Oswald Mathias Ungers wäre im Juli 100 Jahre alt geworden. Eine Ausstellung im MAKK würdigt den berühmten Kölner Architekten.
100 Jahre O. M. UngersDie Quadratur der Architektur

Das Haus Glashütte von O. M. Ungers in der Eifel (1986–1988)
Copyright: Stefan Müller
Man stellt sich die Entwürfe des Kölner Architekten Oswald Mathias Ungers eher so vor, als würden die Dinge unter seiner Hand wie von selbst ins Raster fallen. Schließlich ist Ungers in aller Welt berühmt dafür, dass er Architektur und Leben am liebsten der Schönheit des Quadrats untergeordnet oder, wie seine Kritiker sagen würden, geopfert hätte. Aber die Wirklichkeit sah auch beim so verlässlich gepriesenen wie bemäkelten Ungers anders aus, als es das Klischee verspricht. Auf den Skizzen, die jetzt im Kölner Museum für Angewandte Kunst auf (selbstredend) rechteckigen Schaukästen ausgebreitet liegen, sieht man einen Suchenden, der etliches ausprobiert, Volumen scheinbar nach Belieben verschiebt und zuweilen mit den geliebten klassischen Bauformen jongliert, als fürchte er, ihnen niemals gerecht werden zu können.
Zum Hundertsten wird es Zeit, einige Vorurteile über Ungers zu revidieren
Dabei scheint sich das Ungers-Klischee in der anlässlich seines bevorstehenden 100. Geburtstags eingerichteten „Architektur als Idee“-Ausstellung anfangs zu bestätigen: Quadrate, wohin man sieht, als Volumen und als Fläche, und bis ins kleinste Detail, nämlich ein Ohrgesteck für die Ehefrau, variiert. O.M. Ungers, der Architekt, entwarf, wenn man ihn ließ, auch die Inneneinrichtung seiner Gebäude und verwandelte insbesondere seine drei Wohnhäuser, zwei in Müngersdorf, eines in der Eifel, in Bühnenbilder seiner modernistisch-antiken Baukunst. Allerdings, so seine Tochter Sophia Ungers, saßen seine Möbel auf verborgenen Rollen, mit deren Hilfe er sie wochen- und monatelang verschieben konnte. So lange dauerte es zum Leidwesen der Familie, bis er endlich die letztgültige Position für sie gefunden hatte.
Am 12. Juli jährt sich Ungers‘ Geburtstag zum einhundertsten Mal, da wird es höchste Zeit, einige hartnäckige Vorurteile über den neben Gottfried Böhm wichtigsten Kölner Architekten des vergangenen Jahrhunderts zu überdenken. Diese Revision unternehmen im MAKK nun Sophia Ungers und Anja Sieber-Albers, also die Verwalterinnen des Kölner Ungers-Archivs, was erfreulicherweise zum Gegenteil von strenger Ungers-Exegese, geschweige denn Beweihräucherung einer Legende führt. Der letzte große gelehrte Baumeister nach antikem Vorbild, dessen Bibliothek und Fachwissen so ehrfurchtgebietend waren, wie einige seiner Gebäude, wirkt in der Ausstellung nahbar, ohne dass es seinem Status schaden würde. Im Gegenteil.

Oswald Mathias Ungers, 2006 aufgenommen in seiner Bibliothek in Köln.
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Sophia Ungers stellt ihren im Jahr 2007 verstorbenen Vater als Vertreter einer ganzheitlichen Architekturauffassung vor, in der Baukunst, Design und Kunst nicht nur eine gemeinsame Sprache sprechen, sondern auch miteinander zu plaudern beginnen. Alles aus einer Idee hieß bei ihm eben nicht alles aus einem Guss und vor allem bedeutete es, sich auf den Geist des Ortes einzulassen. Wenn Ungers baute, stellte er die Nachbarschaft nicht in den Schatten, sondern griff ihre Formen auf – auch in dieser Hinsicht war sein erster Wohnsitz in Müngersdorf ein Manifest. In der Belvederestraße 60 führte er 1959 das Satteldach des Nachbarhauses fort, um es in einem Wasserfall aus Formen auf den Boden der Flachdachmoderne zu bringen. O. M. Ungers selbst bezeichnete das Haus als seinen Protest gegen die „glatten Kisten“ der Nachkriegszeit und bekannte sich dazu, dort mit seinen Fehlern als Architekt leben und aus ihnen lernen zu wollen. Tatsächlich war das Wasserbassin bald leck, verriet Sophia Ungers. Aber das war die geringste Lehre, die ihr Vater aus seinem Laborhaus zog.
