finger kreisen und fremde „Stimmen“ in mikrotonalen Abstufungen hervorzaubern. Tatsächlich klingt das Opus wie ein Chor vermeintlich menschlicher Stimmen in hohen Tonlagen und erzeugt eine „überirdische“ Wirkung. Irgendwann ab der 14. Minute meint man Klangdickicht sogar Matthias Schriefls Trompete zu vernehmen, aber das mag nur der angeregten Fantasie geschuldet sein.
Ähnliche Wirkung erzielt Pianist Darius Heid an den Schnittstellen von improvisierter, zeitgenössischer und experimenteller Elektronischer Musik. Die beiden Stücke seines Albums „Funkstille“ wurden in der Kunststation St. Peter in Köln sowie im Dialograum Kreuzung an St. Helena in Bonn aufgenommen, zum Ensemble gehören Emily Wittbrodt (Cello), Moritz Koch (Schlagwerk) und Jonas Gerigk (Bass). Heids Klangkunstwerk entführt in Räume mit eigenen Regeln: Zeit entschleunigt sich bis zum Stillstand, jeder Ton formt Resonanzen und verbindet meditative Ruhe mit innerer Bewegtheit.
Zur Meisterschaft im Umgang mit „Klangstille“ hat es Bassist Stefan Schönegg mit seinem Ensemble Enso gebracht. Auf „Peaceful dwelling“ zaubert er nun mit Marlies Debacker (Klavier) und Etienne Nillesen (Snare Drum) einen prächtig imaginierten Soundtrack, bei dem vor allem Debackers tiefe Bordunklänge eine magische Sogwirkung erzielen.
Der Zen-buddhistische, spontan getuschte Enso-Kreis öffnet sich schließlich fugenlos für die Klangbilder des Bassisten Calvin Lennig. Akzentuiert durch hinreißende Flötenarrangements für Julius van Rhee und Benedikt Jäckel, verwandelt Lenig auf dem Album „Umwege“ seine Gefühle und Gedanken zwischen Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg in reichen Jazz. Seine Stücke betitelt er mit „Leichtigkeit“, „Traum“ und, auch hier, mit „Hoffnung“. So vital, so inspirierend kann die Gegenwart als Musik sein!
Diskografische Hinweise:
Tamara Lukasheva & Matthias Schriefl: Matria Vol. 2. o-tone music/edelkultur
Tamara Lukasheva: Jazz Standards for My Mother. Bandcamp
Tamara Lukasheva: Seasons. Bandcamp
Matthias Schriefl & Simon Rummel: 2 Knights in Peitz. Broken Silence/JazzWerkstatt
Simon Rummel: Der Zauberlehrling. On Water Orchestra. Impakt/Bandcamp
Darius Heid: Funkstille. Impakt/Bandcamp
Stefan Schönegg: Enso. Peaceful dwelling. Impakt/Bandcamp
Calvin Lennig: Umweg. Bandcamp

