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Kölner UnternehmerDieser Mann schenkt der freien Szene 10 Millionen Euro

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Frank Blase von Igus.

Frank Blase übernimmt das komplette Depot im Köln-Mülheimer Carlswerk

Die Stadt gibt wegen der Haushaltskrise ihre Pläne für das Mülheimer Depot auf. Unternehmer Frank Blase springt ein, in mehrfacher Hinsicht.

In großen Ankündigungen ist Köln Weltmeister: Die Zukunft der darstellenden Künste malte Kulturdezernent Stefan Charles noch vor wenigen Jahren so rosig aus wie einen Rokokohimmel. Köln, hieß es, würde wieder Tanzstadt werden. Und das Mülheimer Depot – nach der Rückkehr des Kölner Schauspiels an den Offenbachplatz – zum „Kooperationshaus“. Ein rechtsrheinisches Paradies, in dem sich die neu gegründete städtische Tanzkompanie, das Schauspiel und die freie Tanz- und Theaterszene bestens ausgestattete Räume im Carlswerk teilen.

Dann musste die Stadt zuerst die Tanzkompanie einkassieren, beziehungsweise die Wiedereinrichtung der dritten Bühnensparte in eine Zukunft verschieben, die heute unendlich fern erscheint. Anschließend wurde bekannt, dass das kleinere Depot 2 an die Apiro Entertainment untervermietet wird, die Kölner Firma der beiden Musical- und Theater-Produzenten Frank Blase und Marc Schneider („Himmel und Kölle“).

Kurze Zeit später hatten sich die Verhältnisse umgekehrt: Die Apiro, hieß es jetzt, wird das Depot 1 zur Musical-Bühne mit mindestens 600 Plätzen umbauen. Eröffnet wird im November mit der Eigenentwicklung „Kick Like a Woman“. Das Musical dreht sich um den Gewinn der ersten Frauenfußball-WM 1981 durch die SSG 09 Bergisch Gladbach (bekannt geworden als „Wunder von Taipeh“). Mit dem Mietzins, den das Entertainment-Unternehmen für den großen Saal zahlt, wollte die Stadt das Programm aus Schauspiel- und freien Produktionen im Depot 2 querfinanzieren.

Katastrophale Finanzlage beendet Träume der freien Szene

Das ist nun, mit den harten Einschnitten des neuen Haushaltsentwurfs, hinfällig. Die Stadt, erzählt Frank Blase, sei auf ihn mit der Frage zugekommen, ob er das Depot komplett übernehmen wolle. Man könne sich das Haus angesichts der katastrophalen Finanzlage schlicht nicht mehr leisten. Seit rund sechs Wochen laufen die konkreten Gespräche zwischen der Stadt und der Apiro Entertainment. Mit dem Ergebnis, dass die Apiro ab der Spielzeit 2027/28 den Mietvertrag der Stadt mit der Beos AG übernehmen und beide Säle im Depot bespielen wird. Die Abmachung zwischen der Stadt und Apiro ist am Donnerstag unterschrieben worden.

Frank Blase ist Chef und Haupteigentümer der Kölner Firma Igus – eines weltweit führenden Anbieters von Hochleistungskunststoffen für bewegliche Anwendungen. Die Firma mit Hauptsitz in Porz, die von seinen Eltern 1964 gegründet wurde und in einer Garage in Köln-Mülheim ihren Anfang nahm, ist heute in 37 Ländern vertreten und hat weltweit mehr als 5600 Mitarbeiter. Der Unternehmer betont, dass er sich keine von den Steuerzahlern bezahlte Infrastruktur einverleiben will. „Alles, was die Stadt finanziert hat – Sitze, Beleuchtung, Traversen – kaufen wir ihr zum marktüblichen Preis ab, oder geben es zurück.“

Würden wir das Depot nicht mieten, wäre es tot.
Frank Blase

„Die Stadt hat den Auftrag, das Depot als Kulturstätte zu erhalten. Würden wir das Depot nicht mieten“, sagt Blase, „wäre es tot.“ Gleichwohl könne er die Enttäuschung der freien Szene sehr gut verstehen, schließlich teile er deren Leidenschaft für das Theater. Weshalb er ihr nicht nur 15 Spieltermine im Jahr im Depot 2 garantiere, sondern auch die Technik und das Personal für diese Abende bereitstelle.

