Abo

Golden-Globes-GewinnerWas uns „Hamnet“ über „Hamlet“ verrät

5 min
Die Geschichte von Agnes – der Frau von William Shakespeare –, die darum kämpft, den Verlust ihres einzigen Sohnes Hamnet zu verkraften. Eine menschliche und herzzerreißende Geschichte, die den Hintergrund für Shakespeares berühmtestes Stück Hamlet bildet.

Golden-Globe-Gewinnerin Jessie Buckley (Mitte) in Chloé Zhaos „Hamnet“.

Führte der Tod des Sohnes zum berühmtesten Drama der Welt? Chloé Zhao erzählt im Oscar-Favoriten „Hamnet“ von der Trauer des Ehepaars Shakespeare.

Ein Mann ohne Eigenschaften ist William Shakespeare, eine stumme Leerstelle in seinen beredten Texten. Jede Biografie des Barden, und es gibt erstaunlich viele, knüpft lediglich eine Vielzahl von Vermutungen und Theorien an ein brüchiges Band, das sich über wenige, oft bürokratisch oder juristisch motivierte Erwähnungen spannt. So werden wir nie erfahren, ob Shakespeare im Sommer 1596 rechtzeitig in sein Geburtsstädtchen Stratford-upon-Avon heimgekehrt war, um seinen sterbenden Sohn Hamnet ein letztes Mal in den Armen zu halten. War er aus London angereist, oder aus der Grafschaft Kent, wo seine Theatertruppe, die Lord Chamberlain's Men, gerade von Ortschaft zu Ortschaft tingelte, während in der Hauptstadt die Pest wütete?

In Maggie O’Farrells Roman „Hamnet“ – Chloé Zhaos Verfilmung hat gerade mehrere Golden Globes gewonnen und gilt als Oscar-Favorit – kommt der Dramatiker zu spät. Das Kind ist tot und zum gemeinsamen Trauern bleibt den Eheleuten kaum Zeit, schon bald reitet William wieder nach London, lässt seine am Boden zerstörte Frau Agnes – so heißt sie im Film, bekannter ist sie unter ihrem Mädchennamen Anne Hathaway – mit den Töchtern allein zurück. Das Theater ruft, schließlich ist er Anteilseigner seiner Compagnie.

„Hamnet“-Hauptdarstellerin Jessie Buckley ist jetzt Oscar-Favoritin

Es könnte sich auch völlig anders zugetragen haben. Die einzige historische Quelle ist der Eintrag ins Begräbnisregister der Holy Trinity Church in Stratford: Am 11. August wurde dort, wie der Standesbeamte vermerkte, „Hamnet filius William Shakspere“ beigesetzt.

Als Ben Johnsons Erstgeborener 1603 mit sieben Jahren stirbt, widmet Shakespeares Freund und Bühnenkonkurrent – sonst eher für seine beißenden Satiren bekannt – seinem „geliebten Jungen“ eine berührende Elegie. Sein Sohn, schreibt Johnson dort, sei sein bestes Gedicht gewesen. Und wünscht sich gebrochenen Herzens, dass das, was er in Zukunft liebe, ihm niemals mehr zu sehr gefallen möge.

Der Stratforder hingegen verfasst in den Jahren nach Hamnets Tod einige seiner beliebtesten Komödien: „Die lustigen Weiber von Windsor“, „Viel Lärm um Nichts“, „Wie es Euch gefällt“. Nach den Spuren seiner Trauer muss man mühsam suchen. Stephen Greenblatt, Shakespeare-Experte und führender Vertreter des „New Historicism“, glaubt sie unter anderem in der heute nur noch selten gespielten Historie „König Johann“ gefunden zu haben, in der Klage einer Mutter um ihren Sohn: „Trauer erfüllt den Raum meines abwesenden Kindes, liegt in seinem Bett, geht mit mir auf und ab, setzt sein hübsches Angesicht auf, wiederholt seine Worte, erinnert mich an all seine liebenswürdigen Eigenschaften, füllt seine leeren Kleider mit seiner Gestalt aus.“

Der britische Schauspieler Joe Alwyn (v.l.), der britische Schauspieler Noah Jupe, die chinesische Regisseurin Chloé Zhao, die irische Schauspielerin Jessie Buckley, der irische Schauspieler Paul Mescal und der britische Schauspieler Jacobi Jupe, Gewinner des Preises für den besten Kinofilm – Drama für „Hamnet“, posieren im Presseraum während der 83. jährlichen Golden Globe Awards im Beverly Hilton Hotel in Beverly Hills, Kalifornien, am 11. Januar 2026.

