Georg Baselitz, der sanfte Berserker der deutschen Malerei, ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Nachruf auf einen Weltstar.
Zum Tod von Georg BaselitzKopfüber in die Ewigkeit

Der Maler und Bildhauer Georg Baselitz im Jahr 2013
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Es ist zwar offiziell verpönt, in der Kunst einen Ausdruck nationaler Mentalität zu sehen, aber natürlich tun es heimlich trotzdem alle. Betrachtet man etwa die aktuelle Riege deutscher Kunstweltstars, so erfüllen diese in streberhafter Manier jeweils ein Klischee des Deutschseins. Gerhard Richter stieg als unverbesserlicher Romantiker zu Weltruhm auf, Anselm Kiefer als Gründler in düsteren Tiefen und Sigmar Polke als fröhlicher Antichrist der Malerei. Der deutscheste unter den Vorzeige-Deutschen ist aber immer Georg Baselitz gewesen – als Berserker vom Dienst ließ er der Kunstwelt vor allem in den 1980er Jahren kalte Schauer der Bewunderung über den Rücken fahren.
Baselitz' Karriere liest sich tatsächlich wie eine Heldensaga aus dem modernen Germanien. Geboren als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz, zog er Ende der 1950er Jahre aus der DDR nach West-Berlin, nur um dort festzustellen, dass der von ihm bewunderte klassische Expressionismus auf beiden Seiten der Grenze aus der Mode gekommen war. Im Osten wurde er vom Sozialistischen Realismus an den Rand gedrängt, im Westen galt die gegenständliche Malerei als zahm und überholt. Aber die abstrakte Welt bot dem jungen Baselitz offenbar nicht genug Widerstand. Er wollte sich an der deutschen Wirklichkeit abrackern – an der furchtbaren braunen Vergangenheit und an den engen Moralvorstellungen der Gegenwart.
Junge Siegfriede irren bei Baselitz durch nachtschwarze Landschaften
Also malte er mit wilden Strichen monumentale Heldenbilder, auf denen junge Siegfriede in kurzen Flickenhosen durch nachtschwarze Landschaften irren, oder ein Bild wie „Die große Nacht im Eimer“ (1962), auf dem ein zur Unkenntlichkeit vermalter Knabe einen riesigen Phallus in Händen hält. Als die „Große Nacht“ in der Berliner Galerie von Michael Werner und Benjamin Katz erstmals gezeigt wurde, stand kurz darauf die Staatsanwaltschaft vor der Tür. Der stattliche Knüppel kam wegen Störung des sittlichen Empfindens vor Gericht und wäre nach dem Willen der Anklage sogar zerstört worden; heute befindet sich dieses skandalisierte Frühwerk im Kölner Museum Ludwig und lässt den Erzkünstler Jonathan Meese vermutlich vor Neid erbleichen.
So verkaufsfördernd das Baselitz-Klischee vom wilden Germanen gewesen sein mag, es enthält doch allenfalls die halbe Wahrheit. Die Gleichung „Teutonisch mal Ironie ergibt Baselitz“ ging jedenfalls schon im Jahr 1969 nicht mehr ohne Weiteres auf. Sein Frühwerk hatte Baselitz einmal als „Pubertätsschlamm“ bezeichnet und sein damaliges Berliner Wohnatelier bei anderer Gelegenheit mit einem vollgeschissenen Taubenschlag verglichen. Aus dem einen wie dem anderen zog sich Baselitz dann in Münchhausen-Manier heraus – und stellte seine Bilder und die Welt auf ihnen einfach auf den Kopf.
Als Erstes malte er 1969 ein verschneites Waldstück verkehrt herum und verband dabei die schuldbewusste Liebe zu deutschen Naturschinken mit einem erstaunlichen Ausflug in die Gefilde der Konzeptkunst. Vermutlich wunderte sich Baselitz selbst, dass dieses Markenzeichen noch nicht vergeben war. Für ihn war es aber kein Marketing-Gag, sondern ein Weg, gleichzeitig gegenständlich und ungegenständlich zu malen. Auf dem Kopf stehend wirkt selbst ein röhrender Hirsch noch irgendwie abstrakt.
