Herr Mansour, Sie sagen: „Freiheit beginnt im Kopf.“ Aber trifft der Satz dann nicht auch für die Radikalisierung junger Menschen zu?
Radikalisierung wird möglich, wenn ein Mensch unmündig ist. Alle patriarchalen Regimes, alle fanatischen Gruppierungen erwarten Gehorsam, Unterwerfung, Preisgabe des eigenen Verstands. Wer also Radikalisierung verhindern will, sollte einen anderen Menschen nicht so sehr über die richtige oder falsche Ideologie, das richtige oder falsche Verständnis des Islams oder den Willen Gottes belehren, sondern ihn kritikfähig machen.
Wird nicht jeder Radikale sagen, er habe gerade durch seine klare Positionierung ein Höchstmaß an Mündigkeit erreicht?
Jugendliche werden radikal, weil sie nach Orientierung und Halt suchen. Sie wollen die eigene Verantwortung an eine Instanz abgeben können, die ihnen sagt, wo es langgeht. Auf Schulhöfen werden Sie am häufigsten die Begriffe „halal“ und „haram“ hören – „erlaubt“ und „verboten“: Wenn ein Jugendlicher ganz genau zu wissen glaubt, was er tun darf und was nicht, dann fragt er nicht mehr so genau nach den Gründen. Warum beschäftigt Gott sich so obsessiv mit Gelatine in Gummibärchen – hat er nichts Wichtigeres zu tun? Warum bekommen Frauen ein geringeres Erbe als Männer? Solche Fragen darf man in einem radikalen Kontext nicht stellen. Man muss glauben, dass die Dinge so sind, wie sie sind.
Wo setzt die Befähigung zur Mündigkeit an?
Jugendliche reagieren sofort abwehrend, wenn sie das Gefühl haben, ihr Gegenüber ist nicht authentisch oder will sie belehren. Zu jungen Leuten zu gehen und ihnen zu sagen, „Deutschland erwartet von euch dies und das“ oder „was ihr macht, ist falsch; lasst das sein!“ – das funktioniert nicht. Man wird ihnen auch nicht mit dem Grundgesetz kommen können.
Was funktioniert dann?
Dialog-Plattformen auf Augenhöhe. Wer in eine Willkommens-Klasse, ein Gefängnis, eine Jugendgruppe geht, muss sich gut darauf vorbereiten, mit wem er es zu tun haben wird. Er muss seinen Gesprächspartnern die Gelegenheit geben, das zu sagen, was sie glauben, was sie beschäftigt – ohne sie sofort zu verurteilen oder abzuwerten. Ich setze zudem auf Theaterpädagogik und versuche so, die Jugendlichen emotional zu erreichen und sie sozusagen auf eine Reise in geistiges Neuland zu setzen, wo sie Dinge hinterfragen, anderen Rollenmodellen und Vorbildern zu begegnen, die ihnen Denkanstöße geben und Alternativen zeigen.
Welche zum Beispiel?
Junge Leuten, die sagen: „Ich bin auch Migrant, ich bin auch Moslem, und trotzdem bin ich für Gleichberechtigung und mache meine Ehre nicht von der Jungfräulichkeit meiner Schwester abhängig.“ So etwas kann sehr viel bewirken. Und dann kommt noch etwas Entscheidendes hinzu: der Abbau von Ängsten. Wer Angst vor Freiheit oder Individualität hat, neigt zur Desintegration, zum Rückzug in Parallelwelten, zur Radikalisierung.
Nun werden ja auch von politischen Kräften in Deutschland ganz gezielt Ängste geschürt: vor den Fremden, vor den Ausländern, vor dem Islam. Kommt es Ihnen nicht so vor, dass Sie mit Ihren Graswurzel-Projekten gegen die geballte Stimmungsmache antreten, als ob Sie das Meer mit einem Suppenlöffel ausschöpfen wollten?
Jeder Bürger, jede Bürgerin muss bei sich selbst und im eigenen Umfeld anfangen. Auch unsere Arbeit muss persönlich sein, um die Adressaten emotional zu erreichen. Anders kann sie keinen Erfolg haben. Aber meine Mitstreiter und ich brauchen Unterstützung und Hilfe, um mehr zu erreichen. Und Sie haben Recht: Die gegenwärtige gesellschaftliche Atmosphäre und die derzeit praktizierte Streitkultur sind in hohem Maß beängstigend. Auf Dauer hält die Demokratie das nicht aus. Wir müssen deshalb dafür sorgen, dass die großen Themen der Menschen wieder in der Mitte der Gesellschaft verhandelt werden, nicht am Rand. Wer Radikale bekämpfen will, muss ihnen ihre Themen abnehmen und in die Mitte der Gesellschaft holen. Und Politiker dürfen nicht den Fehler machen, ein bestimmtes Thema zum alles entscheidenden zu erklären und darüber andere Fragen zu vernachlässigen.
Woran denken Sie da speziell?
Ein Beispiel: So wichtig Klima- und Umweltschutz sind – das soziale und geistige Klima ist für das Überleben einer Gesellschaft mindestens so wichtig. Die Verabsolutierung eines „Megathemas“ ist ein sprechendes Indiz für überforderte Politiker. Wir brauchen die Parallelität in der Bearbeitung der Herausforderungen: Integration, Deradikalisierung, eine Debattenkultur ohne vorschnelle Moralisierung und Sprechverbote. Und vor allem müssen wir die Menschen wieder für Demokratie und Menschenrechte begeistern.
ZU PERSON UND VERANSTALTUNG
Ahmad Mansour, geboren 1976, ist arabischer Israeli. Seit 2004 lebt er in Berlin. Er hat verschiedene Projekte gegen Extremismus entwickelt und 2017 mit seiner Frau die Gesellschaft „Mind Prevention – Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention“ gegründet. In seinem Buch „Klartext zur Integration“ (S. Fischer Verlag, 2018) macht er Vorschläge für ein Miteinander auf der Basis von Demokratie, Offenheit, Toleranz und Akzeptanz.
Am Sonntag erhält Mansour den Menschenrechtspreis 2019 der „Gerhart und Renate Baum Stiftung“. Die Laudatio hält NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU).
13. Oktober, 11 Uhr, Schauspiel Köln, Spielstätte Offenbachplatz. Karten (5,50 Euro) unter Tel. 0221/221-28400 oder per mail an tickets@buehnen.koeln.