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Rheingold-StudieKölner unterschätzen die eigene Wirtschaftspotenz

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Koeln, Nordrhein-Westfalen, Deutschland - Stadtansicht mit Kölner Dom, der Hohenzollernbrücke und Containerschiff auf dem Rhein. Koeln Nordrhein-Westfalen Deutschland

Wie gut kennen die Kölnerinnen und Kölner ihre regionale Wirtschaft - das hat eine Studie jetzt untersucht. Ein Ergebnis: Pioniere wie DeepL und globale Größen wie Igus sind einer breiten Masse unbekannt.

Wie nehmen die Bürgerinnen und Bürger der Stadt die Kölner Unternehmen und Wirtschaft wahr? Das hat das Rheingold-Institut untersucht. 

Wenn es die Kölner Seele denn überhaupt gibt, ist Stephan Grünewald sicher einer ihrer besten Kenner. Und doch ist er überrascht, wenn er über zentrale Ergebnisse der Studie berichtet, die sein Institut Rheingold im Auftrag der neuen Kölner Wirtschaftsinitiative Exzellent Köln erstellt hat. „Es ist wirklich alarmierend zu sehen, wie wenig die Kölnerinnen und Kölner von ihrer Wirtschaft wissen“ – und spricht damit natürlich nicht von der Kneipenlandschaft. Die ist allerdings durchaus Teil des Problems, wie sich im Gespräch mit dieser Redaktion zeigen wird.

Exzellent Köln, das ist ein neuer Verein und ein Netzwerk wichtiger Unternehmer und Unternehmen, das sich große Ziele gesetzt hat: Die Sichtbarkeit der hiesigen Wirtschaft zu verbessern und damit insgesamt ein positives Zeichen zu setzen, damit der Standort Köln wieder vorankommt – mit entsprechend heilsamen Wirkungen für die ganze Stadt. Für die Initialzündung und als belastbare Wissensgrundlage hat der Verein nun die Psychologen und Marktforscher vom Rheingold Institut mit einer umfangreichen Untersuchung betraut. Rheingold wollte von den Menschen in der Stadt erfahren, wie sie es mit ihren Unternehmen und den Stärken und Schwächen der Kölner Wirtschaft halten.

Die Kölner überschätzen Düsseldorf und unterschätzen die eigene Wirtschaftspotenz

Grünewald, der die rheinische Mentalität schon vor nunmehr fast 20 Jahren für seinen Bestseller „Köln auf der Couch“ tief durchdrungen hat, staunt immer noch angesichts der Ergebnisse, die die Studie in drei aufeinander aufbauenden qualitativen und quantitativen Befragungen herauskristallisiert hat. „Der Argwohn etwa, dass man in Sachen Wirtschaftskraft mit dem rheinischen Rivalen Düsseldorf nicht mithalten könne. In Sachen Wirtschaft überschätzen die Kölner die Landeshauptstadt und sie unterschätzen die eigene Wirtschaftspotenz.“ Das hat aber viel mit dem ökonomischen Nichtwissen zu tun, das in Köln vorherrscht. Vielleicht ist es aber auch ein Nichtwissenwollen. Doch der Reihe nach.

Rheingold-Gründer Stephan Grünewald sitzt bei einem Interview am Tisch.

„Es ist wirklich alarmierend zu sehen, wie wenig die Kölnerinnen und Kölner von ihrer Wirtschaft wissen“, sagt Psychologe und Rheingold-Gründer Stephan Grünewald.

„Versorgende Qualitäten seien in der Wahrnehmung der Mutterstadt Colonia dominant“, heißt es in der Studie gleich zu Anfang. Grünewald benutzt dafür gern das Bild vom „Büdchen“. Wohlfühlkriterien stünden daher ganz vorne, Köln stehe für Lebensfreude und Geborgenheit, für Geselligkeit und Ungezwungenheit, für eine wohlwollend-tolerante Haltung und für Tradition. Den Faden könne man beliebig weiterspinnen. Was in der Wahrnehmung hingegen ganz zu kurz komme sind Leistungs-Qualitäten, die Grünewald als „Benchmark“ beschreibt: Konsequenz, Disziplin, Ehrgeiz, Grenzsetzung und Zukunftsgerichtetheit. „So was wird in Köln als Belastung empfunden, als potenzielle Vertreibung aus dem Paradies.“

Pioniere wie DeepL und globale Größen wie Igus sind einer breiten Masse unbekannt

Das führt zu einem Klima, in dem die Wirtschaft und ihre Unternehmen fast immer unter dem Radar liefen, sagt Grünewald. Frage man nach wichtigen Firmen, werden neben Ford vor allem Unternehmen genannt, die die versorgenden und unterhaltenden Qualitäten verkörpern: einige Brauereien, RTL oder die Gamescom. Technologie-Pioniere wie Deepl oder heimliche Weltstars wie Igus seien dagegen so gut wie unbekannt. Gleichzeitig bestätigt jeder zweite unter den Befragten, man fühle sich über wirtschaftliche Aktivitäten schlecht informiert.

