Abo

Kommentar

Die Bayreuther Festspiele und Michel Friedman
Erinnern muss manchmal wehtun

Ein Kommentar von
3 min
Michel Friedman, deutsch-französischer Publizist, Talkmaster, Jurist, Philosoph und ehemaliger Politiker, in der Flora Köln.

Michel Friedman, deutsch-französischer Publizist, Talkmaster, Jurist, Philosoph und ehemaliger Politiker, in der Flora Köln. 

Die Wagner-Festspiele luden den Publizisten erst ein - und dann wieder aus. Nun soll er doch in Bayreuth sprechen und beweist Größe.

Die Bilder sind bekannt: Ein lächelnder, sichtlich gut gelaunter Adolf Hitler bei den Wagner-Festspielen auf dem Grünen Hügel. Er winkt der Menge zu, die ihm den rechten Arm entgegenstreckt. Bayreuth war eben immer mehr als ein Festival. Wenige deutsche Kulturorte sind historisch so aufgeladen wie dieser. Winifred Wagner, Schwiegertochter des Komponisten und Leiterin der Festspiele von 1930 bis 1944, war eine enge Vertraute Hitlers. Dieser dankte es ihr mit regelmäßigen Besuchen. Auch nach dem Ende des Nationalsozialismus bekannte sie sich zu Hitler und seiner Ideologie.

Es ist also nicht nur der Antisemitismus des Komponisten selbst, sondern auch der Umgang des Festivals vor und nach 1945 mit dem schwierigen Erbe, der bis heute wie eine dunkle Wolke über dem Grünen Hügel schwebt. Vor diesem Hintergrund ist es unstrittig, dass das Festival, das 1876 erstmals stattfand, sein 150-jähriges Bestehen nicht einfach mit einer Jubelarie feiern kann.

Und das sah Festivalleiterin Katharina Wagner offensichtlich genauso. Zum Auftakt der Wagner-Festspiele wurde für den 26. Juli ein Gedenkkonzert mit dem Titel „Verstummte Stimmen“ geplant, mit dem an den Antisemitismus des Komponisten, die unrühmliche Rolle der Festspiele in der NS-Zeit sowie an ermordete und verfolgte Musiker hätte erinnert werden sollen.

Sicherheitsbedenken als Grund

Der jüdische Publizist Michel Friedman sollte in diesem Rahmen eine Rede halten. Ein wichtiges Signal des Festivals, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit anzustreben. Doch dann machte Friedman in der „Süddeutschen“ öffentlich, dass die Gedenkveranstaltung abgesagt worden war. Angeblich aus Sicherheitsbedenken. „Das ist in einer Demokratie der Tod durch Selbstmord“, sagte er der Zeitung.

„Die Ernsthaftigkeit, sich mit dem Antisemiten Wagner auseinanderzusetzen, ist durch diese Absage ad absurdum geführt.“ Auf Drohungen von Extremisten gebe es eine ganz einfache Antwort: „Dann sichert diese Veranstaltung. Und spart euch alle Sonntagsreden!“

Friedman hat Recht. Es kann in einer Demokratie nicht sein, dass der Bedrohte für die Bedrohung bestraft wird, indem man ihn einfach auslädt. Im Übrigen erscheint die Begründung auch deshalb vorgeschoben, weil Bayreuth sich mit strengen Sicherheitsvorkehrungen auskennt. Auch ein Bundeskanzler spaziert nicht einfach so über den roten Teppich. Und auch dass die Polizei mehreren Medien bestätigte, gar nicht in den Vorgang involviert gewesen zu sein, wirft kein gutes Licht auf die Veranstalter. Die Aufregung war also zu Recht groß, der Schaden beachtlich.

Doch was dann passierte, beweist, dass in vielen Krisen nicht der Auslöser für diese das Hautproblem ist, sondern der Umgang damit. Am Donnerstagabend gab Michel Friedman bekannt, dass Katharina Wagner ihn um Entschuldigung gebeten habe. „Eine reine Jubelfeier wäre für mich unerträglich!“, zitiert die „Süddeutsche“ aus dem Brief der Festivalleiterin. Nun soll die Gedenkveranstaltung wie geplant stattfinden.

Und wie reagierte Michel Friedman? Der nannte die Bitte um Entschuldigung „ernsthaft und glaubwürdig“. Er sagte: „Wenn sich jemand bewegt, sollte man sich mitbewegen.“ Die erneute Einladung nahm er an und wird nun in Bayreuth sprechen. Michel Friedman hat in diesem unwürdigen Spiel Größe gezeigt. Er hätte sich nach diesem Gezerre auch weigern können, doch dort zu sprechen. Aber er ist viel zu klug, um die Chance, in diesem früheren Wallfahrtsort deutscher Antisemiten zu sprechen, ungenutzt verstreichen zu lassen.

Der brillante Redner Friedman wird bei diesem Termin Ende Juli sicher kluge Worte finden – für die Vergangenheit und für die Gegenwart. Und so hat dieses unrühmliche Kapitel doch noch ein Gutes. Die Festivalmacher haben mit Macht vor Augen geführt bekommen, dass Erinnern manchmal auch wehtun muss, wenn es ehrlich gemeint ist. Und Michel Friedman wird die zusätzliche Aufmerksamkeit, die seiner Rede zuteil wird, ganz sicher gut nutzen.