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Wirtschafts-Initiative„Wir wollen den Stolz auf Kölns Wirtschaft zurückholen“

9 min
Die Herren sind in der Gesprächsrunde zu sehen.

Vier Kölner Top-Manager haben das neue Format „Exzellent Köln“ gestartet (v.l.): Gerald Böse von der Messe Köln, Frank Blase von Igus, Timo von Lepel von Netcologne und Andreas Feicht von Rheinenergie.

Vier Kölner Topmanager gründen die Wirtschaftsallianz „Exzellent Köln“. Ein Gespräch über schlechte Schlagzeilen, unterschätzte Hidden Champions und die Frage, warum es erst jetzt so eine Initiative gibt.

Wie fühlt es sich an, in dieser Konstellation zusammenzusitzen – Energieversorgung, Messewirtschaft, Telekommunikation, Industrie? Ist das für Sie schon Alltag oder noch ungewohnt?

Gerald Böse: Wir arbeiten in dieser Runde schon seit Längerem an der Initiative „Exzellent Köln“ zusammen. Wir kennen uns geschäftlich und freundschaftlich, in dieser Konstellation hat sich ein sehr großes Vertrauen und eine gemeinsame Haltung entwickelt – nicht nur zwischen uns Vieren, sondern auch mit weiteren Kolleginnen und Kollegen aus der Wirtschaft.

Wir haben uns in den vergangenen Monaten oft mit interessierten Unternehmen zusammengesetzt. Überall hatten wir den Eindruck: Diese Initiative hat gefehlt – und sie kommt zur richtigen Zeit.

Warum braucht es diese Initiative? Was war die Initialzündung – was fehlt Köln mit Blick auf die Wirtschaft?

Gerald Böse: Am Anfang stand gar nicht die Frage, was fehlt alles?. Es war eher die Erfahrung, dass sich Ende vergangenen Jahres – rund um die Kommunalwahl – die negativen Meldungen über Köln enorm kumuliert haben: Standortqualität, Kritik an Abläufen, der Opernbau, die Brücken.

Wir hatten in einer unserer Runden den Punkt erreicht, an dem wir gesagt haben: Wir können da nicht einfach weiter zuschauen. Daraus hat sich dann Schritt für Schritt die Wirtschaftsallianz „Exzellent Köln“ entwickelt – von Unternehmern für Unternehmer.

Als Messeplatz sind wir permanent mit internationalen Gästen in Kontakt. Sie kommen sehr gerne nach Köln. Frage ich sie aber: „Haben Sie mal darüber nachgedacht, sich hier anzusiedeln?“, ist die Antwort meistens: Fehlanzeige. Zwischen dem temporären Besuch in dieser Stadt und dem strategischen Blick auf Köln als Wirtschaftsmetropole klafft eine Lücke. Genau da setzen wir an.

Was haben Sie seitdem konkret unternommen?

Andreas Feicht: Wir sind zweistufig vorgegangen. Zuerst haben wir mit dem Institut der deutschen Wirtschaft die Studie „Starke Wirtschaft – starkes Köln“ initiiert. Sie zeigt das Potenzial der Stadt, die Wirtschaftsleistung und die Bedeutung der Unternehmen für den städtischen Haushalt. Dann folgte gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut Rheingold eine zweite Untersuchung, die die psychologischen Komponenten beleuchtet. Wenn Sie fragen, was fehlt, dann ist es vor allem ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung der Wirtschaft – das zeigt Rheingold sehr klar.

Und wie wollen Sie dieses Bewusstsein verändern?

Timo von Lepel: Der nächste Schritt war die Vereinsgründung am vergangenen Dienstag. Damit schaffen wir das Vehikel, um aus dem „Man müsste mal“ in ein „Wir machen“ zu kommen.

Die Resonanz aus den Unternehmen war enorm und hat uns deutlich gezeigt: Viele sehen die Wirtschaft in Köln nicht mit dem Stellenwert vertreten, der ihr zusteht – weder in der Politik, noch in der öffentlichen Wahrnehmung,  Gleichzeitig gibt es schon viele Netzwerke und Initiativen. Uns wurde daher oft die Frage gestellt: „Worin unterscheidet ihr euch?“ Unsere Antwort: Wir wollen über die Studien eine solide inhaltliche Grundlage schaffen und Themen dann sehr fokussiert angehen. Es geht uns nicht darum, bekannte Defizite immer zu wiederholen. Wir wollten zeigen, was die Wirtschaft in Köln tatsächlich leistet – und damit neue Perspektiven eröffnen.