Und das ist noch nicht einmal das großzügigste Angebot des Unternehmers. Zusammen mit der Übernahme des Depots verpflichtet Blase sich dazu, für zehn Jahre lang jährlich jeweils eine Million Euro Kölns freier Szene zu spenden. Beziehungsweise an den städtischen Fonds „Darstellende Künste“. Ihm sei wichtig, so Blase, dass er keinerlei Einfluss auf die Vergabe sogenannter Transferleistungen der Stadt an die freie Szene ausüben werde. Unterm Strich werde der freien Szene damit trotz der Haushaltskürzungen mehr Geld zur Verfügung stehen.

Mit seinem Engagement reiht sich Frank Blase in eine lange Reihe bedeutender Mäzene ein, die Kunst und Kultur in Köln nachhaltig gefördert haben – darunter Ferdinand Franz Wallraf und Johann Heinrich Richartz sowie Peter und Irene Ludwig, denen Köln das Wallraf-Richartz-Museum und das Museum Ludwig zu verdanken hat. Mit einem Beitrag von einer Million Euro pro Jahr für die freie Szene setzt er neue Maßstäbe. 2024 hat die Stadt nach eigenen Angaben insgesamt 770.315,61 Euro von Sponsoren erhalten. Hinzu kommen Schenkungen an die städtischen Museen, für die Kölner Grünflächen etc.

Für dieses Mäzenatentum, sagt Blase, wolle er weder gelobt noch bejubelt werden: „Wir wollen nur eine faire Chance haben, was die öffentliche Meinung angeht.“

Tatsächlich passt ihm die zweite Spielstätte durchaus ins Konzept. Hier kann er „unterhaltsame, intelligente Produktionen“ zeigen. Unter anderem „Last Call“, das Kammerspiel über die letzte Begegnung von Herbert von Karajan und Leonard Bernstein, mit dem Blase im März 2025 Premiere am New Yorker Broadway feierte. Aber auch neu entwickelte deutsche Produktionen oder kleinere angelsächsische Gastspiele. „Im Moment arbeiten wir auch intensiv daran, ‚Die Räuber‘ mit Musik der Toten Hosen ins Depot 1 zu bringen.“ Die Inszenierung von Gil Mehmert war der Publikumsrenner bei den Bad Hersfelder Festspielen.

Eine dritte Spielstätte für sommerliche Open-Air-Veranstaltungen soll dort entstehen, wo momentan noch die Reste des Carlsgartens zu sehen sind – der Grottenhügel und die Container davor sind bereits aus statischen Gründen abgebaut worden. Grün soll es vor dem Depot trotzdem bleiben. Auch hier will Frank Blase der öffentlichen Meinung Vorschub leisten und gemeinsam mit der Mülheimer Bezirksvertretung eine andere Fläche im Veedel für einen urbanen Garten suchen und dessen Aufbau dann auch „maßgeblich unterstützen“.

OB Burmester begrüßt das „außergewöhnliche Engagement“

Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester und Kulturdezernent Stefan Charles begrüßten das Engagement von Frank Blase ausdrücklich. Es eröffne unter sehr schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen die Möglichkeit, „das Depot langfristig als Kulturstandort zu erhalten und zugleich die freien darstellenden Künste in Köln über einen Zeitraum von zehn Jahren mit einer außergewöhnlichen garantierten privaten Förderung zu stärken“.

