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Ausstellung zu August SanderAuch Genies können Mittelmaß

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Bauern posieren in einer Reihe.

August Sanders „Bauern“ aus dem Jahr 1927

Die Photographische Sammlung in Köln feiert August Sanders 150. Geburtstag mit einer arg unterkühlten Ausstellung.

Einerseits war August Sander einer der wegweisenden Künstler des 20. Jahrhunderts, dessen bedeutendste Werke wie Ikonen behandelt werden. Andererseits war er aber auch irgendein Fotofritze aus Köln-Lindenthal, der seine Kamera auf jeden hielt, der den Weg in sein Fotostudio fand. Wie beides zusammenging, ist eine der wunderbarsten Geschichten der künstlerischen Moderne, und vor allem eine, die man zu Sanders bevorstehendem 150. Geburtstag noch einmal erzählen könnte. Die Photographische Sammlung in Köln, uneingeschränkte Herrscherin im Sander-Reich, hat sich für etwas anderes entschieden. Sie zeigt den Fotofritzen Sander in so vielen Facetten, dass man sich beinahe wundern muss, warum so viel Aufhebens um ihn gemacht wird.

Weltberühmt ist August Sander für ein gescheitertes Mammutwerk

Weltberühmt ist August Sander für sein Mammutwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“, in dem er die Gesellschaft seiner Zeit in Porträts darstellen wollte – ein zum Scheitern verurteiltes Projekt, das modernistischen Größenwahn und kleinkrämerischen Buchhaltergeist in einzigartiger Manier vereinte und beinahe nebenbei ungezählte Postkartenmotive hervorbrachte. Vieles davon konnte Sander aus dem Archiv seines Alltagsgeschäfts ziehen, und vermutlich haben die wenigsten Menschen, die ihn für ein Porträtbildnis bezahlten, etwas von seiner heimlichen Nebentätigkeit geahnt. Auch so kann man in die Kunstgeschichte eingehen.

In der Kölner Jubiläumsausstellung „August Sander – Zum 150. Geburtstag“ fehlt der übliche, niemals auch nur annähernd repräsentative Auszug aus den „Menschen“ natürlich nicht. Allerdings haben die Kuratorinnen der Photographischen Sammlung diesen eher pflichtschuldig bestückt, als minimalinvasiven Querschnitt des Querschnitts, der von den knorrigen Bauern über die Bürger und Künstler zu den „letzten Menschen“ führt und vor allem weniger bekannte Motive vorführen soll. Das ist aller Ehren wert, zumal auch die zweite Reihe der Sander-Menschen so herrliche Figuren wie den „Zauberer“ (eher ein Staubsaugervertreter in Sachen Magie), den vor Standesdünkel erstarrten „Notar“ oder so unheimlich vertraute Typen wie den „Nationalsozialisten“ enthält. Aber würde man in einer Picasso-Ausstellung auf die wichtigsten Werke verzichten, weil man das Genie in seiner Gesamtheit zeigen will?

Auf dem Rhein fahren zwei Schiffe.

August Sander: Rheinschleife bei Boppard, 1938

Damit täte man weder Picasso noch dem Publikum einen Gefallen. Und bei August Sander heißt „in all seinen Facetten“ (so der mit rund 380 Exponaten eindrucksvoll eingelöste Anspruch der Photographischen Sammlung) zudem leider auch: sehr viel Mittelmaß. Das beginnt bereits in den Zwischenkriegsansichten seiner Wahlheimat Köln, die vom Charme des Verschwundenen und Ausgelöschten leben, ästhetisch aber selbst hinter der lokalen Konkurrenz des heute weitgehend vergessenen Eugen Coubillier zurückbleiben. Aus dem Kölner Stadtbild führt die Ausstellung direkt in den Karneval, zu dem Sander allerdings nicht mehr einfiel, als jecke Pärchen oder Betriebsausflüge vor einem hastig aufgespannten Tuch posieren zu lassen. Hier und dort grinst einem ein nach dem Krieg zu lokaler Berühmtheit gereifter Jüngling entgegen (der Architekt Wilhelm Riphahn, der Sammler L. Fritz Gruber), aber alles in allem treibt Sander der Sause mit seiner altmodischen Plattenkamera alles Närrische aus. Lediglich „die Zensi“ entkommt mit einem modernen Zerrspiegeleffekt dem sachlichen Blick, für den Sander stilprägend wurde.