Exzellent Köln Gerald Böse ist Chef der Messe Köln, Andreas Feicht ist der Chef des Kölner Versorgers Rhein-Energie, Frank Blase ist Inhaber der Firma Igus, einem Kölner Hersteller von Bauteilen aus Hochleistungspolymeren, Timo von Lepel ist Geschäftsführer des Telekommunikationsunternehmens Netcologne. Gemeinsam mit Rewe-Vorstandschefin Daniela Büchel, die zur Gründung dazugestoßen ist, bilden sie den Vorstand der Wirtschaftsallianz Exzellent Köln. Zum Start engagieren sich darin weitere Unternehmen: Barmenia-Gothaer, Felix Böttcher, Flughafen Köln/Bonn, Griesemann Gruppe, Hottgenroth Software AG, Honestis AG, HRS, Indus Holding, Kienbaum, Köln-Business Wirtschaftsförderung, Kreissparkasse Köln, Labor Dr. Wisplinghoff, PFM Medical, Proximus Real Estate, RSM Ebner Stolz, Smartvélo Mobility, Sparkasse Köln-Bonn, Stadtentwässerungsbetriebe, Ströer und der Tüv Rheinland.


Wenn Sie sagen, das Problem liegt eher in der Wahrnehmung – wie würden Sie Köln wirtschaftlich beschreiben?

Andreas Feicht: Köln ist ein fantastischer Wirtschaftsstandort – einer der ältesten und erfolgreichsten in Deutschland. Hier wird investiert, hier wird innoviert, hier wird Geld verdient. Aber in der öffentlichen Debatte dominiert das „Gefühl“: Köln sei nett, aber irgendwie provinziell, chaotisch, zu langsam. Dieses Gefühl gehört zur Stadt, klar. Nur: Es verdeckt, dass hier Spitzenleistungen erbracht werden – Exzellenz, die sich vor anderen Regionen in Deutschland und Europa nicht verstecken muss. Wir wollen dieses Bild geraderücken. Menschen – private Haushalte wie Unternehmen – treffen Investitionsentscheidungen mit langem Horizont. Dafür braucht es Vertrauen in den Standort. Dieses Vertrauen wollen wir stärken.

Sie haben in der Studie auch junge Menschen befragt. Was hat Sie da besonders überrascht?

Frank Blase: Junge Professionals haben den Rheingold-Forschern gesagt: „Köln ist super zum Studieren, auch noch zwei, drei Jahre zum Leben – aber Karriere kann ich hier nicht machen. Hier passiert ja nichts.“ Das Problem: Viele kennen die Unternehmen, die es hier gibt, schlicht nicht. Eat Happy ist ein gutes Beispiel: ein international erfolgreiches Unternehmen für frische Asia-Food-Konzepte mit Hauptsitz in Köln und einem Jahresumsatz von rund 1,5 Milliarden Euro. Viele kennen die Produkte, aber nur wenige wissen, dass das Unternehmen von hier aus gesteuert wird. Eines unserer Ziele ist, genau diese Unternehmen sichtbar zu machen – auch, um junge Talente im Standort zu halten.

In dieser Runde sind drei Unternehmen mit städtischem Hintergrund vertreten. Fehlen Ihnen die privaten Akteure – oder sind die heute nur nicht am Tisch?

Frank Blase: Im Verein sind von Beginn an viele privatwirtschaftliche Unternehmen dabei – aus Industrie, Handel, Digitalwirtschaft und Start-up-Szene. Wir sind ein bunter Mix aus großen und kleineren Firmen. Wichtig ist uns: Ja, bei den Gründungsmitgliedern gibt es eine Menge Exzellenz. Aber wir wollen uns nicht in Kampagnen dauernd selbst feiern. Wir wollen ganz bewusst Unternehmen präsentieren, die Marktführer in ihrem Bereich sind – national wie international –, von denen man aber vielleicht noch nie gehört hat.

Was Sie schildern, klingt nach klassischer IHK-Aufgabe. Treten Sie der Kammer damit nicht auf die Füße?

Andreas Feicht: Ja und nein. Natürlich ist das auch eine Aufgabe der IHK – und sie macht das auch. Aber die IHK vertritt die Gesamtwirtschaft und hat klar definierte gesetzliche Aufgaben. Wir stellen den Exzellenzgedanken in den Mittelpunkt. Das ist keine Herabwürdigung anderer Unternehmen: Jede und jeder leistet einen Beitrag. Aber aus Exzellenz heraus entstehen starke Spillover-Effekte, die anderen Sektoren zugutekommen.

Timo von Lepel: Und: Wir wollen uns gerade nicht in Abgrenzungsdebatten verlieren – weder gegenüber der IHK noch gegenüber Köln-Business, denn beide sind wichtig. Wir sind ein freiwilliger Zusammenschluss von Unternehmen, die sich aus Überzeugung und mit klarem Gestaltungswillen für ihre Wirtschaftsmetropole einsetzen. Und bringen damit eine zusätzliche Dimension ein.

