Manfred Schoof prägte die Entwicklung des Free Jazz in Europa. An seinem 90. Geburtstag blickt der Kölner Jazz-Trompeter auf ein epochales Lebenswerk zurück.
Zum 90. Geburtstag von Manfred SchoofEin wahrer Jazz-Pionier

Der Trompeter Manfred Schoof prägte im Köln der 1960er Jahre die Entstehung des europäischen Free Jazz.
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Im Jahr 1967 nahm Manfred Schoof mit seinem Ensemble eine seiner vielen denkwürdigen Kompositionen auf: „Cadenza“ beginnt mit einem strahlend hellen Trompetenton, den Schoof umgehend in eine rasante Folge flatternder Mikrotöne ausfransen lässt. Nur zu gerne würde man dem kurzen, aber intensiven Solo länger zuhören, doch schon setzt mit voller Wucht das Sextett ein: Schoof, Saxofonist Gerd Dudek, Pianist Alexander von Schlippenbach, Bassist Buschi Niebergall sowie die Schlagzeuger Jaki Liebezeit und Sven-Åke Johansson entfesseln unisono ein wahres Klanggewitter.
Prototypisch prallen hier lyrische Schönheit und ungebremster Free Jazz aufeinander, bevor sich die Gegensätze auflösen und neue Muster und Strukturen entstehen. „Damals hatte ich mich mit einigen Gleichgesinnten um einen neuen Ausdruck im Jazz bemüht, besonders um freiere Spielweisen“, sagt Schoof. „Im Nachhinein war diese offene Vielfalt eine Qualität der damaligen Zeit, in der wir Tabula rasa machten, um zu einem neuen Ausdruck zu gelangen.“ So wurde Manfred Schoof zu einem wahren Jazz-Pionier. Am 6. April feiert er seinen 90. Geburtstag.
Diese offene Vielfalt war eine Qualität der damaligen Zeit, in der wir Tabula rasa machten, um zu einem neuen Ausdruck zu gelangen.“
Was Schoof und seine Mitspieler entwickelten, gehört mit zum Spannendsten, was der zeitgenössische Jazz in Europa hervorgebracht hat: eine einzigartige, innovative Spielform, die ihre Vorbilder von John Coltrane bis Ornette Coleman tief verinnerlicht hat, zugleich aber eine eigene, freie, durch und durch europäische Textur erfand. „Wir machten nichts nach, sondern schufen Neues“, sagt Schoof. „Heute ist es ungleich schwerer, etwas glaubhaft Bleibendes zu schaffen.“
Auf „Canenza“ folgt auf der Sextett-Platte das Stück „Gewisse kristallinische Gebilde, über die eine pathetische Lava letzten Endes nichts vermag“, dessen Titel Bezug auf Paul Klees kunsttheoretische Überlegungen nahm. Klee sah künstlerische Strukturen als „kristallinische Gebilde“ mit einer dauerhaften, inneren Ordnung, der emotionale oder zerstörerische Einflüsse nichts anhaben können. Schoof gefiel das Gedankenbild: „Das war eine schöne Platte, ein Gemälde.“
Was war das für eine Zeit, als sich Mitte der 1960er-Jahre das legendäre, erste Manfred Schoof Quintett gründete (das zeitweise um den Schweden Johansson ergänzt wurde). Vehement kratzten neue Freiheiten am Lebensgefühl des deutschen Wirtschaftswunders, mittendrin auch der Jazz, nicht nur, vor allem aber als Free Jazz, der die Grenzen zwischen Kunst und Leben verschob. Schoof: „Das hatte ein bisschen die Geste einer Revolte. Wir waren sehr selbstbewusst und wussten durchaus, dass unsere Musik etwas Anderes, etwas Besonderes war. So sahen wir uns als Geburtshelfer einer neuen Zeit. Wobei ich für mich selbst sagen muss, dass ich politisch eher weniger aktiv war. Ich habe Musik immer zuallererst als Kunst gesehen, die für sich steht.“
Geprägt vom legendären Jazz-Kurs der Kölner Musikhochschule
Geboren in Magdeburg am 6.4.1936, studierte Schoof in Kassel Trompete, Klavier und Harmonielehre, bis er 1958 nach Köln zum legendären Jazz-Kurs der Musikhochschule wechselte, den Kurt Edelhagen leitete. Zeitgleich kamen die Meisterschüler Schoof, Niebergall, Liebezeit, von Schlippenbach und Dudek mit Bernd Alois Zimmermann in Kontakt, der ein Seminar für Hörspiel-, Bühnen- und Filmmusik leitete. Er weckte ihr Interesse an Neuer Musik, die zum wichtigen Impuls für den Aufbruch des europäischen Free Jazz wurde. Hinzu kamen auch zeitgeistige Trends, wie sich Schoof erinnert: „Anfang der 1960er-Jahre traten Jazzer eher uniformiert auf. Damals wohnte ich am Salierring, da gab es um die Ecke einen Schneider, der für das Quintett Jacken nähte. Die hatten wir uns bei den Art Blakey Jazz Messengers abgeschaut, schwarze Cord-Jacken mit Aufsätzen. Wirklich individuell waren wir nicht gekleidet, signalisierten aber, dass wir eine Einheit waren.“