Mit ihrem Lokalkolorit und ihren fotografischen Wanderungen durch das Kölner Naherholungsgebiet ist die Ausstellung durchaus populär. Aber für seine Landschaftsaufnahmen vom Rhein, aus der Eifel oder seine Reportage über die „Haubergswirtschaft im Siegerland“ ist Sander eben nicht berühmt – und ob sie reichen, den interessierten Laien für Sander zu begeistern, darf man bezweifeln. Für den Enthusiasten, der sich die Sander-Ikonen herbeidenken kann (und vielleicht gar nicht vermisst), gleicht die Ausstellung hingegen einem Fest. Allein für die beiden Ölgemälde, die der junge Sander 1901 von seinen Eltern malte, lohnt das Kommen. In ihrer Wilhelm-Leibl-haftigen Pingeligkeit könnte man sie für die einzigen Farbfotografien der Ausstellung halten.

Köln muss für August Sander eine große Befreiung gewesen sein

Gerade Sanders vorkölnisches Frühwerk bietet immer noch Entdeckungen – und sei es die Erkenntnis, dass Sander, das Dorfkind, auch in der Großstadt ein Landei blieb. Seine Liebe zur bäuerlichen Härte zieht sich durch sein gesamtes Werk, auch wenn es durch seine Kölner Künstlerfreunde, die Progressiven, abgemildert und ins Modernistisch-Frivole seiner sachlichen Fotografie gedreht wurde. Schreitet man das Gruselkabinett seiner ländlichen Familienporträts ab (lauter Eltern mit Strichmündern und schreckensstarre Kinder), versteht man erst, welche Befreiung das liederliche Köln mit seinen bürgerlichen Kunden für ihn bedeutet haben muss.

Zur künstlerischen Bohème der wilden Zwanziger Jahre wollte man August Sander trotzdem nicht zählen. Die Aufnahmen aus seinem Fotoatelier zeigen einen älteren Herrn in weißem Kittel, der seinen Aufstieg in die bürgerlichen Sphären seiner Kundschaft dokumentiert, indem er in seiner Freizeit jeden Winkel seiner behaglichen, mit Gemälden und eigenen Bildern behängten Wohnung fotografiert. In dieser Atmosphäre übte sich Sander in seriellen Experimenten, etwa indem er die Gesichter seiner „Menschen“ in einzelne Teile zerlegte (Augen, Ohren, Nasen), um sie als „Studienobjekte“ wieder zusammenzusetzen. Seine „Hände“ vergrößerte er aus Negativen heraus. Die Serie ist langweilig, bis man plötzlich vor den Stümpfen eines kriegsversehrten „aktiven Offiziers“ aus dem Jahr 1946 steht.

Stadt und Land halten sich in der Kölner Ausstellung die Waage – in dieser Hinsicht ist sie bestens austariert. Vermutlich war es nicht nur sein Geschäftssinn, der Sander mit der Kamera über die Dörfer ziehen ließ, um seine Dienste anzubieten, und dabei reiche Bilderbeute wie die sensationellen „Jungbauern“ zu machen. Es zog ihn wohl auch zu seinen Wurzeln im Siegerland zurück. So ganz bekommt man den Bauern nicht aus dem Menschen des 20. Jahrhunderts heraus.


„August Sander – Zum 150. Geburtstag“, Photographische Sammlung der Stiftung Kultur, Im Mediapark 7, Köln, Do.–Di. 14–19 Uhr, 11. September 2026 bis 24. Januar 2027. Eröffnung: 10. September, 19 Uhr.