Die Gründungsmitglieder der Wirtschaftsallianz Exzellent Köln am Tag der Gründung im Gruppenbild.

Die Gründungsmitglieder der Wirtschaftsallianz Exzellent Köln am Tag der Gründung

Viele Standortkampagnen richten sich nach außen. Sie sprechen immer wieder von „Innenwirkung“. Was meinen Sie damit?

Andreas Feicht: Wir konzentrieren uns in den nächsten zwei, vielleicht drei Jahren bewusst auf die Wirkung nach innen – also auf die Köpfe und Herzen der Menschen hier in Köln und der Region. Wir glauben, das Momentum ist auf unserer Seite: Durch die Kommunalwahl, durch die Prioritäten des Oberbürgermeisters – Wirtschaft, bezahlbarer Wohnraum, Sicherheit und Sauberkeit. Wir wollen dazu beitragen, dass Wirtschaft in dieser Stadt wieder als Grundlage von Wohlstand, sozialem Zusammenhalt und Zukunftsfähigkeit begriffen wird.

Ein wichtiger Punkt ist: Die Kölnerinnen und Kölner sollen nicht nur auf „ihr Köln“ stolz sein, sondern ausdrücklich auch auf den Wirtschaftsstandort.

Die Kölnerinnen und Kölner sollen auch auf den Wirtschaftsstandort stolz sein

Köln ist keine Insel. Warum beziehen Sie wirtschaftlich relevante Nachbarstädte wie Leverkusen mit ihren Dax-Konzernen nicht stärker ein?

Gerald Böse: Wir reden bewusst von der Region, nicht von der Stadt als Insel. Viele unserer Unternehmen sind national und international aufgestellt. Trotzdem mussten wir irgendwo anfangen. Hätten wir von Beginn an die gesamte Region formal einbezogen, wären wir noch ein, zwei Jahre mit Vorbereitung beschäftigt. Dann hätten wir das Momentum verloren. Es ist ausdrücklich nicht ausgeschlossen, dass wir künftig stärker regional wirken. Aber jetzt mussten wir starten – mit einem klar handhabbaren Kern.

Sie haben gesagt: Es geht nicht nur um gute Ideen, sondern auch um Geld. Wie ist der Verein finanziert?

Timo von Lepel: Es gibt einen Mitgliedsbeitrag, den alle Unternehmen bezahlen – bewusst in gleicher Höhe. Wir wollten ausdrücklich keine Sponsoring-Logik mit einer Staffelung nach Gold, Silber und Bronze schaffen. Zwar haben einige Unternehmen schon im Vorfeld Leistungen eingebracht oder vorfinanziert, doch in der regulären Finanzierung zahlen alle denselben Beitrag. Damit machen wir klar: Das ist keine Sponsoring-Spielwiese einzelner Großplayer, sondern ein gemeinsames Projekt, in dem alle auf Augenhöhe arbeiten und jeder Verantwortung übernimmt.

Frank Blase: Wichtig ist uns, dass der überwiegende Teil des Geldes – wir sprechen von rund 90 Prozent – in Aktivitäten fließt, nicht in Strukturen. Eine kleine Geschäftsstelle ist nötig, aber wir wollen keine Apparate aufbauen, sondern Kampagnen und Formate finanzieren.

Was wird man als Bürgerin oder Bürger konkret sehen? Wie wollen Sie die Exzellenz sichtbar machen?

Frank Blase: Herzstück wird die Kampagne „Köln kann Zukunft“, die noch in diesem Jahr starten soll – geplant ist Ende des dritten, Anfang des vierten Quartals. Wir wollen über alle relevanten Kanäle gehen: klassische Außenwerbung, Plakate, Social Media, Podcasts, Influencer-Formate. Vor allem aber wollen wir Geschichten erzählen: von Unternehmen, die hier vorne mitspielen – von Hidden Champions, Start-ups, Traditionsfirmen.

Einstimmig: Die Mitglieder stimmen bei der Gründungsversammlung von Exzellent Köln am 16. Juni 2026 im InnoDom Cologne über die Vereinssatzung ab

Einstimmig: Die Mitglieder stimmten bei der Gründungsversammlung von Exzellent Köln am 16. Juni 2026 im InnoDom Cologne über die Vereinssatzung ab.