Vermutlich hätte Baselitz auch mit seinen richtigherum gemalten Bildern eine Weltkarriere gehabt. Er war jedenfalls jung und wild genug, um aus den kümmerlichen Resten des Realismus noch einmal etwas Umstürzlerisches zu machen. 1960 malte er Porträts, die langsam verlöschen oder sich buchstäblich zu einem Haken krümmen. Zwei Jahre später stand einem durch den Fleischwolf gedrehten nackten Mann dann eine stattliche Erektion – als Vorspiel der „Großen Nacht im Eimer“. Darauf folgte mit einer Serie von Fußstudien allerdings erst die richtige Fleischbeschau. Spätestens hier zeigte sich: Der kraftstrotzende Baselitz malt Bilder menschlicher Verletzlichkeit.
Verkehrt herum zu malen, war für ihn jetzt Verfremdung genug
1965 erschien dann der „neue Typ“: kantige Jungs in Uniform und Heldenpose, aber überdeutlich auf verlorenem Posten. Heimatlose, Kriegsheimkehrer, vielleicht auch versprengte Geister im Zwischenreich der Schlachtfelder. Wiederum drei Jahre später setzte Baselitz symbolisch die Säge an seine Figuren. Waldarbeiter, Tiere und Bäume zerfallen in freischwebende Teile – und stehen teilweise schon kopf. Seit 1969 malte er konsequent verkehrt herum. Ein Geniestreich, wie er selbst fand: „Ich dachte, das ist so eine Granate, dass ich eigentlich ausgesorgt habe – geistig zumindest.“ Aber zunächst gab es überhaupt keine Reaktionen.
Mit seinem Dreh zeigte Baselitz, dass er die abstrakte Malerei nicht für das Ende der Kunstgeschichte hielt, aber auch nicht so tun wollte, als hätte es sie nie gegeben. Er malte gegenständlich, um das hässliche Deutsche beim Namen zu nennen, und zugleich abstrakt genug, um an den deutschen Beitrag zur Kunstgeschichte, das Expressive, anschließen zu können, ohne als Geschichtsverleugner dazustehen. Mit dieser geistigen „Granate“ holte sich Baselitz zunächst die Freiheit zurück, wieder beinahe realistische Porträts zu malen. Aber schon bald änderte sich die Richtung wieder; nun schmierte Baselitz seine Bilder mit den Fingern. Diese in den frühen Siebzigerjahren entstandenen Naturstudien von Birken und Adlern sind virtuose Übungen in unreiner Malerei.
In den Achtzigern wurden Baselitz’ Bilder (wie der malerische Zeitgeist) wilder, zerfurchter und skizzenhafter, und der Maler, der eine exquisite Sammlung afrikanischer Skulpturen besaß, wurde zum Schöpfer grob behauener Holzfiguren. Es sind archaische Menschen, Gesichter und Scham sind mit Farbe markiert – Gegenentwürfe zum Unwesen des deutschen Gartenzwergs. Auf der Leinwand begann Baselitz mit Gitterstrukturen zu experimentieren, und in den Neunzigern wurden seine Gemälde mitunter gänzlich zeichenhaft; das Menschliche ist nur noch eine gestrichelte Ahnung.
Auch als anerkannter Altmeister blieb Baselitz auf der Suche. Er setzte Löcher ins Farbgefüge, malte auf den Knien, um den Überblick zu verlieren, stürzte sich ins ironisch-postmoderne Scharmützel mit Klassikern wie Mondrian oder Kooning und setzte zarte, aquarellhafte Kompositionen gegen die lastende Schwere der Vergangenheit. In den 2000er Jahren begann er, seine eigenen Frühwerke in diesem Stil zu „remixen“ – plötzlich standen Baselitz-Menschen wieder auf ihren Füßen.
Im Spätwerk des Weltstars dominierten dann zittrige Wesen und schattenhafte Körperbilder, die vielleicht auch deswegen zu den Höhepunkten in Baselitz‘ Schaffen gehören, weil sie von Anfang an in seiner Malweise angelegt waren. Im Rückblick scheint es, als hätte er schon immer gegen das Sterben angemalt. Jetzt ist die Prophezeiung wahr geworden. Georg Baselitz, der feinfühlige Berserker, ist tot. Er wurde 88 Jahre alt.
