Das Pablo Held Trio wird 20 Jahre alt und feiert mit einer großen Jubiläumstour. Ein Gespräch mit Pablo Held über den entscheidenden Augenblick und die Magie des Miteinanders
20 Jahre Pablo Held Trio„Künstler sind ein Anker in der Gesellschaft“

Pablo Held Trio
Copyright: Kohei Oishi
Glückwunsch zu 20 Jahren Pabo Held Trio, an Sie, Robert Landfermann und Jonas Burgwinkel. Der erste Abschnitt der Jubiläumstour mit Saxofonist Chris Potter liegt hinter Ihnen. Wie fühlt es sich bislang an?
Unglaublich! Wir hatten mit Chris Potter eine der schönsten und intensivsten Touren. Wir fühlen uns dankbar und unheimlich erfüllt. Nach so einer Tour kann man schon mal in ein kleines Loch fallen: Während einer Tour ist man voller neuer Eindrücke, stets fokussiert aufs nächste Konzert. Wenn das dann zu Ende geht, muss man erst wieder ins normale Leben zurückfinden.
Sie alle kamen vor 20 Jahren nach Köln, studierten hier, hörten viel Musik, spielten und wurden musikalische Weggefährten…
Ich erinnere mich an das Gefühl von damals. Miteinander zu spielen, fühlte sich unfassbar aufregend und doch vertraut an. Dieser erste Eindruck hat viel damit zu tun, dass wir immer noch mit Enthusiasmus und Freude zusammenspielen.
Als das erste Album „Forest of Oblivion“ erschien, waren sie alle noch sehr jung, und doch ist bereits vieles von dem vorhanden, was das Trio bis heute auszeichnet: das paritätische Miteinander, die besondere Art, tief in klangliche Strukturen vorzudringen.
Vieles davon war da schon da. Trotzdem zucke ich manchmal zusammen, wenn ich das heute höre. Es ist, als ob man ein frühes Foto von sich wiederfindet und denkt: Oh wow, wie wir da aussahen! Trotzdem erkenne ich mich und uns in diesem Album immer noch. Es war der Beginn eines langen Prozesses. Zugleich höre ich manche Idee, die ich vielleicht erst jetzt verwirklichen kann. Damals fehlte mir noch das Vokabular, diese Gewandtheit, etwas musikalisch auszudrücken.
Entstand damals schon die Idee, ohne Setliste live auf die Bühne zu gehen?
Als die Platte im September 2008 herauskam, war gefühlt eine Ewigkeit seit den Aufnahmen im Winter 2007 vergangen, viel ist in dieser Zeit passiert. Wir kannten die Musik auf dem Album mittlerweile fast zu gut und entschieden uns, fürs erste Release-Konzert auf alle Absprachen zu verzichten, frei zu beginnen und alles offen zu lassen. Das war eine radikale Entscheidung, sie hat aber viel im Trio bewegt.
Später hat sich dann dieser Ansatz wieder geändert…
Tatsächlich haben wir das bis ins Jahr 2024 fortgeführt. Dann haben wir gemerkt, dass sich auch da in Teilen über die Jahre hinweg eine Routine eingestellt hatte, der wir eigentlich doch entkommen wollten.
Und wie kommt man dann da heraus?
Immer wieder Neues auszuprobieren hilft – aber hin und wieder muss man bestimmte Dinge ansprechen. Ich bin Robert und Jonas so dankbar, dass wir uns gegenseitig mit Respekt und Achtung begegnen und somit einander Sachen sagen können, die mitunter an die Substanz gehen.
Stellen sich während einer langen Jubiläumstour ebenfalls Routinen ein? Wie ist das, wenn man ständig in anderen Räumen spielt?
Jemand wie Chris Potter klingt in jedem Raum anders. Er klingt zwar immer nach Chris Potter, aber wie sein Sound im Raum tanzt, von Vorhängen aufgesogen und von den Wänden zurückkommt, das ist jedes Mal anders. Es ist wichtig, sich auf den jeweiligen Raum einzulassen, umso schöner ist es, an Orte zurückzukehren, die eine besonders schöne Akustik haben, wie der Kammermusiksaal im Bonner Beethovenhaus oder die Kölner Philharmonie.
Musik, wie wir sie spielen, kann nur entstehen, wenn wir einander zuhören
Vieles hat also damit zu tun, sich „die Freiheit zu nehmen“: zu spielen, zu hören, zu reden, zu handeln?
Künstlerinnen und Künstler sind für mich ein Anker in der Gesellschaft. Wenn ich mich frage, wie es Menschen heute schaffen, mit all diesen Schwierigkeiten umzugehen, dann höre ich Wayne Shorter zu. Er sagte mir einmal, dass er CNN anschaltet, um dann etwas zu schreiben, mit dem er zurückschlagen kann gegen all die schlechten Nachrichten. So verstand ich ein wenig besser, wie er auf seine zauberhaften Klänge kommt und dass sie seine Art sind, optimistisch nach vorne zu blicken. Solch kreative Fantasie, gepaart mit dem Glauben ans Gute im menschlichen Geist, finde ich bei vielen Musizierenden, die ich schätze.