Der britische Schauspieler Joe Alwyn (v.l.), der britische Schauspieler Noah Jupe, die chinesische Regisseurin Chloé Zhao, die irische Schauspielerin Jessie Buckley, der irische Schauspieler Paul Mescal und der britische Schauspieler Jacobi Jupe, Gewinner des Preises für den besten Kinofilm – Drama für „Hamnet“, posieren im Presseraum während der 83. jährlichen Golden Globe Awards im Beverly Hilton Hotel in Beverly Hills, Kalifornien, am 11. Januar 2026.

Und, am deutlichsten, in Shakespeares erst drei bis fünf Jahre nach Hamnets Tod entstandenen, berühmtesten Stück, „Hamlet“. Maggie O'Farrell stellt ihrem Roman ein Zitat Stephen Greenblatts aus einem Artikel in der „New York Review of Books“ voran: „Tatsächlich sind Hamnet und Hamlet der gleiche Name, völlig austauschbar in den Aufzeichnungen von Stratford im späten sechzehnten und frühen siebzehnten Jahrhundert.“

Der Name „Hamlet“ aber stammt aus den Quellen, die Shakespeare für seine Rachetragödie benutzt hat, „Amlethus“ heißt der Sohn des ermordeten Königs beim dänischen Historiker Saxo Grammaticus, „Hamblet“ in der englischen Übersetzung einer französischen Erzählung nach dänischer Vorlage. Trotzdem könnte, mutmaßt der Literaturwissenschaftler in seinem Artikel, das wiederholte Schreiben des Namens seines verstorbenen Sohnes eine tiefe, nie verheilte Wunde im Dramatiker aufgerissen haben.

Ab hier folgen Spoiler für den Film

In Chloé Zhaos „Hamnet“ – eine kleine Spoiler-Warnung ist an dieser Stelle angebracht – schwankt Paul Mescal als William Shakespeare am nächtlichen Themseufer, er hat sich in die Arbeit gestürzt, doch jetzt bricht die jahrelang verdrängte Trauer aus ihm heraus und er denkt darüber nach, sich in die gefährliche Strömung zu werfen, den „Sein oder Nichtsein“-Monolog seines zögernden Helden zitierend.

Das mag etwas dick aufgetragen sein, aber der Barde ist im Buch und seiner Verfilmung nur eine mit wenigen Strichen skizzierte, nie mit Eigennamen erwähnte Randfigur. Wir erleben das elisabethanische England aus der randständigen Perspektive von Jessie Buckleys Agnes, es ist eine dörfliche Welt, ohne Schrift, ohne Kunst. Und selbst hier ist Agnes eine Außenseiterin, die Kräuterhexe, die mehr Zeit im Wald verbringt als unter Menschen, die mit Falken und Pflanzen spricht.

Doch dann wagt sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben ins große London, im Film in Begleitung ihres Bruders, im Roman ganz allein. Sie besucht die Uraufführung von „Hamlet“, des Stückes, das den Namen ihres toten Sohnes trägt. Sie ist nie im Theater gewesen, war nie Teil einer Menge. Als das Stück beginnt, ist sie zuerst verwirrt, dann empört. Was haben diese Leute, die dort auf den Burgzinnen über eine Geistererscheinung diskutieren, denn mit ihrem Sohn zu tun? Warum hat ihr Mann diese Worte geschrieben? „Ihr seid alle nichts“, schreit sie die Schauspieler an und drängelt sich an den Bühnenrand vor, „nichts im Vergleich zu meinem Sohn. Wagt es nicht, noch einmal seinen Namen auszusprechen!“

Dann erscheint der Geist in voller Rüstung, und in der Rüstung steckt ihr Mann, weiß geschminkt wie der Tod. Er ist Hamlet und Hamlet heißt auch sein Sohn, der jetzt auf der Bühne erscheint. „Er ist es. Er ist es nicht“, durchfährt es Agnes im Buch. Er ist ihr Sohn, zum stattlichen jungen Mann gewachsen, ihr Sohn, wenn er gelebt hätte – im Film spielt tatsächlich der große Bruder des Hamnet-Darstellers den Hamlet-Darsteller. Und als Hamlet am Ende des Stücks sterben muss, die Klinge im Duell war vergiftet, ergreift Agnes seine Hand. Er lässt es zu und auch die anderen Zuschauer greifen nach dem Sterbenden und alle sterben sie jetzt ein wenig gemeinsam und dieser kleine Tod der Kunst setzt sich auf der anderen Seite der Leinwand fort, im dunklen Kinosaal fließen die Tränen.

Shakespeare bleibt eine bleiche Erscheinung, eine Leerstelle, doch dafür erzählt uns „Hamnet“ alles über die Geisterbeschwörungen der dramatischen Kunst. Darüber, wie sie aus offenen Wunden Geschichten schürft, wie sie verdichtet, verschiebt und einsame Trauer in ein kollektives Erlebnis verwandelt.

„Hamnet“ läuft am 22. Januar in den deutschen Kinos an