Abo

Brutalismus 3000 in KölnHarte Zeiten, schnelle Beats – Die Jugend will wieder raven

Lesezeit 3 Minuten
06.02.2024, Köln: Brutalismus 3000 Konzert im Carlswerk Victoria

Das Duo Brutalismus 3000 Konzert im Carlswerk Victoria

Das Berliner Duo bracht das ausverkaufte Carlswerk Victoria zum Schwitzen. Unsere Kritik. 

Wenn du ein gutes Mädchen sein willst, schreit Victoria Vassiliki Daldas ins übersteuerte Mikrofon, musst du nur ein paar einfache Regeln beachten. Diese hämmert ihr Mitverschworener Theo Zeitner dem Kölner Publikum sogleich mit 155 Kickdrum-Schlägen in der Minute ein: „Geht nicht nachts aus/ Geh nicht tagsüber aus/ Schau ihn nicht an und schau auch nicht weg/ Sei keine Schlampe und sei auch nicht prüde/ Sei nicht angezogen und sei nicht nackt/ Nimm kein Taxi, nimm keine Bahn/ Unterlasse Spaziergänge und habe keine Angst“.

Vor allem die Frauen im ausverkauften Carlswerk Victoria rufen die Parolen lauthals mit und Vassiliki Daldas lässt dazu ihre langen Zöpfe kreisen. Der Text von „Good Girl“ erinnert an America Ferreras „Es ist buchstäblich unmöglich, eine Frau zu sein“-Monolog aus dem „Barbie“-Film. Der rief in den Kinosälen ähnliche Reaktionen hervor und auch hier wurde eine schmerzlich wahre Botschaft in eine Form von aggressiv-banaler Künstlichkeit verpackt.

Seine musikalischen Helden hat Brutalismus 3000, Berliner Duo mit slowakischen Wurzeln, vor allem im verstolperten Geboller des niederländischen Gabber-Technos der 1990er Jahre gefunden und in Verbindung von elektronischer Tanzmusik mit schroffer Punk-Ästhetik, die zur Jahrtausendwende unter dem Namen Electroclash kurzzeitig populär war. Aber auch im deutschsprachigen Postpunk der anbrechenden 1980er, DAF etwa und Grauzone, deren „Eisbär“ sie im Kölner Set covern.

Alles zum Thema Konzerte in Köln

Doch wo die Schweizer einst die Eisbären beneideten, die „nie weinen“ müssen, weil sie ihre Gefühle ins Gefrierfach räumen können, verschluckt Vassiliki Daldas das „nie“: „Ich möchte kein Eisbär sein im warmen Polar/ Dann müsste ich nur noch schrei'n/ Das Eis ist nicht mehr da“, lautet das Klima-Update der beiden Brutalisten.

Dazu verballert Zeitner – im weißen Jil-Sander-T-Shirt – jede Menge höchst fragwürdiger Referenzen, man hört hier Blümchen ebenso raus wie Scooter, die Talsohle der Loveparade. Außerdem teilt der Produzent mit seinen künstlerischen Kirmes-Altvorderen die Vorliebe für allseits bekannte, hochgepitchte Melodien, die man als älterer Mitbürger nicht zwingend noch einmal hören wollte, nehmen wir nur Didos geleiertes „Thank You“. Es ist speziell diese Indifferenz der beiden Wahl-Neuköllner gegenüber den Geschmacksurteilen älterer Generationen, die Brutalismus 3000 so frisch und so schlagkräftig klingen lässt.

Schon Opening Act Sky Leon hatte mit einer Happy-Hardcore-Version des schwulen Disco-Gassenhauers „It’s Raining Men“ Grenzen ausgetestet. Brutalismus 3000 legen da noch eine Schippe drauf: ufz-ufz-ufz, ohne Unterlass. Da könnte man fast nostalgisch werden, würden einen die wummernden Bässe nicht in die totale Gegenwart zurückzwingen.

Die Jugend – das Gros des Publikums ist um die 20 – will wieder raven. Man sieht sogar, dem Februar zum Trotz, einige Jungmänner ihre Oberkörper freilegen. Die Zeiten sind härter geworden, die Beats dementsprechend schneller. Auch wenn vom Gerüst, das Vassiliki Daldas leider kaum einmal als Showtreppe nützt, eine weiße Fahne weht: Nachtleben ist Krieg am Körper. „Alles, was ich seh' ist Schmerz/ Durch die Nase ins Herz“, singspricht sie. „Willst du das wirklich alles zieh'n?/ Die Liebe kommt nicht aus Berlin.“

KStA abonnieren