Abo

Jonas Dumke spielt Kleist in KölnDie Schönheit des Kopfschusses

4 min
Jonas Dumke in «Ach! Ein Kleist-Portrait von Jonas Dumke»

Tanz mit dem Tod: Jonas Dumke als Heinrich von Kleist im Schauspiel Köln

„Ach“, Jonas Dumkes fesselndes, verzweifelt-komisches Kleist-Solo am Schauspiel Köln.

Ein Schlag im Finstern, dann noch einer und noch einer. Jonas Dumke kauert, den Kopf nach unten gebeugt, auf einem Hocker. Zischelt ein einziges Wort: „dergestalt“. Wirft den schwarzen Hartgummiball zwischen den Knien auf den Boden. Ein Schlag, ein Sprung, ein zweites Wort: „dass“. „Dergestalt, dass“ – die Lieblingskonjunktion des Heinrich von Kleist, die Formel, die seinen unruhigen Satzgefügen Drive verleiht, alles bereits Gesagte zur bloßen Vorbedingung des Nächsten herabwürdigt, als könnte hinter jedem weiteren Komma endlich das eine, treffende Bild, die letztgültige Erkenntnis lauern.

„Ach!“ hat Jonas Dumke sein Kleist-Porträt übertitelt, den Soloabend aus Briefen und Texten des Sprachkünstlers hat der junge Schauspieler noch in den letzten Zügen – so steht es in seinem Kurzporträt zu lesen – seines Studiums in Bern entwickelt, unter der Regie von Lukas Bangerter. Mit ihm hat er sich in seinem ersten Festengagement dem Aachener Publikum vorgestellt und gewann mehrere Preise für seine Performance.

Sein Kleist-Abend wird Jonas Dumke so bald nicht mehr loslassen

„Ach!“, heißt es nun auch auf der kleinen Depot-3-Bühne. Die bleibt leer, allein die Sprache füllt den Raum und ist genug. Kay Voges hat den Vielversprechenden ins Kölner Ensemble geholt und damit eben auch dessen außergewöhnlichen Kleist-Abend. Der wird Jonas Dumke wohl so lange nicht mehr loslassen, als er noch drahtig und hungrig genug ist, den großen, ewig unerlösten Außenseiter der deutschen Literatur zu verkörpern.

Jetzt richtet sich Dumke im Schlaglicht auf, doch seine Rede bleibt dunkel, er stößt Fragmente aus, unverbunden wie einzelne Gewitterschläge: „immer im Widerspruch mit“, „mit der innigsten Innigkeit“, „und außerstand zu fliehen“. Endlich strömt der Wortfluss, es sind die Sätze eines jungen Mannes, der seiner Zukunft weit vorausgreift, sich schon als zweiter Shakespeare sieht, glaubt, dass ihm keine Wissenschaft zu schwer sei – sich aber dann jedoch für keine Fachrichtung entscheiden mag. Hinterm nächsten Komma geht es weiter, wie kann man stehenbleiben, wenn der Horizont unendlich ist? Wann beginnt das Leben, wenn man mit jedem neuen Gedanken seinen Lebensplan korrigieren muss?

Die Welt durch grüne Gläser betrachtet

Dumke hätte die Präsenz und die Spannkraft, sein Publikum eine gute Stunde lang im Kleist’schen Weltschmerz-Duktus zu bannen. In der Erschütterung, die dem Dichter durch einen Gedanken Kants zuteil geworden ist. „Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten“, zitiert Kleist-Dumke den Königsberger Philosophen, setzt sich eine Brille auf, wird prompt in grünem Licht gebadet, „so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün – und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört.“ Mit anderen Worten: Was Wahrheit ist, was Schein, das bleibt den Menschen unentscheidbar, „und alles Bestreben“, schließt Kleist, „ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich“.

Dumke bleibt freilich nicht bei dieser Erkenntnis stehen, er schaut, wie sich das einst Georg Büchner wünschte, sich selbst als Kleist-Wiedergänger auf den Kopf, sieht auch das Komische in der Tragik. „Ach“, das war auch das Lieblingswörtchen Loriots. Der nutze es vor allem als Verlegenheitsfüllsel, als Signal für misslungene Kommunikation. Bei Kleist, mit Ausrufezeichen versehen, bedeutet es Erkenntnis und Verzweiflung ob ihrer Vergeblichkeit zugleich – das eine ist nicht ohne das andere zu haben.

Aber Jonas Dumke hat auch vom beliebten TV-Humoristen gelernt. Schon sein anmutig fechtender Bär im Essay „Über das Marionettentheater“ ist ziemlich lustig, ein Brief des Dichters an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge gerät zum Kabinettstück: „Just the Two of Us“, singt Dumke, sich auf dem Hocker einem von der Decke hängenden Mikrofon in ständiger Absturzgefahr entgegenstreckend. Den liebeserpresserischen Brief trägt er in eskalierend taumelnder Ekstase vor, unterbrochen von sonor geröhrten „Wilhelmine“-Rufen.

Ein gutes Ende, wie hinlänglich bekannt, kann diese rastlose Suche nicht nehmen. „Die Wahrheit ist“, schreibt Kleist im Abschiedsbrief an seine Lieblingsschwester, „dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“ Doch die Anmut, mit der Jonas Dumke nach angedeutetem Kopfschuss dem Tod in Zeitlupe entgegenstrudelt, besitzt ihre eigene Schönheit.

Nächste Termine: 14. Januar; 4., 23. Februar, Depot 3, 65 Minuten