Die c/o pop, Kölns traditionsreiches Musikfestival, findet höchst originelle Antworten auf die Frage, was die Jugend von heute so hören will.
c/o-pop-EröffnungTotaler Kontrollverlust im Depot 1

Die Berliner Sängerin Fuffifufzich eröffnete die c/o pop.
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Fuffifufzich steht im Kunstlederanzug vor rot glühenden Kirchenfenstern und performt „Kontrollverlust“. Bodennebel bedeckt die Bühne. Die Berliner Künstlerin trägt ihr Haar streng zurückgegelt und eine schmale, aber blickdichte Sonnenbrille, als wäre der Geist des heiligen Falco in sie gefahren.
Und genauso klingt das auch, wenn sie im Mittelteil ihres Tracks scheinbar frei assoziierend rappt: „Gelato Baci, DJ Bobo, Monica Bellucci, Crescendo, Barbie, Inkasso, Besserwissi, Amigo, Bubi, Adorno, Gspusi.“ Das geht sogar noch ein wenig weiter, sie reimt „Luftporto“ auf „Fluchtauto“ und „Reiberdatschi“ (vulgo: Kartoffelpuffer) auf „che sympatisi“.
Das ist nicht nur sehr sympathisch, sondern sogar ziemlich geil. Das junge Publikum im Depot 1 jedenfalls hält es keine Minute lang auf den Plätzen. Man tanzt in den Reihen des Theaters, und später lädt Fuffifufzich die Feiernden noch zu sich auf die Bühne. Die schwer gehypte Sängerin eröffnet die c/o pop mit gleich zwei Shows im Mülheimer Standort des Kölner Schauspiels, in der Kulisse von Kay Voges' Inszenierung „Imagine“.
Vanessa Loibl steht nicht zum ersten Mal auf einer Kay-Voges-Bühne
Das passt besser, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Denn hinter der Sonnenbrille verbirgt sich die Schauspielerin Vanessa Loibl. Die 34-Jährige ist bekannt etwa als Hauptdarstellerin des Spielfilms „Münter & Kandinsky“ und, noch passender, aus der Kölner „Tatort“-Folge „Colonius“, in der sie zusammen mit ihrem Vater, Thomas Loibl, die Riege der Hauptverdächtigen in einem Mordfall aus dem hiesigen Techno-Milieu ergänzt.
Es ist auch nicht ihr erster Auftritt in Voges-Kulisse. Als Ensemblemitglied der Berliner Volksbühne war sie 2019 im „Don't be evil“-Abend des heutigen Kölner Intendanten zu sehen. Da hatte Loibl bereits den ersten Song ihres Pop-Alter-Egos veröffentlicht: „Life is scheise/du bist nicht dummi“ lautete der aufreizend unverblümte Titel. Voges verwendete ihn prompt in seiner Volksbühnen-Arbeit, und Fuffifufzich lautete denn auch Loibls Rollenname im Stück.
Man beobachte einen Trend zu besonderen Performances und Künstlern, die auf konzeptionelle Ansätze setzen, sagt Festivalleiterin Elke Kuhlen. Selbstredend haben die interessanteren Akteurinnen und Akteure des Pop seit jeher konzeptionell gearbeitet. Doch der Witz, wie Diedrich Diederichsen in seinem Standardwerk „Über Pop-Musik“ schreibt, ist ja gerade, dass das kulturindustrielle und künstlerische Format Pop-Musik immer wieder von allen Beteiligten neu aktiv zusammengesetzt werden muss.

