Die freien Tanz- und Theaterschaffenden Kölns üben scharfe Kritik an der Stadt für die Aufgabe des Mülheimer Depots.
Freie Szene kritisiert Köln„Kulturpolitisch fatales Signal“

Das Depot in Köln-Mülheim war von 2013 bis 2026 Interimsspielstätte des Schauspiel Köln
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Ein „kulturpolitisch fatales Signal“ nennen der Verein Darstellende Künste (VdK) und das Kölner Kulturnetz (KNK) in einer gemeinsamen Stellungnahme die Entscheidung der Stadt Köln, das Depot in Köln-Mülheim ab der Spielzeit 2027/28 vollständig an den Unternehmer Frank Blase zu vermieten. Dessen Apiro Entertainment hatte bereits das Depot 1, den größeren Saal der ehemaligen Fabrikhalle im Carlswerk, angemietet, kommenden November soll dort das selbst entwickelte Musical „Kick Like a Woman“ Premiere feiern.
Man erkenne an, so die Stellungnahme, dass die Bühnen der Stadt Köln vor erheblichen finanziellen Herausforderungen stünden: „Einsparungen können jedoch nicht dadurch erfolgen, dass eine über Jahre gemeinsam entwickelte Infrastrukturperspektive für die freie Szene ersatzlos aufgegeben wird.“ Mit dem Rückzug der Stadt aus dem Depot werde auch die einmalige Chance vertan, eine neue, bundesweit beispielhafte Struktur für die Zusammenarbeit von städtischen Bühnen und freier Szene zu schaffen.
Gemeinsame Perspektive ersatzlos aufgegeben
Nach den nun hinfälligen Plänen, so die Stellungnahme, hätte das Depot nicht nur zusätzliche Aufführungen ermöglicht, sondern auch als Produktions-, Proben- und Entwicklungsort für die freie Szene gedient. Besonders Tanz, Performance, zeitgenössischer Zirkus und Festivals hätten dort größere Arbeiten entwickeln und zeigen können. Diese Entwicklungsperspektive werde aufgegeben.
Zugleich danken VdK und KNK allerdings Frank Blase „ausdrücklich für sein außergewöhnliches Vertrauen in die freie Szene und sein in dieser Form einzigartiges Engagement“. Blase hat der freien Szene eine Spende von insgesamt zehn Millionen Euro in jährlichen Zahlungen von einer Million Euro an den städtischen Fonds „Darstellende Künste“ zugesagt.
Rolf Emmerich, Geschäftsführer des „Sommerblut“-Festivals, äußerte sich in einem Brief an OB Torsten Burmester, der der Redaktion vorliegt, noch deutlicher. Zehn Jahre, schreibt Emmerich, habe man für einen großen, unabhängigen Veranstaltungsort für die freie Szene gekämpft, jetzt stehe man wieder ohne einen solchen da: „Unsere Interessen und Notwendigkeiten der freien Szene wurden an eine Privatperson verkauft, das können wir so nicht akzeptieren.“ Auch über die Vorgehensweise des Kulturdezernenten in dieser Sache sei er sehr enttäuscht, weshalb er den OB um ein persönliches Gespräch bittet.
Unsere Interessen und Notwendigkeiten der freien Szene wurden an eine Privatperson verkauft, das können wir so nicht akzeptieren.
Während die kulturpolitischen Sprecher von CDU, Grünen, SPD, Volt und FDP am Donnerstag vor allem das besondere Engagement von Frank Blase begrüßten (wir berichteten), erinnerte Knut L. Scholz, kulturpolitischer Sprecher der Linken, die Stadt an ihre noch im März getroffene Zusage, das Depot 2 der freien Szene zur Verfügung zu stellen. An dieser Zusage müsse sie festhalten: „Die freie Szene braucht keine Almosen als Ausgleich dafür, dass ihr ein öffentlich getragener Kulturort entzogen wird“, sagt Scholz. Eine Million Euro aus privaten Mitteln ersetzten keinen städtischen Kulturauftrag.
Die Entscheidung gegen das Depot fällt vor dem Hintergrund der schweren Haushaltskrise. Die Stadt kann sich die ehemalige Interimsspielstätte des Schauspiels nicht mehr leisten und war auf die Apiro mit dem Angebot zugekommen, das Depot vollständig zu übernehmen und auf diese Weise als rechtsrheinischen Kulturort zu erhalten.
Städtische Bühnen müssen rund sieben Millionen Euro einsparen
Auch die städtischen Bühnen stehen vor erheblichen finanziellen Belastungen, müssen rund sieben Millionen Euro einsparen. Darauf verweist auch die Stellungnahme der freien Szene. Weil aber das für die künstlerische Bespielung des Depots vorgesehene Budget von 500.000 Euro Bestandteil des Betriebskostenzuschusses der Bühnen ist, befürchten VdK und KNK, dass die Aufgabe des Kooperationshauses von der Stadt vor allem als kurzfristig besonders einfache Einsparmöglichkeit betrachtet wird. Damit, schreiben sie, würden die finanziellen und strukturellen Folgen der Haushaltskrise erneut auf diejenigen abgewälzt, die ohnehin über die geringsten institutionellen Ressourcen verfügten.
Die Vertreter der freien Szene wollen nun von der Stadt wissen, was mit bereits eingegangenen personellen und organisatorischen Verpflichtungen und mit Investitionen passiert, die im Hinblick auf die geplante Struktur getätigt wurden, und in welchem Verhältnis etwaige zusätzliche Investitionen für alternative Strukturen zu den Einsparungen stehen. Vor allem aber, was mit den für die künstlerische Bespielung des Depots vorgesehenen 500.000 Euro geschieht und ob auch die Mittel, die bei den Bühnen für die Bespielung des Depots durch das Schauspiel eingestellt sind, gestrichen werden.
Vertreter der freien Szene fordern 500.000 Euro von der Stadt
Die Vertreter der freien Szene fordern von der Stadt, dass die 500.000 Euro erhalten bleiben und nicht zur Schließung von Haushaltslücken der Bühnen verwendet, sondern für die freie Szene eingesetzt werden.
Zusammen mit der von Frank Blase zugesagten jährlichen Million Euro wäre dieses vormalige Depot-Budget eine große Chance für die freie Szene Kölns. Falle das Kooperationshaus endgültig weg, brauche es „verbindliche und strukturell tragfähige Ersatzlösungen“. Dabei gehe es nicht um eine bloße finanzielle Kompensation, sondern um die Frage, „ob Köln die jetzt entstehenden Mittel nutzt, um tatsächlich neue Strukturen, neue Möglichkeiten und langfristige Entwicklungsperspektiven für die freie Szene zu schaffen“.
Als möglichen Ersatz für das Kooperationshaus nennen VdK und KNK verbindliche Zusagen der bislang im Raum stehenden 45 Aufführungstermine für die freie Szene. Diese sollten im Depot, an den Bühnen der Stadt Köln und am Offenbachplatz stattfinden und die notwendigen Auf- und Abbautage einschließen. Blase hatte der freien Szene pro Spielzeit 15 Aufführungstermine im Depot 2 zugesagt.
Die freie Szene fordert von ihm und von den städtischen Bühnen zusätzlich verlässliche Produktions-, Proben- und Residenzmöglichkeiten sowie eine zentrale Koordination, damit diese Angebote planbar und tatsächlich nutzbar seien.