„Voices“ (1965), die erste Platte des Manfred Schoof Quintetts, wurde zur Geburtsstunde des europäischen Free Jazz – zusammen mit Gunter Hampels Album „Heartplants“ (1964), an dem Schoof, von Schlippenbach und Niebergall ebenfalls beteiligt waren. Danach schien nichts unmöglich, ständig entwickelten sich neue Ideen, Projekte, Konstellationen. Im Juni 1969 entstand das großorchestrale Werk „European Echoes“ des Manfred Schoof Orchesters, bestehend aus dem Quintett sowie u.a. aus Enrico Rava, Peter Brötzmann, Evan Parker, Irène Schweizer, Peter Kowald, Han Bennink und Pierre Favre. Schoof: „Da war die Musik schon wieder ganz anders, viel feiner, lyrischer, empfindsamer, einfach mehr Kunst.“ Ebenso zeugt sie von Schoofs Vorliebe für große Klangkörper – und für die Freiheiten, die er sich dafür nahm. In seinem Stück „Kontraste und Synthesen“, geschrieben 1974 fürs Globe Unity Orchestra, experimentierte er sogar mit Chormusik, und eine zeitgenössische Kritik schwärmte: „Schoof lässt die Stimmen wie Wolken über den Blechbläsern schweben. Ein lebhaftes Stück, wie ein Marktplatz an einem geschäftigen Morgen.“
Zwischen Free Jazz und „Sendung mit der Maus“
Seitdem wandelte und entwickelte sich vieles neu. Neben den impulsiven Ausbrüchen nahmen die Harmonien zunehmend größeren Raum ein. Schoof: „Meine musikalische Tätigkeit war zu jeder Zeit breit aufgestellt. Insofern konnte ich den Free Jazz spielen und zugleich eine klangliche Schönheit oder einen gewissen Tiefgang erzielen, der beim Free Jazz ein bisschen im Protest verloren ging. Deshalb war ich auch in der Lage, zeitgleich ganz andere Musik zu schreiben, etwa für Kinofilme, für ‚Die Sendung mit der Maus‘ oder das ARD-Morgenmagazin.“
Oft entstand Epochales, so 1969 das Trompetenkonzert mit den Berliner Philharmonikern oder das geniale New Jazz Trio mit Peter Trunk und Cees See zu Beginn der 1970er-Jahre, in einer Zeit, in der Schoof auch in der Clark-Boland-Big Band spielte. 1983 ging das Manfred Schoof Orchester, initiiert von der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland, auf eine Tournee durch die DDR, mit dabei waren Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner und Eberhard Weber, aber auch junge Musiker, die Schoof als Dozent an der Kölner Musikhochschule (wo er ab 1990 als Professor tätig war) entdeckt hatte. „Teilweise ging es durch die DDR-Provinz“, erinnert sich Schoof. „Oft saßen überwiegend Soldaten in Uniform im Publikum, aber überall konnten wir das Publikum für uns gewinnen.“ International arbeitete er mit Mal Waldron, Steve Lacey und Tony Oxley. 1991 ging es mit Quincy Jones, Miles Davis, dem Gil Evans Orchester sowie der George Gruntz Concert Band zum Großkonzert nach Montreux.
Inzwischen spielt Schoof nicht mehr Trompete, doch die Zuversicht, die ihn sein Leben lang begleitete, ist geblieben. „Ich möchte noch viel gute Musik hören, Jazz, Klassik, Arnold Schönberg, immer wieder neu seine ‚Verklärte Nacht‘, darin liegt so viel Gefühl und Tiefgang. Ich freue mich, dass ich das genießen kann, und das möglichst lange mit meiner Frau. Wir lieben Musik und sind dabei eigentlich deckungsgleich.“ Ihr widmete Schoof 1976 mit seinem zweiten, großen Quintett auf dem Album „Scales“ das Stück „For Marianne“ – eine seiner allerschönsten Kompositionen, zart, ja zärtlich gespielt als ein Moment für die Ewigkeit.
Am 20.4., 18 Uhr, findet im Stadtgarten anlässlich Manfred Schoofs 90. Geburtstags die Festveranstaltung „Manfred Schoof 90 – The Young Old Friends & special guests” mit Konzert, Film & Talk statt.

