„Dune: Part Two“-KritikEin künstlerischer Triumph – mit ungewöhnlichem Ende

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Timothee Chalamet als Paul Atreides und Zendaya als Fremen-Frau Chani in einer Szene aus „Dune: Part Two“

Timothee Chalamet und Zendaya in „Dune: Part Two“

Denis Villeneuves zweiter Teil seiner „Dune“-Verfilmung ist ein künstlerischer Triumph – ein Heldenepos als Warnung vor Heldenepen.

Man lacht genau einmal in „Dune: Part Two“, Denis Villeneuves fortgesetzter Verfilmung von Frank Herberts Science-Fiction-Klassiker „Der Wüstenplanet“, die am kommenden Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft. Paul Atreides, letzter Erbe seines intergalaktischen Adelshauses, wird vom Wüstenvolk der Fremen als der ihnen vorhergesagte „Mahdi“ erkannt, der sie ins Paradies führen wird.

Allen voran von Stilgar, dem Anführer eines Fremen-Stammes. Javier Bardem gibt ihn als übereifrigen, glaubwütigen Propheten. Ein Fanatiker. Doch Timothée Chalamets Paul lehnt die angetragene Bürde ab. Er sei nur ein Mensch, kein (weißer) Messias. Woraufhin Stilgar messerscharf schließt, dass nur der wahre Messias so viel Bescheidenheit zeigen würde.

Die Dialogzeile klingt, als hätte man sie direkt aus Monty Pythons Religionssatire „Das Leben des Brian“ auf den fernen Planeten Arrakis gebeamt. Und Bardem kostet sie mit maximalem schauspielerischem Genuss aus. Später, als Paul Atreides seinen Erlöserstatus mit Haut und Haaren und blau glühenden Augen angenommen hat, ist das dann gar nicht mehr so lustig.

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Man muss es Denis Villeneuve hoch anrechnen, dass er Frank Herberts bittere Botschaft nicht zum bloßen Subtext seines Filmspektakels macht, sondern zur Hauptsache: das Schlimmste, was einer Welt am Ende ihrer Ressourcen passieren kann, ist der blinde Glaube an eine charismatische Führerfigur.

Das „Dune“-Universum, vom amerikanischen Autor zwischen 1965 und 1985 in sechs Romanen beschrieben, ist Science-Fiction-Literatur, die sich kaum für die Wissenschaft oder ihre technischen Anwendungen interessiert, genretypische Künstliche Intelligenzen oder naseweise Roboter sucht man hier nicht nur vergebens, sie sind mit einem schon zehntausend Jahre anhaltenden Tabu belegt. Umso mehr beschäftigen Herbert die großen, globalgeschichtlichen Bewegungen, ins Astronomische geweitet.

Im „Wüstenplanet“ erleben wir das Ende eines viele Sonnensysteme umfassenden Imperiums in der extrem fernen Zukunft der Menschheit. Kaiser Shaddam IV könnte seine Teile-und-herrsche-Intrigen zwischen den einzelnen Adelshäusern vermutlich in endlosen Kombinationen weiterspinnen, doch die subtilen Manöver haben ihn ausgebrannt. Im Roman wird sein Aussehen als das eines 35-Jährigen beschrieben, Villeneuve hat dagegen den 80-jährigen Christopher Walken besetzt, der den Herrscher als leere Hülle spielt, ohne Visionen, Ideen oder Überzeugungen, zusammengehalten allein vom Willen zur Macht.

Christopher Walken wird als greiser Kaiser allein von seinem Machtwillen zusammengehalten

Chalamets Atreidensohn haben wir im ersten Teil der Verfilmung als aufmerksamen jungen Mann kennengelernt, dessen zartes Äußeres die innere Härte fast vollständig verbirgt. Was dort noch vieldeutiges Träumen war, verfestigt sich in „Dune: Part Two“ nach und nach zur unerschütterlichen Überzeugung.

Selbst als Paul todesverachtend vom bläulich schimmernden Saft des Wurmes getrunken und damit seine prophetischen Fähigkeiten geschärft hat, scheut er noch vor den Konsequenzen seines Handelns zurück — er sieht ja jetzt klar, welch furchtbare Kräfte er heraufbeschwört. Nebenbei: da denkt man unweigerlich an die amerikanische Wendung, „drinking the Kool-Aid“, mit der man Menschen beschreibt, die blindlings einer Ideologie folgen, in Anspielung an das Gemisch aus Fruchtsaft, Valium und Zyankali, mit dem sich mehr als 900 Anhänger des Sektenführers Jim Jones 1978 ins Jenseits beförderten.

Am Ende glaubt Paul Atreides selbst an seine göttliche Sendung – obwohl er weiß, dass der messianische Glaube dem Wüstenvolk von Arrakis vor langer Zeit von den Bene Gesserit eingepflanzt wurde, einer im Hintergrund der Macht schaltenden und waltenden Schwesternschaft, der auch seine Mutter angehört.

Lange Zeit zögert der Möchtenichtsogern-Messias, die erste, vergleichsweise unbeschwerte Stunde des Films verfliegt als Coming-of-Age-Story, als trocken gelegte „Der mit dem Wolf tanzt“-Variante: Paul reitet einen gewaltigen Sandwurm – die Passage ist so aufregend und dynamisch gefilmt, dass man die Hände in die Lehnen krallt und im Kinositz mitreitet – und die Liebe zwischen ihm und dem von Zendaya mit trotziger Würde gespieltem Fremen-Mädchen Chani erblüht und vertieft sich von Szene zu Szene.

Kameramann Greig Fraser inszeniert Timothee Chalamet als Caspar-David-Friedrich-Figur

Paul Atreides trinkt also sein eigenes Kool-Aid und die fantastischen Breitwandbilder des Kameramanns Greig Fraser inszenieren ihn immer wieder als romantische Einzelfigur vor Dünen oder folgsamen Massen, wie ein Caspar-David-Friedrich-Gemälde vom Mars. Oder, um die Analogie zu wählen, die sich wohl jedem Rezensenten aufdrängen wird, als David Leans „Lawrence von Arabien“, den anderen Wüstenprediger, der sich im Blutrausch verliert.

Glauben Sie nicht Kritiken, die Ihnen erzählen, die bleichen Antagonisten vom Geschlecht der Harkonnens wären eben das: blass. Sie sind nicht die wahren Antagonisten in dieser Geschichte. Und glauben Sie noch weniger denen, die sich vom vergleichsweise offenen, gedämpften Ende enttäuscht zeigen: Der Sieg der neuen gegen die überalterte Macht ist alles andere als ein Triumph. An die Stelle der Bürokratie tritt der Heilige Krieg, an die Stelle des politischen Geschachers der Vernichtungswille eines verblendeten Volkes.

Frank Herbert hatte, nicht zuletzt aus Frust darüber, dass „Der Wüstenplanet“ von vielen als Heldenlegende missverstanden wurde, sein nächstes Buch im „Dune“-Zyklus denkbar unepisch angelegt. „Dune Messiah“ (auf Deutsch „Der Herr des Wüstenplaneten“) ist ein höfischer Roman, voller Intrigen und falscher Gesichter. Der einstige Messias ist hier ein Häufchen Elend. Angeblich will Denis Villeneuve nun auch diesen schmaleren Band verfilmen.

Es wäre eine Trilogie für unsere Kipppunkt-Zeit, ein „Star Wars“ (für das sich George Lucas schamlos bei „Dune“ bediente) für Erwachsene, ein „Herr der Ringe“ ohne rechte Anklänge. Aber selbst diese beiden Filme, die man als einen sehen sollte, wären meisterlich genug.

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