Dazu dürfte die Kölner Wirtschaft allerdings auch ihren Teil beigetragen haben. „Unsichtbarkeit als heimliches Markenzeichen“, schreibt die Studie den hiesigen Unternehmen ins Stammbuch. Demnach herrscht in der Unternehmerschaft ein „Bloß nicht-Protzen-Habitus“ vor. Die hiesigen Geschäftsleute hielten sich demonstrativ zurück, gerade wenn sie erfolgreich seien. Von einem „egalitären“, gleichmachenden Prinzip spricht Rheingold: Sichtbarkeit oder Leistungsschau gelten als unangenehm ‚unkölsch‘ und potenziell konfliktträchtig. Das führe einerseits zu Wettbewerbsvermeidung untereinander und andererseits dazu, dass wichtige Entscheidungen häufig in persönlichen Netzwerken getroffen würden – wobei über den Kölner Klüngel, auch wenn er an mancher Stelle erfolgreich wirke, ebenfalls nur hinter vorgehaltener Hand berichtet werde.

Zwischen Minderwertigkeitskomplex und Dom-Stolz

Die Kölner haben den Argwohn, dass Köln neben dem Lebensgefühl wenig zu bieten hat, lange Zeit mit dem Hochhalten eines idealistischen Kölnbildes kompensiert, das Köln als schönste Stadt Deutschlands beschwört. Dadurch schwankten die Kölner zwischen Minderwertigkeitsgefühl und Dom-Stolz.

Dieses sich Schönreden oder Schöntrinken der Stadt funktioniere jedoch nicht mehr, ist sich Grünewald sicher. Zwar bekundeten immer noch fast 90 Prozent der Kölner, dass Köln für „kölsche Toleranz und Offenheit“ steht, aber desaströs falle der Blick auf die Verkehrsinfrastruktur und den baulichen Zustand der Stadt aus: nur noch zwölf beziehungsweise sogar nur noch fünf Prozent aller Befragten erklären, Köln habe hier etwas zu bieten.

Stephan Grünewald stammt zwar aus Mönchengladbach, ist aber spätestens seit seinem Studium beim Psychologen Wilhelm Salber, der an der Kölner Universität zur Legende wurde, Kölner durch und durch. Als solcher neigt er nicht zur Dramatisierung. Doch an dieser Stelle bricht es aus ihm heraus: „Hier hat die Stadt auch in der Wahrnehmung ihrer Menschen einen Kipppunkt erreicht.“ In einer der Ergebnisfolien der Rheingold-Studie liest sich das folgendermaßen: „Das Festhalten am idyllischen Köln-Bild hat lange Zeit den Verfall des Stadtbildes überdeckt.“ Damit, so halten es jedenfalls die Studienergebnisse fest, sei aber jetzt endgültig Schluss. Grünewald: „Es kann und darf nicht mehr so weiter gehen.“

„93 Prozent aller Kölner sagen, wir müssen konsequent gegen Verfall, Dreck und Infrastrukturprobleme vorgehen“

Der Verfall des Stadtbildes, den die Studie konstatiert, kann damit auch einen wichtigen Impuls setzen: „Der Leidensdruck ist sehr groß und es gibt endlich Veränderungsdruck in der Stadt, 93 Prozent aller Kölner sagen, wir müssen konsequent gegen Verfall, Dreck und Infrastrukturprobleme vorgehen.“ Vier von fünf Kölner forderten überdies schnellere Entscheidungen und konsequente Umsetzung. Und ebenso glaube fast jeder vierte, dass Köln mutige Zukunftsprojekte angehen soll.

Und deswegen ist Grünewald auch für die Kölner Wirtschaft positiver gestimmt, als man angesichts der anfänglich bedrückenden Ergebnisse der Studie annehmen könnte. Denn für den Psychologen positiv überraschend war, dass die Kölner, wenn man sie mit Erfolgsgeschichten aus der Wirtschaft konfrontierte, überaus erfreut reagierten. Fast vier von fünf Befragten erklärten daraufhin, die Wirtschaft solle mit ihren Erfolgen sichtbarer werden. Genau das hat sich die Exzellenz-Initiative vorgenommen. Ein Teil der Übung wird eine Image-Kampagne sein, die auf den Ergebnissen der Rheingold-Untersuchung aufbaut. Die Wirkungen der Kampagne sollen in zwei Jahren überprüft werden.