Bleich wie Gummimasken hängen die Kuhköpfe an ihren Haken und strecken uns die Zunge heraus; nur ein Schädel pendelt aus der Reihe und grinst sich eins. „Machen sie sich über uns lustig oder über sich selbst“, hat Dora Philippine Kallmus unter eine ihrer Aufnahmen aus den Pariser Schlachthöfen geschrieben, als sei das massenhafte Töten und Zurschaustellen von Tieren ein grimmiger Scherz, ein großer, makaberer Karneval, der uns an die Grausamkeit des Lebens erinnern soll. Bei den in Reih und Glied aufgehängten Schweineleibern fällt es hingegen schwer, an einen Totentanz zu denken, und das geköpfte Kalb, dessen Blut über den Boden rinnt, steht für nichts mehr außer der Gabe der Fotografie, ein Bild zu machen, in dem das Licht der Welt erlischt.
Nach 1945 waren gehäutete Lämmer und Pferdeembryos ihre Modelle
Dora Kallmus war nicht die erste Fotografin, die mit der Fotokamera ins Schlachthaus ging; 1956/57 waren solche Bilder schon beinahe ein alter, vor allem in surrealistischen Kreisen gerne herumgereichter Hut. Aber Doro Kallmus war nicht irgendwer. Unter ihrem Künstlernamen Madame d’Ora hatte sie im Wien der Zwischenkriegsjahre die bessere Gesellschaft wie Stummfilmstars fotografiert und seit 1925 in Paris maßgeblich dabei mitgeholfen, die Haute Couture zum Synonym für Mode zu machen. Diese Welt der Schönen und Reichen ließ Madame d’Ora hinter sich, um 1946 die Menschen in österreichischen Flüchtlingslagern zu fotografieren; 1949 machte sie die ersten Bilder von Tierkadavern. Jetzt waren gehäutete Lämmer und Pferdeembryos ihre Modelle.
Beide Welten, das Paris der Mode und der Schlachthöfe, sind jetzt im Bonner LVR-Landesmuseum zu sehen, als Teil einer Ausstellung, die Madame d’Ora mit den Fotografinnen Gisèle Freund und Rogi André zusammenbringt. Alle drei lebten und arbeiteten in Paris, als Hitlers Armeen Frankreich überfielen, und alle drei waren bis August 1944 ihres Lebens wegen ihrer jüdischen Herkunft nicht mehr sicher. Sie überlebten im Exil wie Freund oder versteckt auf einem Bauernhof wie Kallmus, deren Schwester und weitere Verwandte in den Vernichtungslagern ermordet wurden. Wenn man fragt, was Madame d’Oras Interesse an den Pariser Abattoirs geweckt hatte, fällt die Antwort leicht: Die ganze Welt war ein Schlachthaus geworden.

Madame d’Ora: „Familie beim Essen“, 1946–1948
Copyright: Nachlass Madame d’Ora, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Allerdings spielen der Krieg und wie er die Weltsicht der drei Fotografinnen veränderte, in Bonn lediglich eine Nebenrolle – trotz des Ausstellungstitels „Fluchtpunkt Paris“. Über die Kriegserfahrungen von Freund, d’Ora und André erfährt man nur das Nötigste, und ein Zufluchtsort war Paris tatsächlich nur für Freund, die ihre deutsche Heimat 1933 verließ, um nach Frankreich zu emigrieren. André und d’Ora waren hingegen bereits in den 1920er Jahren in die damalige Kulturhauptstadt der Welt gezogen. Für Fotografinnen war Paris ohnehin ein Ort von magischer Anziehungskraft. Keine europäische Metropole war fotogener, und vor allem gab es nirgendwo in Europa sonst eine größere Nachfrage nach professioneller Fotografie. Mehr noch als Berlin war Paris eine Stadt der Massenmedien, mit Verlagen und Illustrierten, die den Bilderhunger der Menschen stillten.