Burmester betonte gegenüber unserer Redaktion: „Dass wir das Depot nicht wie geplant als gemeinsames Haus für Schauspiel und freie Szene weiterführen können, ist schmerzhaft. Umso wichtiger ist, dass es uns trotz der dramatischen Haushaltslage gelingt, diesen besonderen Ort als Kulturstandort für Köln zu erhalten. Wie bereits beim Staatenhaus schaffen wir damit eine langfristige kulturelle Perspektive für einen wichtigen Standort. Das außergewöhnliche Engagement von Frank Blase macht dies möglich und stärkt zugleich die freien darstellenden Künste.“

Gerade in dieser schwierigen Haushaltslage wäre es ein starkes Signal, wenn wir die freie Szene künftig nicht nur sichern, sondern deutlich stärker fördern könnten.
Stefan Charles

Kulturdezernent Stefan Charles erklärte: „Gerade in dieser schwierigen Haushaltslage wäre es ein starkes Signal, wenn wir die freie Szene künftig nicht nur sichern, sondern deutlich stärker fördern könnten. Über zehn Jahre könnten dafür zusätzlich zehn Millionen Euro zur Verfügung stehen – eine außergewöhnliche Chance für Tanz, Theater und Festivals in Köln. Mein besonderer Dank gilt Frank Blase, der dieses langfristige Engagement möglich machen will.“

Bei der freien Szene überwog dagegen in erster Reaktion der Schock über das Ende des Traums vom Kooperationshaus: Man hätte bislang nur Gerüchte gehört, hieß es vonseiten des Vereins darstellender Künste, und warte noch auf offizielle und belastbare Informationen. „Sollte das so kommen, dann wäre es für die freie Szene katastrophal.“

Derweil könnte sich durch den privaten Mäzen auch eine neue Perspektive für den Tanz in Köln eröffnen. Nach Angaben des Kulturdezernenten sollen die über zehn Jahre garantierten Mittel der Sicherung, Stabilisierung und Weiterentwicklung der freien Szene insgesamt zugutekommen. „Davon können ausdrücklich auch der Tanz, Festivals, Produktionen, kleinere Spielstätten und weitere Strukturen der Freien Darstellenden Künste profitieren“, so Charles. „Über die konkrete Vergabe der Mittel entscheidet dabei nicht der private Förderer, sondern die Stadt Köln nach den fachlichen Kriterien der Kulturförderung.“ Welche konkreten Perspektiven sich daraus für einzelne Bereiche wie den Tanz ergeben, wird im Rahmen dieser Förderentscheidungen zu bestimmen sein.

Die Stadt Köln bestätigte, dass sie den Carlsgarten „unter den bestehenden finanziellen Rahmenbedingungen nicht weiter betreiben kann und sich deshalb um eine geeignete Ausweichstätte bemüht. Frank Blase hat auch in diesem Zusammenhang seine Unterstützung zugesagt und erklärt, den erforderlichen Umzug finanziell zu unterstützen.“ Ob und in welcher konkreten Form eine neue Fläche ausgestaltet werden kann, sei Gegenstand der weiteren Prüfung.


Reaktionen aus der Politik

Im Kölner Rathaus kam die Neuigkeit gut an. „Diese private Initiative ist ein außergewöhnlich starkes Zeichen bürgerschaftlicher Verantwortung. Dafür können wir als Stadtgesellschaft sehr dankbar sein“, sagt Ralph Elster, kulturpolitischer Sprecher der CDU‑Fraktion. Köln habe eine lange Tradition des Mäzenatentums, der Einsatz der Bürger für Kunst und Kultur gehöre zur DNA der Stadt. „Dadurch können enorme Kräfte freigesetzt werden: Die städtischen Bühnen werden finanziell entlastet, was dem Offenbachplatz zugutekommen wird. Die freie Szene erhält verlässliche und professionell ausgestattete Auftrittsmöglichkeiten und mit dem Depot bleibt ein wichtiger Kulturstandort in Mülheim lebendig. Dass all das zusammenkommt, ist eine wunderbare Nachricht für die Kölner Kulturlandschaft.“

