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Familiengeschäfte im Veedel
Bei Walterscheidt in Rodenkirchen gibt es seit 1893 Obst und Gemüse

4 min
Eine Frau in roter Jacke mit der hochgeschobenen Brille im Haar steht neben einem Aufsteller mit Obst und Gemüse.

Petra Walterscheidt verkauft, seit sie 13 Jahre alt ist, Obst und Gemüse.

Das Walterscheidt ist im Kölner Süden der älteste Lebensmitteleinzelhandel und verkauft seit 1893 frisches Obst und Gemüse. 

Das Obst- und Gemüsesortiment ist akkurat sortiert. „Wehe, die Paprika liegt einmal woanders“, sagt Mario Russo. Seit 44 Jahren arbeitet er im Gemüseladen Walterscheidt. Über eine Stunde ist er morgens damit beschäftigt, die Auslage perfekt zu arrangieren. Das Geschäft lebt von vielen Stammkunden. Was er an seiner Arbeit liebt? Jeder Tag ist anders. Es ist das Familiäre, ständig neue Menschen. Im Büro sitzen? Das wäre nichts für Russo.

Kölner Großmarkt war einst dort, wo heute das Maritim Hotel ist

Chefin Petra Walterscheidt sieht das genauso. Mit 13 Jahren hat sie in fünfter Generation angefangen, auf dem Wochenmarkt zu arbeiten. Da gehörte der Laden ihrem Vater und ihrer Tante. Das Unternehmen wurde auf dem Großmarkt in Köln gegründet, dort, wo heute das Maritim Hotel steht, am Kurt-Hackenberg-Platz. Als der Großmarkt nach seiner Zerstörung 1940 nach Raderberg umzog, sind die Urgroßeltern nach Rodenkirchen gegangen. Es gab zunächst einen Laden und eine Zweisäulentankstelle, dort, wo jetzt die Einfahrt zur Tiefgarage an der Rheingalerie liegt. Seit 1956 sind die Walterscheidts an ihrem angestammten Platz. 1999 wurde zusätzlich das Bistro Verde aufgemacht.  Hier gibt es saisonal gekochtes und vakuumiertes Gemüse, im Laden zum Mitnehmen, im Bistro zum direkten Verzehr.

In einer Kiste liegen Paprika in allen Farben, Auberginen und Zucchini ordentlich nebeneinander.

Akkurat sortiert sind die Produkte im Laden von Petra Walterscheidt. Das Auge isst bekanntlich mit.

Veränderungen hat die Geschäftsfrau viele erlebt. Ob EU-Normen, Preise oder Kaufverhalten. „Früher wurden im Supermarkt die sonstigen Produkte gekauft und bei uns das Gemüse.“ Walterscheidt war der erste Laden, der Basilikum im Angebot hatte. „Mein Vater hätte die Generalvertretung in Deutschland für Kiwis haben können. Was er sagte? Was soll ich mit dem Driss?“ Als sie 13 war, wurden noch stundenlang Erdbeeren sortiert. Das Grün nach unten, die Spitzen nach oben. Die Produkte waren  längst noch nicht so genormt. „Mein Vater hat früher geschaut, wo er die geradesten Gurken bekommen konnte oder die rotesten Paprika.“ Dicke Bohnen wurden früher kistenweise verkauft. Die macht heute kaum einer selbst.

Eine Frau mit roter Jacke und Brille im Haar umarmt einen älteren Mann mit Bart, blauer Jacke und Brille.

Petra Walterscheidt und Mario Russo verkaufen in Rodenkirchen Obst und Gemüse - mit viel Liebe.

In den 1980er Jahren sorgte die Hollywood-Diät für einen regelrechten Run auf das einzige Geschäft, das Flugmangos und Flugananas verkaufen konnte, die in den Supermärkten noch nicht angekommen waren. Die letzte große Veränderung kam mit der Schließung des Großmarkts. Seitdem ist Walterscheidt nicht mehr auf dem Rodenkirchener Wochenmarkt vertreten. Der Großmarkt wurde  als Lager genutzt. Als Hauptgrund für das Aus nennt die 53-Jährige die Infrastruktur und das Personalproblem: „Da braucht es Leute, die das können. Marktschreier wie früher gibt es ohnehin nicht mehr.“

Heute sind Supermärkte ganz klar Konkurrenz, obwohl vieles dort teurer ist. „Im Supermarkt schauen die Kunden aber anders“, sagt sie und setzt auf Kundenwünsche. Hier kaufen Kunden auch mal nur eine Zwiebel. Bestseller sind die saisonalen Waren und Premiumprodukte, die es sonst überall erst später gibt. Walterscheidt hat dann schon die Kirschen, frische Schälnüsse aus Frankreich oder jungen Ingwer. Pilze und Pfifferlinge sind ebenfalls früher im Angebot. Wenn etwas nicht in Ordnung ist, kann die Ware umgetauscht werden. Man kann auch wie vor einhundert Jahren anschreiben. Der Biotrend lässt sich mit Premiumprodukten nicht vereinbaren. Die Kunden kaufen eher nach Optik – oder nach Rezept. „Manche wollen dann eine halbe Bohne oder so etwas.“ Dann fragt sie stets, ob brutto oder netto gewünscht ist, weil das nicht im Rezept steht. 

Anekdoten hat Petra Walterscheidt reichlich gesammelt. Im Bistro war die Scholle schon mal zu groß und hing über den Teller, einer älteren Dame war die Suppe zu flüssig. Russo erzählt von der Oma, in der Zeit, als es um Pestizide ging. „Jung? Wie ist das eigentlich mit der Pestozide? Ich sagte ihr, die sind so gespritzt, da kommen keine Pestizide dran. Dann wollte sie ein Pfund.“ Das Miteinander, die Nähe zum Rhein, der Ortskern, die gegenseitige Unterstützung gefallen der Geschäftsfrau an Rodenkirchen. Außerdem verkauft sie gerne und ist mit viel Arbeit groß geworden. Ob ihre zwei Töchter einsteigen? „Die sehen ja, wie viel ich arbeite.“ Den Gemüseladen wird es dann vielleicht irgendwann nicht mehr geben.