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„Disclosure Day“Mit 80 Jahren kehrt Steven Spielberg zu seinem Filmdebüt mit 17 zurück

5 min
L to R: Colman Domingo is Hugo Wakefield, Tommy Martinez is Santiago, Emily Blunt is Margaret Fairchild, and Josh O'Connor is Dr. Daniel Kellner in DISCLOSURE DAY, directed by Steven Spielberg.

Colman Domingo (v.l.), Tommy Martinez, Emily Blunt und Josh O'Connor in Steven Spielbergs Film "Disclosure Day"

Steven Spielberg nimmt in seinem neuen Film „Disclosure Day“ noch einmal Kontakt mit Außerirdischen auf – und zieht die Summe seines Schaffens.

Ein kurzer Kuss, dann unterbricht ein schwirrendes Geräusch die innige Zweisamkeit. „Schau“, sagt die Frau und zeigt in den Nachthimmel. „Was ist das?“, fragt ihr Freund im Widerschein des rosa schimmernden Objekts, das über den Wipfeln schwebt. Oder ist es nur ein Lichtreflex? „Firelight“ heißt das Science-Fiction-Drama, das der 17-jährige Steven Spielberg 1964 mit Geschwistern und Mitschülern auf 8-Millimeter-Film in seiner Garage gedreht hat.

Darin folgen Ufologen geheimnisvollen Erscheinungen am Firmament, verschwinden Soldaten, junge Mädchen und Hunde aus einer Kleinstadt in Arizona, geben sich schließlich Außerirdische vom Planeten Altaris zu erkennen, die amerikanisches Provinzleben in ihren Menschenzoo entführen wollten. Von den ursprünglich zweieinviertel Stunden des holprigen Spielfilmdebüts haben keine vier Minuten die Zeit überdauert.

Interessant ist es hauptsächlich deshalb, weil Spielberg seine Jugendidee zwölf Jahre später in „Unheimliche Begegnungen der Dritten Art“ wieder aufgegriffen hat – und jetzt, mit fast 80 Jahren, erneut in „Disclosure Day“, seinem 37. Spielfilm, der am Mittwoch in den deutschen Kinos anläuft. Wer genau hinschaut, erkennt sogar einmal den Teufelsberg aus „Close Encounters“ (im Originaltitel geht es um Nähe, nicht ums Unheimliche). Nach dem phänomenalen Erfolg von „Der weiße Hai“ hatte der junge Regisseur Mitte der 1970er Jahre Carte blanche – er nutzte sie, um einen der ungewöhnlichsten Blockbuster der Kinogeschichte zu drehen: Die Geschichte einer quasi-religiösen Erweckung, die auch die Geschichte eines Vaters ist, der seine Familie verlässt. Den Subplot einer zerbrechenden Ehe gab es bereits in „Firelight“, Spielbergs Eltern hatten sich damals gerade scheiden lassen.

Wie Vater und Mutter im UFO zusammenkommen

James Lipton, Gastgeber der Talkshow „Inside the Actors Studio“, hatte Spielberg einst mit seiner Einsicht zum Finale von „Unheimliche Begegnungen“ konfrontiert, in dem der Erstkontakt zum Mutterschiff mithilfe von John Williams berühmtem Fünf-Noten-Motiv – und der diesem zugrundeliegenden Mathematik – gelingt: „Ihr Vater war Computeringenieur, Ihre Mutter Konzertpianistin, und als das Raumschiff landet, machen sie gemeinsam Musik am Computer.“

Die Begegnung mit den Außerirdischen scheint für Spielberg fest an den Schmerz der Trennung, an auseinanderbrechende Familien und an ein Heilsversprechen der Versöhnung gekoppelt. In „E. T.“ (1982) hat der Vater schon vor Einsetzen der Handlung die Familie verlassen, der auf der Erde gestrandete, leuchtfingrige Raumfahrer und die traumatisierten Scheidungskinder suchen gemeinsam nach ihrem jeweiligen verlorenen Zuhause. In „War of the Worlds“ (2005) sind die Geschwister gerade auf Wochenendbesuch bei ihrem, von Tom Cruise gespielten, überforderten, unreifen Vater, als Marsianer angreifen – erst die Bedrohung von außen kittet das kaputte Verhältnis. Die ursprüngliche Version von „E. T.“ – unter dem Titel „Night Skies“ – handelte ebenfalls von einem Außerirdischen, der eine Durchschnittsfamilie terrorisiert. Aus den dunklen Teilen der Story entwickelte Spielberg stattdessen „Poltergeist“. Das böse Gegenstück zum liebenswerten Nach-Hause-Telefonierer kam nur eine Woche später in die Kinos.