Gerald Böse: Wichtig ist uns dabei, dass nicht nur die Unternehmenskommunikationen permanent Postings absetzen müssen. Wir wollen Tools entwickeln, mit denen Mitarbeitende in den Mitgliedsunternehmen zum Botschafter der Exzellenz werden können. „People follow people“: Wenn Beschäftigte der Rheinenergie, der Netcologne, von Igus, der Messe Köln hinter dieser Idee stehen und sagen: Verdammt nochmal, wir sind hier echt gut in Köln, dann hat das eine andere Glaubwürdigkeit als jede Hochglanzbroschüre.

„Die Infrastruktur wieder leistungsfähig zu machen, muss Priorität haben“

Abseits der Wahrnehmung – wo sehen Sie die größten konkreten Standortprobleme?

Gerald Böse: Für Köln war historisch die Erreichbarkeit über Schiene, Wasser, Luft und Straße entscheidend. Das hat die Stadt zur Wirtschaftsmetropole gemacht. Wenn man in diese nicht kontinuierlich investiert, bekommt man irgendwann die Quittung: Staus, schlechte Erreichbarkeit, wirtschaftliche Schäden. Da reden wir nicht nur über genervte Pendler, sondern über massive Produktivitätsverluste. Die Infrastruktur wieder leistungsfähig zu machen, muss Priorität haben.

Timo von Lepel: Ein weiteres zentrales Standortthema ist die Qualifizierung junger Menschen. In einer Zeit, in der sich Technologien und Berufsbilder rasant verändern, wird lebenslanges Lernen beispielsweise immer wichtiger. Deshalb sollten Unternehmen Bildung nicht nur als Aufgabe anderer Akteure betrachten. Sie können Verantwortung übernehmen, Orientierung bieten und Formate schaffen, die jungen Menschen frühzeitig praktische Einblicke und Zukunftskompetenzen vermitteln. Genau diese Zusammenarbeit von Wirtschaft, Bildungseinrichtungen und öffentlicher Hand ist entscheidend, um den Standort langfristig stark aufzustellen.

Welche Rolle spielen Universität und Forschung?

Timo von Lepel: Wir haben den Verein bewusst im InnoDom der Universität Köln gegründet – im Gateway Exzellenz-Start-up-Center. Damit schlagen wir die Brücke zu jungen Unternehmen und zur Wissenschaft. Viele Spitzeninstitute in Köln – ob bei Pharma, Biochemie oder Raumfahrt – sind in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Wir wollen Formate entwickeln, die diesen Austausch sichtbar machen und vertiefen.

Andreas Feicht: Öffentliche Einrichtungen können aus rechtlichen Gründen keine regulären Mitglieder werden. Deshalb planen wir Fördermitgliedschaften und kooperative Formate. Ziel ist keine Parallelwelt, sondern ein enger Schulterschluss.

Köln ist nicht arm an Wirtschaftsempfängen. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Initiative nicht im nächsten Stehempfang versandet?

Timo von Lepel: Indem wir bewusst auf Klasse statt Masse setzen. Uns schwebt nicht der nächste Abend mit 300 Leuten und Häppchen vor, sondern kleinere, thematisch fokussierte Arbeitsrunden zwischen Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Wir wollen dort nicht abstrakt „über Köln“ reden, sondern sehr konkret – über Flächen, Infrastruktur, Genehmigungen und zum Beispiel Bildung. Und wir wollen in zwei bis drei Jahren anhand von Zahlen zeigen können, dass sich die Wahrnehmung der Wirtschaft in den Köpfen der Kölnerinnen und Kölner spürbar verbessert hat.

Woran werden Sie sich messen lassen?

Andreas Feicht: Wir haben mit Rheingold eine Art Nulllinie gezogen. In zwei, drei Jahren wollen wir erneut messen lassen: Spielt Wirtschaft im Selbstbild der Kölnerinnen und Kölner eine stärkere Rolle? Ist sichtbarer geworden, welche Unternehmen hier tatsächlich Weltspitze sind? Wird in politischen Abwägungen – bei Flächen, Infrastruktur, Bildung – die wirtschaftliche Perspektive stärker mitgedacht? Wir werden Rechenschaft ablegen. Klar ist: Wenn sich nichts bewegt, haben wir unseren Job nicht gemacht.

Gibt es eine Stadt, an der Sie sich orientieren – Frankfurt, Düsseldorf, München?

Timo von Lepel: Ehrlich gesagt: Nein. „Vergleiche sind das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“ heißt es bei dem dänischen Philosophen Søren Kierkegaard. Natürlich kann man sich Gewerbesteuereinnahmen oder Standortkampagnen anderer Städte anschauen. Aber man kann deren Modelle nicht einfach kopieren. Unser Ziel ist, Kölns eigenen Weg zu finden – mit den Stärken dieser Stadt, mit ihren Menschen, mit ihrer Mentalität. Dafür haben wir die Wirtschaftsallianz Exzellent Köln gegründet – jetzt legen wir los.