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Elke Heidenreich„Frauenliteratur? Das empfinde ich als infame Ausgrenzung“

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Elke Heidenreich mit 15 Jahren 

Köln – Kennen Sie Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“? Mit großer Wahrscheinlichkeit haben Sie ihn in der Schule gelesen. Und selbst wenn nicht, ist Ihnen die Geschichte der unglücklichen Effi sicherlich schon einmal irgendwo begegnet. Kennen Sie „Aus guter Familie“? Wie „Effi Briest“ erschien der Roman von Gabriele Reuter im Jahr 1895, wie Fontanes Werk war er ein großer Verkaufserfolg und wurde von der Kritik gelobt. Reuters Name ist heute jedoch in Vergessenheit geraten, Fontanes ist allgegenwärtig.

Warum ist das so? Wie betrachten wir Literatur von Männern und von Frauen? Welche Werke werden kanonisiert, welche vergessen? Die Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert gibt in ihrer erhellenden und zugleich unterhaltsamen Untersuchung „Frauen Literatur - Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“ Antworten. Wobei sie die Frauen im Buchtitel direkt streicht, denn so wenig es Männerliteratur gibt, so wenig gibt es eben auch Frauenliteratur. 

Autorinnen und Bücher

Elke Heidenreich (78) ist Kölner Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Moderatorin. Ihr neues Buch trägt den Titel: „Hier geht's lang! - Mit Büchern von Frauen durchs Leben“ (Eisele Verlag, 192 Seiten, 26 Euro).

Nicole Seifert ist Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin und Autorin. Ihr Buch heißt: „Frauen Literatur - Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“, (Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 18 Euro).

Seifert zeigt anschaulich, dass auch heute noch in den Programmen der Verlage Autoren dominieren. Und wenn Bücher von Frauen veröffentlicht werden, werden sie seltener und weniger umfangreich besprochen. Es geht in den Kritiken zudem viel häufiger um ihr Aussehen, ihre Kleidung oder die Männer, die in ihrem Leben eine Rolle spielen. Es gelten eben andere Maßstäbe, selbst wenn Männer und Frauen über das Gleiche schreiben.

Einen sehr persönlichen Zugang zum selben Thema hat Elke Heidenreich gewählt. Die 78 Jahre alte Literaturexpertin, die auch im „Kölner Stadt-Anzeiger" jeden Samstag ein Buch empfiehlt, legt mit „Hier geht's lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben“ eine Lese-Autobiografie vor, die viel über Elke Heidenreichs Leben verrät und darüber, wie Bücher sie gerettet haben.

Einzelkind im Nachkriegsdeutschland

Das mag nun für manche pathetisch klingen, aber wer den mit zahlreichen Fotos liebevoll gestalteten Band gelesen hat, weiß, dass sie nicht übertreibt. Das einsame Einzelkind im rauen Nachkriegsdeutschland, das von seinen Eltern nie die Liebe erhielt, nach der es sich sehnte, verschlang die Geschichten vom Nesthäkchen oder Trotzkopf, die so ganz anders lebten als es selbst.

Heidenreich weiß heute um das antiquierte Frauenbild dieser Romane, aber sie verurteilt die junge Leserin, die sie einmal war, nie. Ihr Buch, das chronologisch ihrem Leben - Kindheit, Teenagerjahre, Studium, Berufsleben - folgt, zeigt, wie die Literatur sie veränderte, sie prägte und ihr Trost spendete, wenn sonst niemand trösten konnte.

Ungerechte Sicht

Ihr Buch sei keine feministische Einordnung von Literatur betont Heidenreich zu Beginn. Und doch stimmt sie mit Nicole Seifert überein, wenn sie festhält: „Wenn Männer schreiben, ist es automatisch Literatur. Wenn Frauen schreiben, ist es immer noch Frauenliteratur. Das empfinde ich als infame Ausgrenzung: Kunst kann das ja nicht sein, ist ja bloß von und für Frauen.“ Wie falsch, wie ungerecht und überheblich eine solche Sicht ist, macht die Kölnerin deutlich.

So viele famose, kluge, kreative und begabte Frauen begegnen den Leserinnen und Lesern in diesem Band: Christa Wolf, Ruth Klüger, Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Sylvia Plath, Susan Sonntag, Anne Sexton, Virginia Woolf, Dorothy Parker, Marlen Haushofer, Ingeborg Bachmann - die Liste ließe sich beliebig verlängern. Viele von ihnen zerbrachen daran, ihre Kreativität, ihr Schreiben-Müssen nicht in Einklang bringen zu können mit der Rolle, die ihnen die Gesellschaft zuwies.

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Wenn Heidenreich heute, mit fast 80 Jahren, sagt, die Werke der „Schriftstellerinnen, die mit ihrem Leben dafür bezahlt haben, helfen uns, mir durch die noch verbleibenden Jahre“, hat das eine ungeheure Kraft und etwas sehr Tröstliches.

„Literatur ist ein Geschenk, Bücher sind ein Glück, Geschichten sind lebensnotwendig, um die eigene Verwirrung zu ordnen“, schreibt Heidenreich. Und um den richtigen Ton für ihr eigenes Leben zu finden, seien die Bücher von Frauen für sie immer hilfreicher gewesen als die von Männern. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.