O. M. Ungers verglich seinen Lebensweg einmal mit dem eines Römerkanals – von der Eifel nach Köln. Für sein zweites gebautes Familien-Manifest kehrte er in seine Geburtsgegend zurück. Das Haus Glashütte liegt in einem arkadischen Garten und verwirklichte Ungers’ Vorstellung einer zeitgenössischen römischen Villa mit streng gerasterter Fassade, deren gleichmäßig verteilte Fenster und Türen sich auf allen vier Seiten unter einem Satteldach wiederholen. Es ist eine weiße Architekturinsel inmitten eines weitläufigen Gartens, der an den Rändern auswildern darf und soll. Auf den Seitenwegen war sogar ketzerischer Humor erlaubt: Auf einem solchen versperrte dem flanierenden Hausherrn eine antikisierende Skulptur den Weg; über dem Kopf trug sie eine Tüte, die ihr das Aussehen eines Quadratschädels gab.
Verwandte Seelen fand Ungers auch unter den Künstlern
Wenn er durfte, suchte O. M. Ungers nach passender Kunst am Bau, möglichst unter Umgehung der üblichen Ausschreibungen und Wettbewerbe. Verwandte Seelen unter den Künstlern gab es genug, die prominente Liste reicht von Sol LeWitt über Hubert Kiecol bis zu Gerhard Richter. Letzterer steuerte für das Innenleben der von Ungers’ renovierten Hypo-Bank in Düsseldorf unter anderem mehrere graue Spiegel bei, die sich wohlgefällig ins Raster des Architekten fügen. Die Quadratur der Geschäftsräume reichte vom Boden bis zum Geldautomaten, was allerdings nicht verhinderte, dass ein Investor das Haus später für die kurzlebige Filiale einer Modekette entkernte.
An sechs Beispielen führen die Kuratorinnen Ungers’ Idee von der Architektur als Gesamtkunstwerk vor (minus Musik und Schauspiel). Neben dem ebenfalls in Müngersdorf gelegenen, auf radikale Vereinfachung zielenden „Haus ohne Eigenschaften“ vervollständigen die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe und die Residenz des Deutschen Botschafters in Washington die Reihe. Die berühmten Ungers-Museen bleiben draußen, zum Kölner Wallraf kann man immerhin hinüber spazieren.
Zu den ausgewählten Bauten zeigt das MAKK neben Entwurfsskizzen und Fotografien im Großformat auch Mobiliar, Modelle, Kunstwerke und teilweise Tee- und Kaffeeservice – hier schmiegt sich die Kreisform ins Quadrat. Bestaunt man bei der Botschafterresidenz zunächst die tempelhafte Großkotzigkeit, deren Innenleben zudem ganz Deutschland in einen Ungers-Bau zu verwandeln scheint, fällt einem schließlich ins Auge, wie elegant Ungers’ das Gebäude über einen abgestuften Garten hinweg in einer Wasserfläche spiegelt. Und auch die Bibliothek besticht durch ihren Dialog mit der Umgebung: Ihre Kuppel gibt sich als Doppelgängerin der Kirche St. Stephan aus.
Geist, Wissen und Proportionen in rationaler Seligkeit vereint, so ließe sich das Gesamtwerk Oswald Mathias Ungers’ auch umreißen. Die Ausstellung im MAKK mag nicht die große Überblicksschau sein, die man zu seinem Hundertsten erwarten konnte. Aber sie gibt uns eine denkbar schöne Ahnung von einer Architektur, die aus ihrer langen Geschichte eine Idee moderner Zeitlosigkeit gewinnt.
„O. M. Ungers – Architektur als Idee“, Museum für Angewandte Kunst, An der Rechtschule 7, Köln, Di.–So. 10–18 Uhr, 22. Mai bis 27. September 2026