Maria Helmis-Arend, kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, betont: „Das Engagement von Frank Blase ist eine große Chance, den rechtsrheinischen Kulturstandort langfristig zu sichern und zugleich eine verlässliche Perspektive für die freie Szene zu schaffen. Entscheidend ist für uns, dass dafür ausreichende und planbare Spielzeiten zur Verfügung stehen. Dass Frank Blase darüber hinaus bereit ist, erhebliche eigene Mittel für die Freie Szene einzusetzen, verdient große Anerkennung. Gerade angesichts der schwierigen Haushaltslage ist das ein starkes Signal für die kulturelle Vielfalt Kölns.“ Mäzen, Kulturverwaltung und Politik sollten nun gemeinsam eine tragfähige Lösung für den Standort entwickeln – „einschließlich einer dauerhaften Perspektive für den Tanz in Mülheim“.

Brigitta von Bülow, kulturpolitische Sprecherin der Grünen, erklärte: „Das Angebot von Frank Blase kommt für mich überraschend. Es eröffnet neue Perspektiven und bietet eine Chance, das Depot als lebendigen rechtsrheinischen Kulturort zu erhalten und erfolgreich weiterzuentwickeln. Dies darf jedoch nicht auf Kosten der freien Szene geschehen, die eigentlich ein Produktionshaus im Depot bekommen sollte und nun dort nur noch 15 Auftrittstermine haben wird. Wenn sich die Stadt auch angesichts der Haushaltslage von dieser Idee verabschieden muss, müssen die Bühnen dies durch Bereitstellung von Probe- und Auftrittsmöglichkeiten am Offenbachplatz kompensieren und die im Depot für die freie Szene vorgesehenen Mittel.“ Dass Blase der freien Szene zusätzliche Mittel zur Verfügung stellen will, sei höchst erfreulich.

Jasna Ibrić, kulturpolitische Sprecherin der Volt-Fraktion, sagt: „Sollten sich die Berichte bestätigen, begrüßen wir das Engagement von Frank Blase ausdrücklich. Das Depot bietet mit seinen hohen Decken besondere Möglichkeiten für Tanz, zeitgenössischen Zirkus und Performance. Solche Räume sind in Köln selten und für diese Szene essenziell. Deshalb würden wir uns freuen, wenn sie einen festen Platz im neuen Konzept erhält und durch die Haushaltskrise nicht untergeht.“ Besonders wichtig sei, dass die kulturelle Vielfalt der freien Szene erhalten bleibe.

Lorenz Deutsch, kulturpolitischer Sprecher der FDP/KSG-Fraktion, meint, es sei schade, dass wegen der Haushaltslage die bisherigen Pläne für das Depot aufgegeben werden müssen. „Wir freuen uns aber gleichzeitig sehr über das besondere Engagement von Frank Blase. Er sichert damit nicht nur den Erhalt eines wichtigen Kulturortes, sondern hilft darüber hinaus den freien darstellenden Künsten auch finanziell in erheblichem Umfang. Frank Blase setzt damit ein großartiges Beispiel für bürgerschaftliches Engagement.“

Kritik übte die Linke: Ihr Kulturpolitiker Knut Scholz betont: „Noch im März hat die Stadt Köln dem Bühnenausschuss klare Perspektiven für das Depot vorgelegt: Depot 2 soll dauerhaft gemeinsam von Freier Szene und Schauspiel Köln bespielt werden und der Freien Szene eine eigene Spielstätte sichern. Depot 1 ist dagegen für Musical- und Theaterproduktionen in Kooperation mit apiro Entertainment vorgesehen. An dieser Zusage muss die Stadt festhalten. Die Freie Szene braucht keine Almosen als Ausgleich dafür, dass ihr ein öffentlich getragener Kulturort entzogen wird. Sie braucht verlässliche Strukturen, Planungssicherheit und dauerhaft verfügbare Räume. Eine Million Euro aus privaten Mitteln können etwas bewirken – sie ersetzt aber keinen städtischen Kulturauftrag.“