„Furiosa: A Mad Max Saga“Warum man sich in der Apokalypse besser an Frauen halten sollte

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Anya Taylor-Joy rennt, ein abgesägtes Gewehr haltend, aus einem Auto. Ihre Stirn hat sie sich mit Schmiere schwarz gefärbt.

Anya Taylor-Joy in einer Szene aus „Furiosa: A Mad Max Saga“

George Miller veröffentlicht 45 Jahre nach dem ersten „Mad Max“-Film den fünften Teil seiner Endzeit-Saga. Wir rekapitulieren.

Wie sollen wir die Grausamkeiten der Welt ertragen, wenn sie um uns herum zusammenbricht? Die Frage steht am Anfang von „Furiosa: A Mad Max Saga“, dem fünften Film in George Millers postapokalyptischen Franchise. In dieser Woche läuft „Furiosa“ in den deutschen Kinos an, die Geschichte hat sich weit von ihrem titelgebenden Antihelden Max Rockatansky entfernt und vielleicht noch weiter von ihren bescheidenen Anfängen vor 45 Jahren.

Der erste „Mad Max“ war 1979 ein typisches Ozploitation-Produkt, wie man die Welle billiger australischer Genre-Filme nennt, die in den 1970ern und 80ern der Übermacht aus Hollywood mit Sex und Gewalt, mit kalkulierten Geschmacklosigkeiten und Tabubrüchen entgegentraten. Es war George Millers erster abendfüllender Spielfilm, der Regie-Autodidakt war von Haus aus approbierter Arzt. Verletzungen durch Auto- und Motorradunfälle, die er behandeln musste, dienten ihm als Inspiration für die haarsträubenden Hochgeschwindigkeits-Kollisionen, die bis heute die „Mad Max“-Filme prägen. Selbst während der Dreharbeiten legte Miller Wochenendschichten in der Notaufnahme ein, um die Finanzierungslöcher im Mini-Budget seines Debüts zu stopfen, das er ohne Genehmigung auf wenig befahrenen Straßen rund um Melbourne drehte.

Das Geld für den ersten „Mad Max“ verdiente George Miller als Arzt in der Notaufnahme

Die Welt, wie wir sie kennen, ist bekanntlich erst im zweiten „Mad Max“-Film „The Road Warrior“ untergegangen, der Vorlage etlicher Filme, Serien und Videospiele, deren Handlung nach dem Ende der Menschheit einsetzt, zuletzt etwa Amazons erfolgreiche Streaming-Adaption des Computer-Rollenspiels „Fallout“.

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Doch die simple Rachestory des Frühwerks enthält bereits die ersten surrealen Keime des unmittelbar bevorstehenden Zivilisationsbruchs, der in den späteren Folgen der Reihe dann immer bizarrere Blüten treibt. Manche Motive aus „Mad Max“ – die abgerissene Hand, die an einer Handschelle von der Karosserie eines Unfallwagens baumelt, die Stabhochsprungstangen, mit deren Hilfe Straßenpiraten einen Tanklastzug entern – variiert George Miller noch in „Furiosa“. Lieferten die Notaufnahme-Bilder erste optische Anregungen für die Verheerungen der Landstraße, hatte George Miller durch die weltweite Ölkrise des Jahres 1973 einen Vorgeschmack darauf bekommen, dass die Menschheit möglicherweise nur eine Tankfüllung vom Außerkraftsetzen des gesitteten Zusammenlebens trennt. „Jeder, der versuchte, sich in der Warteschlange vor der Zapfsäule vorzudrängen, sah sich roher Gewalt ausgesetzt“, erinnert sich James McCausland, Mitdrehbuchautor von „Mad Max“.

Auch in „Furiosa“ lassen motorradfahrende Aasfresser lieber ihre scharf schießende Verfolgerin näherkommen, als dass sie auf den Benzinkanister verzichten würden, der neben ihren bereits abgeschossenen Kumpanen liegt.

Miller und er, sagt McCausland, haben das „Mad Max“-Drehbuch auf Grundlage der These verfasst, dass Menschen fast alles tun würden, um ihre Fahrzeuge in Bewegung zu halten, „und der Annahme, dass die Nationen die enormen Kosten für die Bereitstellung einer Infrastruktur für alternative Energien erst dann in Betracht ziehen würden, wenn es zu spät ist“. Das klingt im Hinblick auf die rasant voranschreitende Klimakatastrophe unangenehm prophetisch und könnte beinahe als Antwort auf die Frage durchgehen, die Rosie Huntington-Whiteley als schwangere Harems-Sklavin in „Mad Max: Fury Road“, dem vierten und besten Teil der Serie, stellt: „Who killed the world?“ Die kürzere Replik wäre: Männer. Oder ist das zu pauschal?

Gladiatorenkämpfe in post-nuklearer Ödnis

Der Reiz der Serie liegt einerseits in ihrer unglaublichen kinetischen Kraft – vor allem der zweite und der vierte Teil vermittelt den Zuschauenden das Gefühl, anderthalb Stunden lang mitten in das Wagenrennen aus „Ben-Hur“ katapultiert worden zu sein. Andererseits in ihrer überbordend-barocken Fantasie: Gladiatorenkämpfe in post-nuklearer Ödnis gibt es wie Sand in der Düne, aber einzig Miller traut sich, ans Kostüm eines Kriegers einen zerliebten Teddy zu ketten. Chris Hemsworth trägt ihn in „Furiosa“ als Warlord Dementus mit der fragwürdigen Würde des Bösewichts, der genau versteht, welche Verlusterfahrungen ihn zum Ebensolchen gemacht haben. Wie man die Grausamkeiten einer zusammenbrechenden Welt erträgt? Indem man noch ein wenig grausamer und verrückter ist als der Rest dieser Welt (die zugleich dazu dient, das eigene Morden und Brandschatzen zu begründen).

Wie aber erträgt die Frau, die Dementus als Kind geraubt hat, die unfassbaren Zumutungen, denen sie im Laufe des Films ausgesetzt wird? Mit Stillschweigen, Zurückhaltung und Gerissenheit. „Furiosa“ funktioniert – im harten Kontrast zur Bumerang-Struktur von „Fury Road“: Straße rauf, Straße runter – wie die Negativkopie eines Bildungsromans. Wie schafft man es, seine Entwicklung gerade nicht von seiner Umwelt beeinflussen zu lassen? Alyla Browne spielt sie als toughes Mädchen, das sämtliche Ressourcen in sich selbst findet, Anya Taylor-Joy als junge Frau, deren riesige Augen wie Scheinwerfer die menschengemachte Wüstenei durchleuchten.

Im ersten „Mad Max“ stellt sich Mel Gibsons Max noch dem Kampf des Daseins, während Frau und Kind für das häusliche Glück stehen. Das Miller mit ätzender Ironie zeigt. In einer Szene spielt Max' kleiner Sohn mit dem geladenen Revolver des Vaters, die Eltern kümmert es nicht. In den folgenden Teilen lernt Max, Verantwortung zu übernehmen, erst für ein einzelnes wildes Kind, dann in „Jenseits der Donnerkuppel“ für eine Gruppe Halbwüchsiger, die ihn ungewollt als ihren prophezeiten Helden verehren.

Im erst 30 Jahre später gedrehten „Fury Road“ muss Max (jetzt von Tom Hardy gespielt) die Hauptrolle an Charlize Therons Furiosa abgeben. Zum vollwertigen Menschen kann er nur noch als Verbündeter im Kampf der Frauen werden. „Furiosa“ erzählt, rasend unterhaltsam, wie dieser Kampf begann – und warum er noch lange nicht zu Ende ist.

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