Künstlerische Freiheit lässt sich also durchaus politisch verstehen?
Musik, wie wir sie spielen, kann nur entstehen, wenn wir einander zuhören. Das droht uns abhanden zu kommen in einer Welt, die von narzisstischen Unmenschen regiert wird, die nicht auf andere, sondern nur auf sich selbst hören. Wir Menschen müssen einander zuhören, damit etwas entstehen kann.
Nun spielen Sie mit der chilenischen Saxofonistin Melissa Aldana, allerdings nicht mit dem Trio.
Melissa war unser Special Guest, etwa auf der Cologne Jazzweek und in der Münchner Unterfahrt, das war wunderbar. Kurz danach fing ich an, in ihrem Quartett auf den Europa-Tourneen zu spielen.
Auf eine gewisse Weise sind Sie und Melissa Aldana geistesverwandt, oder?
Ihr Quartett ist eines der wenigen Projekte, in denen ich aktuell als Sideman spiele. Sie hat von ihrem Quartett eine amerikanische und eine europäische Version, in der sitze ich am Klavier. Jede Note, die sie spielt, beinhaltet eine eigene Welt, und jede Note kann verändern, was danach kommt. Ich höre gerade Mitschnitte der Band, mit der sie in Amerika spielt: dieselbe Band, aber mit Glenn Zaleski am Klavier. Das ist für mich spannend zu hören, wie jemand anderes mit dem gleichen Material umgeht.
Danach geht das Jubiläumsjahr mit dem Trio weiter…
Ja, zunächst mit der englischen Trompeterin Alexandra Ridout, danach mit Saxofonist Emilio Modeste aus New York. Uns inspiriert es gleichermaßen, mit Größen wie Chris Potter und John Scofield, aber eben auch der jüngeren Generation zu spielen: Alexandra ist bei einem Trio Konzert in London eingestiegen, danach habe ich sie direkt für die Tour gefragt. Emilio ist mir in der Band von Wallace Rooney aufgefallen, als er noch wahnsinnig jung war. Er klang aber schon wie eine alte Seele, man hört, wie sehr auch er Wayne Shorter verehrt, ohne ihn zu kopieren. Ich höre seine Liebe zu Shorter, das ist etwas ganz anderes.
Das Pablo Held Trio ist viel in der Welt herumgekommen…
Ja, unglaublich. Wir waren in China, Korea, Kasachstan, Kirgistan, Aserbadjan, in New York und Kanada, Süd- und Mittelamerika, überall in Europa. Gerade im letzten Jahr waren wir zum ersten Mal in Japan. In den 20 Jahren haben sich viele Orte angesammelt. Und Erfahrungen! Reisen hat uns neue Wege aufgezeigt und uns sehr beeinflusst.
Ist das Trio inzwischen über Köln hinausgewachsen?
Nein, Köln ist unser Lebensmittelpunkt, hier planen und starten wir unsere Projekte, auch die eigenen neben dem Trio. Aber wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass wir als Trio nicht zu oft in Köln spielen. Das war zunächst nicht ganz leicht, hat sich dann aber relativ schnell entwickelt, sodass wir jetzt einmal oder alle zwei Jahre in der Heimatstadt spielen.
Beim Konzert im Bonner Beethovenhaus haben Sie weitere 20 Jahre Pablo Held Trio versprochen. Wie könnten die aussehen?
Wenn alles gut läuft, in Teilen immer noch wie auf „Forest of Oblivion“. Und doch auch ganz anders. Neue Interessen werden sich entwickeln, manches werden wir hinter uns lassen. Wir freuen uns einfach, dass wir immer noch miteinander Musik machen können, und sind gespannt auf alles, was noch kommt.
Seit nunmehr 20 Jahren gilt das Pablo Held Trio als eines der spannendsten Klaviertrios im deutschen Jazz. Pianist Pablo Held, Bassist Robert Landfermann und Schlagzeuger Jonas Burgwinkel bilden eine symbiotische Einheit, die in ihrem gemeinsamen Spiel stets neue Perspektiven abseits modischer Trends erschließt.
Ihre „20th Anniversary Tour“ begann mit Saxofonist Chris Potter als Gast. Am 21.3. spielte Pablo Held mit dem Melissa Aldana Quartet in der Kölner Philharmonie. Danach geht die Trio-Tour mit Alexandra Ridout (im King Georg am 5.5.) und Emilio Modeste weiter, bevor sie zum Jahresende mit dem „Trio pur“ ausklingen wird.
Weitere Infos auf pabloheld.com/de

