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KunstKein Gerhard Richter aus Leverkusen in Paris

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Blick in die Gerhard-Richter-Retrospektive in Paris in der Fondation Louis Vuitton, dpa-Bildfunk

Blick in die Gerhard-Richter-Retrospektive in Paris in der Fondation Louis Vuitton. Eine Besucherin steht vor dem Bild Cage 6 (P19-6), eine Hommage an den Musiker John Cage. Der „Tiger“ aus Leverkusen war nicht gefragt.

Eine Retrospektive in Paris mit 270 Werken kam ohne den „Tiger“ aus. Das bedauert man auch im Museum Morsbroich.

1965 war das Bild relativ teuer: 4000 Mark wurden vom Museum Morsbroich ausgegeben, um ein Bild eines damals noch keineswegs weltberühmten Künstlers in die Sammlung zu bekommen. Den „Tiger“, ein verwischtes Schwarz-Weiß-Gemälde im Format 1,50 mal 1,40 Meter, hatte ein gewisser Gerhard Richter gemalt. Angesichts der Preise, die für Richter-Werke seit Jahren gezahlt werden, ist das frühe Bild immer wieder Thema. Schon vor zehn Jahren hieß es, der „Tiger“ sei um die 20 Millionen Euro wert, mindestens.

Nicht viel früher hatte es aus einem anderen Grund Aufhebens um das Werk gegeben: Es hatte seinen Weg ins Vorzimmer des Sparkassenvorstands gefunden. Der hieß seinerzeit Manfred Herpolsheimer und war grundsätzlich kein Mann des bescheidenen Auftritts. Und nachdem das Werk des ultrateuren Richter seit 2002 im Depot von Morsbroich geschlummert hatte, griff der Sparkassenchef zu. Die Leihgabe wurde auf Kosten der Bank versichert – was das Museum durchaus finanziell entlastete, wie dessen damaliger Leiter Markus Heinzelmann betonte.

Die Chance, dem frühen Richter ein ganz großes Publikum zu verschaffen, ist aber soeben verstrichen. In Paris hatte die Fondation Louis Vuitton dem deutschen Weltstar eine Retrospektive ausgerichtet. Die Schau – sie wurde am 17. Oktober 2025 eröffnet und ging am 2. März zu Ende – umfasste 270 Werke aus den Jahren 1962 bis 2024. Ölgemälde wurden gezeigt, Bleistift- und Tuschezeichnungen, Aquarelle und gemalte Fotografien bis hin zu Stahl- und Glasskulpturen. Da hätte der „Tiger“ perfekt gepasst.

Keine Anfrage im Museum Morsbroich

„Es wundert uns, dass der Tiger in Paris nicht dabei ist“, heißt es daher in einer Anfrage von Opladen Plus. Dürfe das Werk doch „als signifikantes Beispiel für jene Schaffensphase des Künstlers gelten, in der er die Möglichkeiten der Malerei und Fotografie in Bezug auf ein angemessenes Abbild der zeitgenössischen Wirklichkeit analysiert“, zitieren die Politiker aus dem Museumskatalog. „Hierbei bedenkt er die Fragwürdigkeit traditioneller Malerei ebenso wie die geringen subjektiven Betrachtungsspielräume im Rahmen einer protokollarisch minuziösen Fotografie.“

Zur Richter-Retrospektive in einer der weltweit führenden Kunstmetropolen beizutragen, wäre „doch sicherlich ein Imagegewinn für Leverkusen und das Museum Morsbroich gewesen“. Deshalb haben Stephan Adams und seine drei Mitstreiter aus der Opladen-Plus-Fraktion im Rathaus nachgefragt, ob es eine Anfrage vonseiten der Fondation Louis Vuitton an das Museum Morsbroich bezüglich der Ausleihe gegeben habe. Wenn ja, warum der Tiger nicht in Paris zu sehen war?

Die Antwort aus dem Museum ist so kurz wie ernüchternd. „Eine Anfrage für eine Leihausgabe geht immer vom ausstellenden Museum aus. Danach wird abgewägt, ob das Renommee höher ist als das Risiko der Leihgabe“, so die Information. Im Fall der Richter-Retrospektive in Paris „wäre der Tiger sicherlich ausgeliehen worden“. Nur: Es habe „leider keine Anfrage der Fondation Louis Vuitton“ gegeben. Vielleicht, weil der Leverkusener Schatz selbst bei Spezialisten nicht genug im Fokus steht.