Die Bonner Kuratorinnen haben daher auf zwei Schwerpunkte gesetzt, für die das Paris der Zwischenkriegsjahre berühmt war: die Mode und die Literatur. Sie stimmen im Wesentlichen mit den Interessen von Madame d’Ora und Gisèle Freund überein, wobei die Gewichte deutlich verteilt sind: Freund ist für ihre Porträts von Literaten berühmt, von denen etliche Ikonen der Suhrkamp-Kultur geworden sind, d’Ora für ihre Modebilder. Rogi André, die am wenigsten Bekannte des Trios, läuft etwas nebenher. Sie versuchte sich schon deswegen in beiden Metiers, weil es die Auftragslage hergab. Was sie den anderen voraus hatte, war eine gewisse Freiheit in der Aktfotografie. Während d’Ora gerne Weichzeichner über gezierte Leiber legte, geben sich die Nackten vor Andrés Kamera scheinbar zwanglos; ihre Aufnahme einer tauchenden „Nymphe“ (in Wahrheit eine Nachtklub-Tänzerin im Wasserbecken) brachte es in den Pariser Literaturkreisen zu einiger Berühmtheit. Freund hielt sich hingegen an angezogene Frauen. Einem Aktbild am nächsten kommt ihre Aufnahme von Simone de Beauvoir, die sich leger auf einer Couch liegend mit einem Bücherstapel amüsiert.
Rogi André gelang es, im Inneren einer faschistischen Partei zu fotografieren
Auf dem Weg dorthin passieren die Besucher eine biografische Abteilung der drei Frauen und einen Saal, in dem die technische Seite ihrer Fotografien vorgeführt wird. Hier kann man sehen, wie schon analoge Bilder bis zur Unkenntlichkeit des Negativs verschönert wurden, und dass man bereits seit den 1920er Jahren die Wahl hatte, ob man mit einer schlanken Leica fotografierte (wie Freund) oder wie Madame d’Ora der massiven Plattenkamera treu blieb. In der Modeabteilung brilliert vor allem d’Ora mit mondänen Inszenierungen in Schwarz-Weiß, farbig leuchten hier allein die seidig bestrumpften Beine, die Freund offenbar noch im Jahr 1940 für das Modelabel Schiaparelli aufnahm. Von André ist eine Dame ohne Oberleib zu sehen, die sie 1949 im Schaufenster eines Strumpfladens entdeckte. Aufgefüllt wird diese Motivgruppe mit Aufnahmen von Ilse Bing; an anderer Stelle helfen etwa Ergy Landau und Liselotte Modelle, die anscheinend vom Trio auf dem Plakat nicht ausreichend belieferten Bilderreihen zu füllen.
Aus dem Vollen konnten die Kuratoren in der Kulturabteilung schöpfen, mit Porträts von Literaturklassikern wie James Joyce, Walter Benjamin und Virginia Woolf, aber auch die Pariser Kunstszene ist mit Charakterköpfen von Duchamp bis Picasso gut vertreten. Bei Freund gesellen sich zu den ikonischen Werken etliche Aufnahmen, die es nicht auf das Buchcover der Verlage schafften. So wird das zum Klischee geronnene Bild durch „Reihenaufnahmen“ aufgebrochen; lediglich André Malraux ließ sich anscheinend niemals ohne Zigarette im Mundwinkel (oder zwischen den Fingern) erwischen.
Die Ausstellung bietet etliche schöne Nebensächlichkeiten wie Kontaktabzüge oder das Kundenbuch von Madame d’Ora, setzt aber insgesamt zu sehr auf das Typische der Fotografinnen. Am interessantesten wird es in der Schlussabteilung, in der alles versammelt wird, was nicht zum Bild von Paris als Kulturmetropole passt: Madame d’Oras Streifzüge durch die Schlachthöfe, Freunds frühe Bilder vom politischen Straßenkampf in Frankfurt oder ihre 1935 entstandenen Aufnahmen aus englischen Arbeitervierteln. Rogi André gelang es sogar, im Inneren des Mouvement Franciste, einer faschistischen Kleinpartei, zu fotografieren; diese Aufnahmen werden allerdings beinahe verschämt präsentiert. Wie man überhaupt festhalten muss, dass das, was die drei Fotografinnen (neben der Liebe zu Paris) verband, ihre Kriegs- und Fluchterfahrungen, sich in Bonn zwischen Glanz und Glamour verliert.
„Fluchtpunkt Paris: Gisèle Freund, Rogi André, Madame d’Ora“, LVR-Landesmuseum, Colmantstr. 14–16, Bonn, Di.–So. 11–18 Uhr, bis 7. Februar 2027. Der Katalog kostet 50 Euro.

