John Chamberlains Skulpturen aus Autoteilen sind Klassiker der Kunstgeschichte. Jetzt sind sie bei Karsten Greve in Köln zu sehen.
John Chamberlain bei Karsten GreveAutos sind nur als Schrotthaufen schön

John Chamberlains „Ramfeezled Shiggers“ in der Kölner Galerie Karsten Greve
Copyright: VG Bild-Kunst/Galerie Karsten Greve
Auf amerikanischen Schrottplätzen gab es in den 1950er Jahren zwei bevorzugte Todesarten für Automobile: entweder zum Pfannkuchen geplättet oder hydraulisch zum Päckchen verschnürt. Diese Müllverdichtung muss dem jungen John Chamberlain arg würdelos erschienen sein, jedenfalls machte er die ausrangierte Krone der industriellen Schöpfung zu seinem künstlerischen Material. 1957 setzte der versierte Schweißer zum ersten Mal einzelne Schrottteile zur expressionistischen Blüte des automobilen Zeitalters zusammen. Und wurde damit sofort berühmt.
John Chamberlain war nicht nur der erste Bildhauer, der mit Autoteilen arbeitete, er war auch der erste, der einen Weg fand, der Malerei des abstrakten Expressionismus eine dreidimensionale Form zu geben. Auf makabre Weise erschien das folgerichtig: Im Jahr vor Chamberlains Pioniertat hatte Jackson Pollock seinen Wagen zu Schrott gefahren und sich selbst dabei getötet; in Chamberlains Skulpturen spukt sein alkoholumnebelter Geist bis heute herum.
Der bunte Stahl scheint zu schäumen, zu explodieren oder überzuquellen
Auch mit den Skulpturen, die jetzt in der Kölner Galerie Karsten Greve zu sehen sind, trat der 2011 verstorbene Chamberlain in Konkurrenz zu den Kräften eines Autounfalls. An der blinden Zerstörungswut einer Karambolage war er aber offensichtlich nicht interessiert. Stattdessen modellierte er eine Skulptur wie „Ramfeezled Shiggers“ (1991) so virtuos, als wäre er der Michelangelo des Schrottplatzes. Das 2,70 Meter hohe Gebilde aus geknitterten, geschlitzten, gerollten und bemalten Autoblechen ist eine übergroße Wundertüte zerklüfteter Formen und glatter Oberflächen. Der bunte Stahl scheint mal zu schäumen, zu explodieren oder auch überzuquellen, je nachdem, von welcher Seite man ihn anschaut. Zufällig wirkt hier trotzdem nichts; bei näherer Betrachtung scheint die massive Skulptur auf Zehenspitzen zu tänzeln.
Für seine Kölner Filiale hat Karsten Greve ein knappes Dutzend Chamberlain-Skulpturen ausgesucht und diese durch eine späte Leidenschaft des Künstlers, seine mit einer Widelux-Panoramakamera gemachten Fotografien, ergänzt. Letztere könnte man als handlichen Trost für Sammler bezeichnen, die sich sein klassisches Werk nicht leisten können. Aber auch unter den Skulpturen findet sich eine besondere Kleinigkeit: ein dreidimensionales, um 1960 entstandenes Bild, das die Verbindung zum gemalten abstrakten Expressionismus knüpft und zugleich ein wenig poppig wirkt. Robert Rauschenbergs Combine Paintings sind hier nicht weit.
Kleinere Abmessungen als dieses Bild hat lediglich eine flache Wandskulptur, mit der sich Chamberlain bei Karsten Greve für die lange Zusammenarbeit bedankte. Ansonsten stellen die Ausstellungsstücke eine Herausforderung für jeden Innenarchitekten und jedes Sammlerwohnzimmer dar. Die „Gondola Charles Olson“ (1982) ist fünf Meter lang, versteht sich als konkrete Poesie und erinnert tatsächlich entfernt an eine venezianische Gondel. Auch sonst changieren die Arbeiten keck zwischen wilder Abstraktion und heimeliger Eingebung: Bei „Papagayo“, einer 183 Zentimeter hohen (ausnahmsweise monochromen) Skulptur aus galvanisiertem Stahl, sieht man vielleicht zwei übereinander gestülpte Sitzsäcke vor sich; „Bloodydrivetrain“ ähnelt einer gefrorenen Fontäne oder einem züngelnden Feuer, und was aussieht wie eine herrliche Blüte, könnte auch eine zusammengedrückte riesige Cola-Dose sein.
Tritt man wieder auf die Straße, fragt man sich, warum in Köln überhaupt noch Autos durch die Gegend brausen. Schließlich hat John Chamberlain schon vor bald 70 Jahren bewiesen, dass es eine weitaus bessere Verwendung für sie gibt.
John Chamberlain, Galerie Karsten Greve, Drususgasse 1–5, Köln, Di.–Fr. 10–18.30 Uhr, Sa. 10–18 Uhr, bis 18. Juli 2026
