Kölner Akademie würdigt Emilie MayerDeswegen kennt kaum jemand den weiblichen Beethoven

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Eine undatierte historische Lithografie zeigt die Komponistin Emilie Mayer. Die junge Komponistin sitzt vor einem Klavier.

Eine undatierte historische Lithografie zeigt die Komponistin Emilie Mayer.

Emilie Mayer galt als weiblicher Beethoven. Die Kölner Akademie würdigt die Komponistin mit einer CD.

Michael Alexander Willens und seine Originalklangformation Kölner Akademie zählen im rheinischen Raum zu den beharrlichen Erforschern von Repertoirelücken in der Musikgeschichte zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert. Im Barockmetier etwa erschließt er oratorische Werke im weiteren Umfeld von Bach zwischen Johann Schelle und Johann Heinrich Rolle. Und seine romantischen Entdeckungsreisen haben ihn jetzt zu der Komponistin Emilie Mayer (1812-1883) geführt, eine etwas jüngere Zeitgenossin von Mendelssohn und Schumann, die, als Apothekerstochter im mecklenburgischen Friedland gebürtig, ihre Ausbildung in Stettin (bei Carl Loewe) und in Berlin erhielt, in welchen Städten sie auch den Großteil ihres Lebens verbrachte.

Trotz lobender bis enthusiastischer Würdigungen – unter anderem als „weiblicher Beethoven“ – blieb der große öffentliche Erfolg versagt, und nach den Gründen muss man nicht lange fahnden: In einer männlich dominierten Musikkultur waren gerade komponierende Frauen unerwünschte Exoten – das berühmteste Beispiel für die zeitübliche misogyne Unterdrückung dürfte wohl Mendelssohns Schwester Fanny sein.

Kölner Akademie mit neuer CD zum „weiblichen Beethoven“

Die neue CD des Labels cpo, aufgenommen im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks, umfasst vier Orchesterouvertüren, darunter eine Faust-Ouvertüre (wodurch also Wagners einschlägiges Jugendwerk nicht mehr allein dasteht) und, als Hauptwerk, Mayers einziges Klavierkonzert, dessen Solopart hier von Tobias Koch auf einem von 1859, also aus der Zeit der Werkentstehung (1853 bis 1857) stammenden Blüthner-Fortepiano gespielt wird.

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Das entfaltet im Verein mit den gut ausbalancierten historischen Orchesterinstrumenten einen eigentümlichen, vom modernen Flügel weit entfernten Reiz. Es klingt heller, silbriger, schlanker – was sich aufs Vorteilhafteste mit Kochs geschmackvollem Rubato und genau disponierender Phrasierungskunst verbindet. Der Solist erliegt auch nicht der Versuchung, aus dem Stück einen romantischen Virtuosenreißer zu machen, sondern verlässt in keinem Augenblick das Plateau einer eleganten Noblesse.

Emilie Mayer ließ sich auch von Mozart inspirieren

Das erscheint auch deshalb angemessen, weil Mayers Klavierfiguration und der Werkcharakter überhaupt angesichts der Entstehungszeit stark retrospektiv sind. Kaum zu glauben, dass Brahms‘ erstes Klavierkonzert aus der nämlichen Periode stammt. Das Vorbild scheint hier nicht die Frühromantik, ja nicht einmal Beethoven, sondern vielmehr Mozart zu sein – im finalen Rondo erklingt eine Passage, die mehr oder weniger das Terzett „Drei Knaben, hold, schön, jung und weise“ aus der „Zauberflöte“ zitiert. Den Hörer braucht das nicht zu interessieren, er kann sich ja einbilden, das Stück sei um 1820 komponiert. Dann kann er nämlich viel Reizvolles erleben: blühende Melodien, schöne Dialoge mit dem Orchester, eine überzeugende Disposition der harmonischen Felder. Stroh wird da jedenfalls nicht gedroschen.

Die Ouvertüren halten in ihrer dramatischen Dichte, im ausgezeichnet gehandhabten instrumentalen Kolorit und in ihrer völlig unschematischen Handhabung der formalen Parameter das Niveau des Klavierkonzerts – so sie es nicht übertreffen. Willens‘ vitale, kernige, aufgeraute Interpretation befördert diesen Eindruck – hier hat ein Stoff seinen Meister gefunden.

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