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Freiheit zwischen Schulschluss und AbendessenDie junge Republik im Familienalbum

5 min
Ein Mann mit einem Buch in der Hand.

Fotohistoriker und Fotograf Wolfgang Vollmer hat sie Bilder im Bildband „Die junge Republik“ kuratiert. 

Der Bildband „Die junge Republik“ versammelt mehr als 250 Fotos aus vier Jahrzehnten westdeutscher Kindheit. Fotohistoriker Wolfgang Vollmer und Journalist Heribert Prantl erzählen von Freiheit, Regeln und Erinnerungen, in denen viele ihre eigene Jugend wiederfinden dürften.

Ein kleines Mädchen reißt den Mund auf. Eine Schleife im Haar, den Mund noch ein bisschen verdreckt. Es sieht verdächtig nach Schokolade aus. Fasziniert scheint sie von dem Gefährt, das sich da so schnell vor ihren Augen bewegt. „Am Karussell, 1950er-Jahre“ steht links neben dem Bild, das sich über zwei Seiten erstreckt. So wie das kleine Mädchen auf dem Bild muss sich wohl auch Fotohistoriker Wolfgang Vollmer gefühlt haben, als er als kleiner Junge auf der Kirmes war: „Ich habe mich gefragt: Wie funktioniert das eigentlich? Wieso dreht sich die Raupe so schnell und wieso können die Kassierer mitfahren? Ich lag nicht so nah neben der Raupe wie sie, aber gefühlt fast schon.“

Das Bild erzählt eine Geschichte, die er auch aus seiner Jugend kennt. Zwischen Schulschluss und Abendessen gab es keine Termine. Da gab es Spielen, Freizeit, Kindsein ohne Eltern. „Da haben einem die Eltern eine Mark für die Kirmes gegeben und nur gesagt: ‚Wenn die Laternen angehen, bist du zu Hause.‘“

Das Bild ist eines von mehr als 250 Fotografien im Bildband „Die junge Republik“. Sie erzählen vom Aufwachsen in der BRD. Im Mittelpunkt stehen junge Menschen – ihre Kindheit und Jugend in den vier Jahrzehnten von 1949 bis 1990. „Die junge Republik“ folgt auf „Die Bonner Republik“ und ist am 2. Oktober im Kölner Greven Verlag erschienen. Vollmer hat erneut die Bilder dafür kuratiert, den erzählerischen Rahmen liefert wieder der Journalist Heribert Prantl. Prantl erinnert an das gemeinsame Badewasser der Fünfzigerjahre, an die Fragen nach der NS-Vergangenheit, an die Revolten der Sechziger, die Friedensbewegung und die Popkultur der Achtziger.

Cover mit einer Frau, die die Arme hochreißt.

Die Jugend steht im Mittelpunkt des Bildbandes.

In ihrem ersten Bildband haben sie den gesellschaftlichen Wandel anhand von Fotos gezeigt. Wie hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt? Wer gehörte dazu? Welche Moden gab es? Für ihren zweiten Band sind die Landschaften und die Erwachsenenbilder verschwunden. Emotionaler soll es dieses Mal sein, sagt Vollmer: „Wenn ich zwei junge Menschen zeige, die mit ihren Hula-Hoop-Reifen durch die Stadt laufen, dann sagt jeder: ‚Ja, das haben wir auch gemacht.‘ Und man ist sofort Teil des Bildes.“ An die eigene Jugendzeit erinnere man sich lieber: „An das, was ich mit 30 gemacht habe, erinnere ich mich zwar auch, aber vielleicht ist es nicht so lustig wie das, was ich mit 15 gemacht habe.“ Es sei zwar kein Familienalbum, könne aber in vielen Familien der Bundesrepublik in ähnlicher Form im Schrank stehen.

„Noch nie haben wir so viel im Entstehungsprozess über die Bilder gesprochen, die wir ausgewählt haben“
Wolfgang Vollmer

Prantl und Vollmer sind beide in diesen Jahrzehnten aufgewachsen. Für sie sind es diese Lockerheit und die Freiheiten fernab jeglicher Digitalität, die ihr Aufwachsen geprägt haben. „Es gab Regeln. Wir kannten sie, aber gehalten haben wir uns nicht immer dran“, sagt Vollmer.

