Bonn – Igelt sich die Bonner Oper in der Risikolosigkeit ein? Nachdem auf die betont publikumskompatible „Arabella“ vom Spielzeitbeginn soeben eine ebenso „schöne“ „Cenerentola“ gefolgt ist, drängt sich dieser Verdacht ein wenig auf. Von den Premierenzuschauern wurde der neuerliche Triumph des guten Geschmacks indes einhellig gefeiert, diesbezüglich rangiert das Haus offensichtlich auf der sicheren Seite. Der klemmende Bühnenvorhang nach der Ouvertüre gehörte – es wäre ein verstörend-netter Einfall gewesen – nicht zu Leo Muscatos Inszenierung, es handelte sich um eine schnell behobene und also folgenlose technische Panne.
Thematischen Sprengstoff hält Rossinis Bühnenrenner von 1817 eigentlich zur Genüge bereit: Der Zuschauer wird in dieser Opernversion des Aschenputtel-Märchens nicht nur Zeuge von extremer Hartherzigkeit, Standesdünkel und brutalem Aufstiegswillen, sondern auch einer rigiden Ständeordnung (oder muss man schon sagen: Klassengesellschaft), die ja nicht nur Aschenputtel-Angelinas Verhältnis zu ihrer Familie betrifft, sondern auch etwa die Beziehung des Prinzen Don Ramiro zum Diener Dandini.
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Freilich: Anders als „Arabella“, die der Regie unterschiedliche Zugänge eröffnet, hat eine Inszenierung von „Cenerentola“ nur wenige plausible Optionen. Unangemessen, ja peinlich wäre es zumal, das Ganze in Richtung modernes Sozialdrama bürsten zu wollen. Da wäre fortwährend und gewaltsam gegen die szenische Anlage und vor allem gegen die Musik anzuarbeiten. Bei Rossini wurde aus dem Märchenstoff eine Opera buffa mit starker Typisierung des Personals auf die Commedia dell’Arte hin: Don Magnifico zum Beispiel, der üble Stiefvater, geriet darüber zum klassischen Pantalone. Wahrscheinlich also hat Muscato sogar die richtige Nase, wenn er es in Bonn bei einer vergleichsweise „affirmativen“ Interpretation belässt. Mehr wäre mutmaßlich weniger.
Wie nun also: Die Regie stellt – im Sinne einer Doppelfiktion – das Geschehen in einen Goldrahmen, in dem es tatsächlich immer wieder zum lebenden Bild, zum Tableau erstarrt. Die solchermaßen eingefasste Bühne (Andrea Belli) füllt eine barock-klassizistische Schlossarchitektur, die mal das heruntergekommene Anwesen Don Magnificos, mal den prinzlichen Palast vorstellt. Eine in sich wiederum drehbare Wendeltreppe – wohl das Dingsymbol des gesellschaftlichen Aufstiegs – führt im Haus des Stiefvaters bezeichnend ins Nichts, im Palast hingegen auf eine zweite Geschossebene, die dann von oben herabgelassen wird. Historisch bleibt das Ganze übrigens unbestimmt: Signalisiert das Kostüm des Magnifico irgendwie noch ein exaltiertes ausgehendes 18. Jahrhundert, so lässt sich die Hochzeitsgesellschaft immerhin schon von einem Fotografen ablichten.
Beschützende Engel
Heimlicher und, wenn man so will: gottgleicher Regisseur des Spiels wird – ein wenig auf der Spur des Don Alfonso aus „Cosi fan tutte“ – der „Philosoph“ und Prinzenberater Alidoro, der sogar über die Macht verfügt, die Szene nach eigenem Gutdünken einzufrieren. Geflügelte Engel befördern, leicht ironisch, als beschützende Geister das Wahrwerden von Angelinas initialem Sehnsuchtstraum. Auf dieses Konzept setzen sich die erwartbaren Buffa-Späße mit Hoppe-hoppe-Reiter vorstellender Männerchor-Gesellschaft, miauenden Magnifico-Töchtern und devot-tollpatschigen Avancen. Alles wie gehabt, besonders aufregend ist es jedenfalls nicht.
Limitierender Faktor der Produktion ist leider allemal etwas, wofür die Regie nun wirklich nichts kann: Es ist – an der Feststellung führt kein Weg vorbei, zumal Rossini bessere Opern geschrieben hat – die Dürftigkeit der Musik. Kaum ist eine in sich bereits wenig prägnante Melodie erklungen, wird sie von Koloraturen erstickt oder in das stereotype Maschinenwesen der Stretta mit ihren ewiggleichen, als Versatzstücke montierten Steigerungs- und Kadenzformeln hineingezogen. Das nervt, ermüdet, langweilt – und wirft die Frage auf, warum man dieses unergiebige Werk eigentlich heute noch aufführen muss. Um noch einmal die Märchensphäre zu bemühen: Dieser Kaiser hat keine Kleider an.
Ansprechende Leistung
Wenn der Premierenabend dennoch nicht zur Rundum-Enttäuschung geriet, dann vor allem wegen der meistenteils ansprechenden Leistung der Mitwirkenden. Heimlicher Star des Abends war das Beethoven-Orchester, dem Rubén Dubrovsky eine bemerkenswert schlank-fokussierte, spritzige, temporeiche Performance entlockte, mit der er den Sängern noch Beine machte. Inspirierte Italianità, die bekanntlich nicht zu den Kardinaltugenden deutscher Opernorchester gehört.
Den Vogel unter den Solisten in Sachen sonore Stimmgewalt und echte Buffa-Charakteristik schoss wohl Martin Tzonev als Magnifico ab. Ausgerechnet die Darsteller der Hauptpartien ließen noch Luft nach oben: Francisco Brito als Ramiro bringt zwar den schönen Belcantoton südamerikanischer Tenöre ein, bleibt aber einen letzten Rest an Power, Stabilität und Durchsetzungskraft schuldig. Luciana Mancini als Angelina mischte in ihren satten Mezzo eine irritierende Nuance metallischer Schrillheit, die sich allerdings bis zu ihrem großen koloraturenjubelnden Schlussrondo verliert. Charlotte Quadt und Marie Heeschen kommen überzeugend als bösartige Töchter Tisbe und Clorinda herüber, auch Carl Rumstadt als Dandini und Lisandro Abadie als Alidoro gefallen in ihren Partien.
Nächste Aufführungen: 5., 10. Dezember, 6., 15., 23. Januar