Director Steven Spielberg on the set of his film DISCLOSURE DAY.

Steven Spielberg beim Dreh seines Films "Disclosure Day"

Und auch in „Disclosure Day“ stellen die interstellaren Besucher irdische Beziehungen auf den Prüfstand. Es folgen ein paar kleinere Spoiler. Die katholische Freundin von Josh O’Connors Whistleblower wird von seinen Enthüllungen in eine Glaubenskrise gestürzt, und für Emily Blunts Filmpartner gilt die Bibelstelle „gewogen und für zu leicht befunden“, er ist ihren neuen, von den Extraterrestrischen geweckten Superfähigkeiten nicht im Geringsten gewachsen, es fehlt ihm am rechten Glauben an höhere Mächte und vor allem am Einfühlungsvermögen gegenüber seinen Mitmenschen – am Ende, scheint dieses Spätwerk in beinahe jeder Szene zu sagen (und sagt es auch einige Male in uncharakteristischer Überdeutlichkeit), wird uns nur unsere Empathie retten, die Fähigkeit, andere Menschen zu verstehen, indem man ihren Geschichten lauscht.

In seinem vorletzten Film „The Fabelmans“ hatte Spielberg seinen eigenen Bildungsroman erzählt, die Geburt seiner Kunst aus dem Drama seiner Familie. In „Disclosure Day“ zieht er die Summe seines Filmschaffens, kehrt nicht nur zum Erstlingsfilm zurück, sondern auch zu den wilden Verfolgungsjagden aus „Duel“ (1971) und „The Sugarland Express“ (1974), zum tiefen Misstrauen gegenüber Autoritäten, elterlich wie staatlich, wie es uns in den UFO-Filmen, aber auch in so unterschiedlichen Werken wie „Der weiße Hai“ (1975), „Catch Me if You Can“ oder „Minority Report“ (beide 2002) begegnet. Und zur Begegnung mit einer überwältigenden Macht. Ist es einfach die des Kinos?

Das Numinose zeigt sich im „Spielberg Face“, einem Dolly-Shot auf die Gesichter seiner Protagonisten, die mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen das Wunderbare erblicken – sei es ein Außerirdischer, die Bundeslade oder ein T-Rex. Angestammter Ort dieses Wunders ist die Kindheit, das wird hier, wie schon in „Unheimliche Begegnung“ und „A. I.“ (2001), mit einer Disney-Referenz unterstrichen. Genauso interessant sind die Unterschiede: In „Unheimliche Begegnung“ wie in „Disclosure Day“ stehen die Außerirdischen für die verlorene Unschuld, für das wiederzuerlangende Paradies. Und in beiden Filmen sind es Regierungsorganisationen, die den Bürgern den direkten Kontakt zum Wunderbaren verweigern.

Aber während Spielberg vor 50 Jahren noch von Künstlerindividuen erzählte (wer den UFOs begegnet ist, zeichnet und bildhauert wie unter Zwang den Teufelsberg), die sich ihren Weg gegen gesellschaftliche Widerstände erkämpfen müssen, geht es ihm in „Disclosure Day“ um die weitergreifende Frage, ob man die Gesellschaft mithilfe der Medien nicht nur auseinandertreiben, sondern eventuell auch wieder zusammenbringen kann: Der titelgebende Tag der Enthüllung ist so etwas wie das Jüngste Gericht der UFO-Gläubigen. Zu denen gehört der Regisseur nämlich auch, egal wie oft er Außerirdische als Metaphern benutzt hat.

Irgendetwas, irgendjemand ist da draußen. Wir müssen nur in den Nachthimmel schauen.