Eine Familienszene im bayrischen Zirndorf hätte ebenfalls gut in Vollmers eigenem Wohnzimmer aufgenommen worden sein können. Vater liest im Anzug Zeitung, während Mutter seine Hemden aufbügelt. Mit dem Kopf in den Händen sitzt eine junge Person auf dem Teppich dazwischen. „So ging es mir auch, dass ich mich gefragt habe: Was mache ich hier eigentlich? Mit dieser Direktheit werden heute keine Bilder mehr gemacht.“ Das liege schon allein daran, dass alle ein Fotogesicht aufsetzen und in die Kamera lächeln, sobald ein Handy herausgeholt wird. Dann heißt es: Hier kommt ein Foto, bitte lächeln.

Jedes Jahrzehnt beginnt mit einem Bild mit Kind und Schultüte. Der erste Schultag 1951, 1961, 1971 und 1981. Dazu ein Text aus einem Lied der Zeit. Auszüge aus Werken von Astrid Lindgren, J. R. R. Tolkien, Michael Ende und Christiane F. stehen neben Liedern von Conny Froboess, Gitte Hænning, Reinhard Mey, Bettina Wegner und Markus. Ein Soundtrack zu mehreren Jahrzehnten westdeutscher Kindheit und Jugend. Dann werden die Kinder immer älter, bis das Jahrzehnt endet und ein neues mit Schultüte beginnt.

Fünf Mädchen stehen um einen Kinderwagen herum.

Sie üben sich früh. Fünf Mädchen im bayerischen Bernhadswald in den 1950er-Jahren.

Die Bilder sollten eine gewisse Qualität erfüllen, müssen aber nicht zu hundert Prozent perfekt sein. „Man empfindet auch eine gewisse Familiennähe und Privatheit, wenn die Bilder nicht ganz scharf sind.“ Ein Bild sei dann gut, wenn es einen Bruch gebe, über den man noch einmal nachdenken könne. Auf einem Bild sitzt ein junger Mann auf einem Motorrad, von unten fotografiert. Ohne Schutzkleidung, schon das irritiert. Das Bild ist von unten aufgenommen; der Motorradfahrer ist nicht perfekt im Goldenen Schnitt und scheint schon fast aus dem Bild herauszufahren. Er ist nicht perfekt in Szene gesetzt. Laut Vollmer mache dies das Bild erst so interessant. Es scheint nebenbei fotografiert zu sein; das gibt dem Bild seinen Reiz. „Beim Durchsehen habe ich dann schon 500 ähnliche Bilder gesehen, und das eine Bild bleibt dann hängen.“

Menschen liegen im Schlamm im Regen.

Die wilden 70er: Besucher des Love-and-Peace-Festivals auf der Ostseeinsel Fehmarn. Hier trat auch Jimi Hendrix auf.

Politiker haben sie bewusst nicht abgebildet in dem Buch; trotzdem greifen sie politische Themen auf. Es geht um die Rolle der Frau, die 68er-Bewegung und die Klimabewegung und den Kommerz. „Die Entwicklung der Zeit zeigt, wie mehr und mehr Kommerz dazukommt.“ Mit Poppern und Bräunungsstudios. Der Text von Brandl gibt eine Art Kapitelstruktur vor; er beschreibt die Szenen, die die Fotos noch einmal aufgreifen. An seinen Begriffen haben sie sich orientiert. Regeln, Freiheit, Demokratie, Lebensfreude. Die Unterbegriffe waren dann Bonanzarad, Monopoly oder Hula-Hoop.

Manche Bilder stammen von professionellen Fotografinnen und Fotografen aus Datenbanken, andere aus Familienalben vom Flohmarkt. Vollmer hat gesucht und ausgewählt, ein professioneller Grafiker hat noch einmal alles qualitativ herausgeholt. Gut 500 Bilder hat Vollmer vorausgewählt und über die meisten davon hat er mit dem Team noch einmal diskutiert: „Noch nie haben wir so viel im Entstehungsprozess über die Bilder gesprochen, die wir ausgewählt haben.“ Genau solle das Buch nun auch bei den Lesern auslösen: eine Unterhaltung über die Geschichten, in denen man glaubt, die eigene Geschichte wiederzuerkennen.