Der Hyperpop-Sänger Hänsel auf der c/o pop
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Zum Beispiel eben auf der c/o pop. Die stellt in diesem Jahr zwar bereits zum 23. Mal ihre Gegenwartsbehauptung auf, hat sich mit fortschreitendem Alter jedoch immer radikaler verjüngt und aus der Not – auch nur halbwegs angesagte internationale Acts kann sich ein nicht kommerziell ausgerichtetes Stadtfestival kaum mehr leisten – eine Tugend gemacht. Indem sie den Popbegriff um außermusikalische Events erweitern: Ein „Whoriental Cabaret Showcase“ präsentiert eine queere, multikulturelle Burlesque-Show; Gesina Demes und Annika Prigge erzählen in ihrem „Endzwanni“-Podcast von Breakups und Neuanfängen. Und indem sie in den sozialen Medien und mithilfe jugendlicher Focus-Gruppen nach Musikschaffenden sucht, deren Startum sich bislang im reinen Potenzial erschöpft. Was unter anderem dazu führt, dass man auf der Ehrenfelder Eröffnungsveranstaltung zwar der immer gleichen, fröhlich mitalternden Kölner Pop-Blase begegnet, deren Vertreter jedoch früher oder später im Gespräch bekennen, keinen einzigen Act aus dem aktuellen Programm zu kennen.
Oberbürgermeister Torsten Burmester lobt in seiner frei gehaltenen, angenehm unverkrampften Rede die Bedeutung des Festivals für das kulturelle Leben der Stadt, eine leicht bekleidete Pole-Tänzerin windet sich um eine Stange im Partyzelt und der Queere Kirchenchor Köln gibt ein Ständchen – aber im Shuttlebus zum Depot bleiben viele Plätze frei. Aber das ist schon gut so, die Qualität der Programmauswahl wird durch das Kopfschütteln älterer Semester nur bestätigt, die jungen Leute setzen sich ihre Popkultur selbst zusammen.

Gesina Demes und Annika Prigge
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Wer zum Grönemeyer ist Hänsel? Warum tritt der Hyperpop-Künstler in bayerischer Krachledertracht auf und singt zu Kirmestechno-Beats „Hänschen Klein“ oder davon, dass er seine Brezen in Tränen ertrinkt? Warum tritt hier der 19-jährige Pilzsachverständige Tristan Jurisch, bekannt als „Pilzaddicted“, zusammen mit einem gewissen DJ Hundefriedhof auf, der sich eine Guildo-Horn-Gedächtnisfrisur (oben Platte, Seiten lang) rasiert hat?
Gut, von der Rapperin Ebow mag man schon mal gehört haben, die ist schon seit 20 Jahren im Geschäft – aber mit ihren aktuellen lesbischen Liebestracks – queerer Hip-Hop ist noch immer eine relativ kleine Nische – als Vorbild superrelevant. Und andere Acts stehen unmittelbar vor ihrem Durchbruch in den Mainstream, zum Beispiel die 21-jährige britische Indie-Rock-Singer-Songwriterin Chloe Slater oder der seelenvoll-verhuschte Rapper Levin Liam – auch der ist, unter seinem vollen Namen Levin Liam Hölscher, ein viel beschäftigter deutscher Fernsehschauspieler.
Wie Vanessa Loibl. Die treibt im Depot 1 mit ihrem größten Hit „Heartbreakerei“ die Eröffnungslaune auf den Höhepunkt: „Hallo 110, ist da die Po-Polizei? Ich möchte Anzeige erstatten weger Heartbreakerei“, ist mit seinen wohlgesetzten grammatikalischen Grausamkeiten („weger“?) ein Refrain für die Ewigkeit. Auch dieser Ohrwurm war bereits in „Don't be evil“ zu hören, was den klassischen Marsch der Subkultur durch die Institutionen der Hochkultur auf den Kopf stellt.
Und auch die Abfolge von Original und Parodie. Fuffifufzich italienisch angehauchte Elektroschlager funktionieren als Meta-Kommentar zum Genre – und vermitteln trotzdem tatsächlich Erlebtes und Gefühltes. Je künstlicher, möchte man meinen, desto authentischer. Auch das galt wohl schon immer für gelungenen Pop: Die Attitüde ist aufgesetzt, die Herzensbrecherei real.
