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Karsten Greve wird 80 Jahre altEin Besessener auf dem Ikarusflug

4 min
Karsten Greve blickt jemanden lächelnd an.

Der Kölner Galerist Karsten Greve wird am 15. September 80 Jahre alt.

Karsten Greve gehört zu den Großen des weltweiten Kunsthandels. Am 15. September wird der Kölner Galerist 80 Jahre alt.

„Ich habe keinen Ehrgeiz“, sagt Karsten Greve. „Ich will nur, was ich mache, richtig machen.“ Anscheinend ist ihm das besser als vielen anderen in der Kunstbranche gelungen, auch wenn gleich seine erste Ausstellung für ihn einer „Totalkatastrophe“ glich. Das war 1973 in der Kölner Lindenstraße und der Künstler, mit dessen Werk er einen „halben Ikarusflug“ absolvierte, war der Alles-Blau-Maler Yves Klein. Greve kokettiert gerne damit, dass damals nur sieben Besucher zur Eröffnung kamen. Aber, versichert er: „Es ist leider wahr.“

Abgestürzt ist Karsten Greve damals und auch später nicht. Heute führt der leicht zauselige und zum Monologisieren neigende Galerist drei Filialen in Köln, Paris und St. Moritz, vertritt einen erlauchten Kreis an Künstlern und zeigt am liebsten museumreife Werkschauen, die er aus seinen privaten Beständen bestückt. In Köln ist derzeit eine fantastische Louise-Bourgeois-Schau zu sehen, in Paris lädt er bald zu Cy Twombly ein und in St. Moritz läuft Louis Sutter. Drei Ausstellungen, die er sich selbst und einer „Menge unbekannter Leute“, seinem Publikum, zum Geschenk macht, weil die niemand sonst, kein Museumsdirektor und schon gar kein anderer Kunsthändler, gleichzeitig auf die Beine stellen könnte. So feiert ein Besessener, jemand, der seine Galerien als sein Privatleben bezeichnet. Am 15. September wird Greve 80 Jahre alt.

Karsten Greve vertritt einen erlauchten Kreis von Klassikern

Mit Bescheidenheit wäre Greve vermutlich nicht so weit gekommen. Die meisten Kunsthistoriker sind für ihn „einfach ein Problem“, weil ihnen der Mut und ein Auge für die Kunst fehlen; internationale Megagalerien wie David Zwirner kritisiert er dafür, dass sie angeblich nur noch Nachlässe berühmter Künstler plündern würden; und dem Museum Ludwig wird er wohl nie verzeihen, dass man dort keine seiner schlüsselfertigen Ausstellungen zeigen wollte. Man wundert sich, wie dieser passionierte Grantler wohl Sammler davon überzeugt, sich von ihren Millionen zu trennen. Vermutlich gibt er ihnen das Gefühl, selbst zu einem erlauchten Kreis, dem Geistesadel, zu gehören: „Anfangs war ich ein bemühter Händler. Heute geht es mir mehr darum, Kunst zu beschützen vor den falschen Käufern.“

Diese falschen Käufer gehen für Greve auf der Art Basel Katar shoppen und denken vor allem an die Wertsteigerung ihrer Wandaktien. „Die Kommerzialisierung des Kunstmarkts finde ich dramatisch schlecht. Wir haben eine Masse von Leuten, die lieben gar keine Kunst. Die haben nur entdeckt, dass sie damit viel Geld verdienen können.“ Den richtigen Sammlern lebt Greve dagegen vor, was es heißt, sich für die Kunst zu verzehren. „Ich habe immer für mich gesucht und Jahrzehnte immer mit einem Hut an einer Wand gestanden, um das zu finanzieren“, sagt er. Und dass sich die „finanzielle Wertigkeit“ der Kunst „runter und hoch und hoch und runter“ bewegen würde. „Aber der Wert, das, was bleibt, das ist Kultur über Jahrtausende. Daran glaube ich auch heute noch.“

Ich habe immer für mich gesucht und Jahrzehnte immer mit einem Hut an einer Wand gestanden, um das zu finanzieren
Karsten Greve, Galerist

Nach Köln sei er in den Siebzigern wegen der Musikszene gekommen, sagt Greve, wegen Stockhausen und Kagel, und natürlich, weil es im Rheinland immer engagierte Sammler gab. Leben konnte er aber von Köln nicht. Also gründete er Filialen. Nicht alle davon, wie die in Mailand, waren von Dauer, und nach St. Moritz, so Greve, sei er vor allem gegangen, weil er dorthin gehen wollte, wo es ihm gefällt. In Paris feierte er seine größten Publikumserfolge: „Bei der letzten Giorgio-Morandi-Ausstellung hatten wir 218.000 Besucher. Das ist für eine private Galerie die Hölle. Also, es ist too much. Aber es war einfach wunderbar.“ Seine Geschäfte macht er aber wohl, wie alle Galeristen, vor allem auf den großen Messen: Basel, Maastricht, Paris, Köln.

„Ich habe das Glück gehabt, dass ich 1970, da war ich 24 Jahre alt, schon wusste, was ich toll fand“, so Greve – und er hatte mehr als nur Glück, dass sich sein Geschmack als werthaltig erwiesen hat. Außer Yves Klein gehörten Cy Twombly, Lucio Fontana, Jannis Kounellis und John Chamberlain zu seinen frühen Favoriten, lauter Klassiker der Nachkriegskunst, mit denen er teils noch Handschlagverträge schloss. Wie aus einer anderen Zeit klingen auch seine Verkaufsverhandlungen mit Museumsdirektoren wie Johannes Cladders, dem legendären Leiter des Abteibergs Mönchengladbach. „Er sagt: Toll, was kostet das denn? Und fügt hinzu: Ich habe kein Geld, aber ich weiß, ich bin bekannt dafür. Und ich sage: Aber ich habe auch kein Geld, da bin ich auch bekannt dafür.“ Am Ende wurde man sich doch handelseinig.

In Köln ist Greve das Kolumba das liebste Museum. Beinahe hätte er dem Kunstmuseum des Erzbistums einen ganzen Twombly-Raum verkauft und einen ganzen Raum mit Werken von Louise Bourgeois. „Das habe ich dann irgendwann abgebrochen, denn das hätte ich nicht überlebt, diese Form von ewiger Finanzierung.“ Von der Liebe zur Kunst allein kann selbst Karsten Greve nicht existieren. Aber ohne sie noch viel weniger.