Kristof Magnussons kluger und unterhaltsamer Roman „Ein Mann der Kunst“ ist das „Buch für die Stadt“ und die Region 2026.
Buch für die Stadt 2026Die schönen Abgründe des Kunstbetriebs

Kristof Magnusson
Copyright: Smilla Dankert
Und dann sitzt Constantin Marx auf einmal mit einem der bedeutendsten Künstler der Gegenwart in dessen Auto in den Weinbergen oberhalb des Rheins und lauscht in der ARD-Bundesligakonferenz Sabine Töpperwiens Kommentierung des Spiels im Rhein-Energie-Stadion: „Riesenchance im rheinischen Duell, da haben die Düsseldorfer hier in Köln schon wieder eine dicke Möglichkeit liegen gelassen.“
Es läuft also mal wieder nicht so richtig gut für den FC, und es läuft auch nicht so recht für den Förderverein des Frankfurter Museums Wendevogel, der ins malerische Rheingau aufgebrochen ist, um den öffentlichkeitsscheuen Malerfürsten KD Pratz zu treffen. Und dank dieser Begegnung mit dem Kunst-Weltstar auch die letzten zögerlichen Vereinsmitglieder endgültig von der Idee zu begeistern, den geplanten Erweiterungsbau des Museums Pratz' Werk zu widmen.
Der ist schließlich nicht irgendwer: Beuys-Schüler, „detailverliebter als Gerhard Richter, archaischer als Anselm Kiefer und expressiver als Georg Baselitz“. Mit Marina Abramović war er auch mal liiert. Die wesentlichen Kunstströmungen der vergangenen Jahrzehnte hat dieser KD Pratz maßgeblich mitgeprägt, und er taucht auf allen Top-Ten-Listen der teuersten Künstler auf. Dumm nur, dass der Maler, der sich, wenn überhaupt, nur im Anstreicher-Overall ablichten lässt, nicht nur sehr zurückgezogen auf seiner Burg Ernsteck lebt, sondern auch noch ein echter Kulturpessimist und Menschenfeind ist.
Die Widersprüche des Bildungsbürgertums
Der Einzige, den er zumindest ein wenig an sich heranlässt, ist eben jener Constantin Marx. Der Architekt ist eigentlich nur mitgefahren, um seine Mutter Ingeborg – Psychotherapeutin, Vorsitzende des Fördervereins und glühender Fan des Malers – zu unterstützen. Doch getreu dem Motto „Triff niemals deine Helden“ läuft die Reise schnell aus dem Ruder.
Was für den Förderverein zum Desaster zu werden droht, ist für die Leserinnen und Leser von Kristof Magnussons wunderbarer Satire „Ein Mann der Kunst“ ein großes Geschenk. Dieser Geschichte zu folgen, ist eine ebenso kluge wie unterhaltsame Reise ins deutsche Bildungsbürgertum mit all seinen Widersprüchen – und deshalb ist Magnussons Roman in diesem Jahr das „Buch für die Stadt“.
Dem 50-Jährigen ist ein echtes Kunststück gelungen. Er hat eine Satire über die Skurrilitäten und Abgründe des Kunstbetriebs geschrieben, die sich dennoch durch eine große Zuneigung zu ihren Figuren auszeichnet. Er legt ihre Widersprüche offen, führt sie aber nie vor.
Da ist die selbstbewusste Feministin Ingeborg, die sich dennoch für diesen Typus des Großkünstlers mit vorsichtig formuliert schwierigem Frauenbild begeistert. Da reisen bildungsbeflissene Akademiker an, die sich für ihre Diskussionskultur und Konfliktfähigkeit feiern, um sich dann von einem griesgrämigen Maler mit schlechten Manieren beschimpfen zu lassen, der überall den Kulturverfall wittert und im Internet das Übel der Welt vereint sieht. Würde diese Früher-war-alles-besser-Nörgelei bei anderen alten weißen Männern als Zeichen ihrer Rückwärtsgewandtheit gedeutet, wird sie hier zum Beleg großer Intellektualität verklärt.
Kein Künstler-, sondern ein Kunstliebhaberroman
Die Auswirkungen des Patriarchats, auch und gerade auf die Kunstwelt, Sexismus, Klassismus und Generationendebatten behandelt Magnusson wie scheinbar nebenbei und wirft auch die grundsätzliche Frage auf, was Kunst heute noch erreichen kann oder sollte. Dabei ist stets zu spüren, wie dankbar er denen ist, die immer noch an ihre Macht glauben. Deshalb ist sein Roman im engeren Sinne gar kein Künstlerroman, auch wenn es zunächst so scheint, sondern vielmehr ein Kunstliebhaberroman.
Es ist kein Wunder, dass der Halb-Isländer Magnusson nicht nur als Übersetzer und Romanautor arbeitet, sondern seine Texte auch sehr erfolgreich für die Bühne adaptiert oder neue Stücke schreibt. Er hat ein großes Talent für scharfe Beobachtungen, ungemein unterhaltsame Dialoge und kluge Pointen, was übrigens auch ganz wunderbar beim Hörbuch des Romans, gelesen von Devid Striesow, deutlich wird.
Um dieses Talent weiß auch Schauspiel-Intendant Kay Voges, der mit „In bester Lage“ von Magnusson und Gunnar Klack, einer Komödie über das „Trauerspiel im Eigentum“, im September das neue Haus am Offenbachplatz eröffnen wird. Sein Weg wird Kristof Magnusson in diesem Jahr also noch häufiger an den Rhein führen. Und vielleicht lässt er dann ja in seinem nächsten Roman auch den 1. FC Köln das Derby gewinnen.
Das „Buch für die Stadt“ ist eine Literaturaktion von Literaturhaus Köln, „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Kölnische Rundschau“. Die Jury bildeten Bettina Fischer (Literaturhaus Köln), Hildegund Laaff (Lengfeld'sche Buchhandlung), Martin Oehlen (Literaturblog „Bücher-Atlas“) und Anne Burgmer („Kölner Stadt-Anzeiger“). Die Sonderausgabe des Romans erscheint am 14. September im Goldmann Verlag.
Vom 22. bis 29. November wird es eine Aktionswoche in Köln und der gesamten Region geben. Die Matinee mit Kristof Magnusson am 22. November im Schauspiel Köln bildet den Auftakt der Aktionswoche, die bis zum 29. November läuft. Sie sind herzlich eingeladen, in der Woche eine Veranstaltung beizusteuern. Wir werden bald eine Seite freischalten, auf der Sie diese eintragen können. Unterstützt wird die Initiative vom Unternehmen JTI.