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KHM-Rundgang 2026Was ein Stück Butter über uns erzählt

5 min
Ein Goldfisch in rundem Fischtank

Jiha Jeon begibt sich mit „Fixing the Rare“ (2026) auf die Suche nach dem perfekten Goldfisch

Von sprechenden Socken und virtuellen Goldfischen: Beim Rundgang der Kölner Kunsthochschule für Medien zeigen Studierende ihre Arbeiten.

Wie wir zu dem werden, wer wir sind, das sagt uns ein Stück Butter. Jedenfalls der übergroße Block, den uns Kaspar Achenbach in der Aula der Kunsthochschule für Medien (KHM) in den Weg legt. Die konzeptionelle Arbeit verbindet Text, Skulptur und Fotografie, um vom Formwerden der Butter überraschende Parallelen zur Formung menschlicher Identität zu ziehen, zwischen technischer Produktbeschreibung und psychologischer Selbstbeschreibung.

Das Multimediale wie bei Achenbach steht im Studium der Medialen Künste in Köln traditionell im Mittelpunkt. Statt klassischer Malerei oder Skulptur sind unter den 30 beim diesjährigen Rundgang ausgestellten Abschlussarbeiten deshalb vor allem Video-, Raum- oder Soundinstallationen. Dazu kommen ein umfangreiches Filmprogramm, Performances, Lesungen und die „Kleine“ Anthologie des Zweigs Literarisches Schreiben. Vieles dreht sich darum, neue Formen des Erzählens zu finden; die traditionell männliche, in jedem Fall aber menschliche Heldengeschichte zu hinterfragen, die in unseren Kunstgeschichtsbüchern nachzulesen ist.

Butterskulptur aus Schamstoff auf dem Boden vor abstrakten Fotografien

Mit einem Stück Butter, hier aus Schaumstoff, fragt Kaspar Achenbach, nach den äußeren Einflüssen, die uns zu dem machen, der wir sind

Neue Formen des Erzählens

So sprechen hier statt Menschen eben vor allem die Dinge, Räume, Tiere und Pflanzen selbst – bei Johannes Hoffmann sogar wortwörtlich: Die über einhundert niedlichen blauen Socken, die im Raum des „Matjö“ an Wäscheleinen hängen, beobachten uns nicht nur mit ihren Wackelaugen, sondern flüstern und raunen uns plötzlich auch aus verschiedenen Ecken des Raumes rätselhafte Sätze zu. Zum Glück geht es, wie der Künstler erklärt, weniger um etwas, das es zu entschlüsseln gilt, als um die Gefühle, die man dabei spürt. Seine Soundinstallation sei eine Art Objekttheater, bei der man selbst Teil des Stücks werde; wie bei einem guten Popsong könne man sich einfach hineinbegeben und erleben.

Sich hineinbegeben und erleben, das kann man auch bei Hyunji Seo. Sie lässt uns mit der Taschenlampe in der Hand einen dunklen Raum erkunden; aus dem Schwarz tauchen Pilze auf, wachsen auf dem Boden und hängen von der Decke, ein leicht modriger Geruch, oder ein Anflug von Wald liegt in der Luft. Die Pilze, die sich mit ihren Myzelien unterirdisch verflechten, bei denen die Grenzen zwischen Einzelnem und Gemeinschaft verschwimmen, sind der Ausgangspunkt für die von der Künstlerin erdachte Religion „Fungyo“ – zu der es, eingebunden in flauschiges Pilzleder, auch schon ein passendes Schriftstück gibt.

Hyunji Seo – Fungyo, 2026, mehrteilige Rauminstallation

Hyunji Seo gründet mit „Fungyo“ (2026) eine Pilzreligion

Einen Häuserblock weiter, in den Räumen am Heumarkt 14, blickt uns mit seinen kleinen schwarzen Äuglein ein schillernder Goldfisch aus seinem runden Fischtank entgegen. Das knapp 15-minütige Video, das hinter einer gewölbten runden Scheibe läuft, begleitet einen Züchter auf der Suche nach dem ultimativen Exemplar: Da wird der Fisch nach menschlichen Schönheitsvorstellungen in Tanks gesteckt, gekreuzt, selektiert und, wenn es sein muss, wieder ausgelöscht. Um der Frage nachzugehen, wie der perfekte Goldfisch der Zukunft aussehen könnte, nutzt Jiha Jeon außerdem eine Technik, die sich mit komplizierten Auswahlprozessen bestens auskennt: die Algorithmen Künstlicher Intelligenz. Seine virtuellen Kreuzungen der schönsten Tiere dokumentiert Jeon, um die seit Jahrhunderten von Menschen betriebene Selektion, Klassifikation und Neugenerierung quasi auf die Spitze zu treiben.

Künstliche Intelligenz, aber ohne Kitsch

Selbstverständlich gehört Künstliche Intelligenz längst zum Werkzeugrepertoire angehender Künstlerinnen und Künstler. Von dem KI-Kitsch, der die sozialen Medien in immer neuen Formen unterwandert, ist an der KHM aber keine Spur; im Gegenteil: Viele Arbeiten schauen sehr kritisch auf die Veränderungen, die man hier schon lange kannte und die spätestens jetzt auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Maja Funkes Videoessay „Dead Glitch“ untersucht etwa den Einsatz von algorithmischer Überwachung bei Grenzkontrollen an den EU-Außengrenzen. Und Joshua Gutowski setzte sich mithilfe von KI-Modellen mit den digitalen Archivbeständen des Museum Schnütgen auseinander. Entstanden sind 3D-Drucke seltsam bekannter, aber letztendlich namenloser Propheten.

Andere Arbeiten kehren den Algorithmen bewusst den Rücken und setzen stattdessen auf Technik-Nostalgie: Jannika Lösche inszeniert die alten Dias von Tauchexkursionen ihres Großvaters als Klanginstallation, in der die Leinwände zu Lautsprechern und die ratternden Geräusche der Diaprojektoren zum Retro-Soundtrack werden. Und bei Kamala Dubrovnik hören wir im einschläfernden Meditationssound Mantren wie: „Atmen Sie das Chaos tief ein. Lassen Sie die Panik sich im ganzen Körper ausweiten. Öffnen Sie sich für die Angst.“ Diese Albtraumsequenz ist Teil ihres „Weltraumradio Satinfunk“, das unter anderem das gemeinsame Hörerlebnis in den Mittelpunkt stellen will.

Blaue Socken mit Kulleraugen hängen an einer Leine

Die sprechenden blauen Socken von Johannes Hoffmann (2026)

In Assads Foltergefängnis

Sogar in der Überzahl sind die in diesem Jahr gezeigten Spiel-, Dokumentar- und vor allem Kurzfilme, die teilweise schon auf den Leinwänden großer internationaler Festivals liefen. Für seinen experimentellen Dokumentarfilm „If Only the Year Had 364 Days“ wurde der KHM-Student Almourad Aldeeb gerade beim Filmfest München mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. In 80 bedrückend langen Minuten verarbeitet er darin, was er als Inhaftierter in einem von Assads berüchtigten Foltergefängnissen in Damaskus erleben musste. Zehn Jahre nach der Befreiung kehrt er an die mit schrecklichen Erinnerungen behafteten Orte zurück, die er mit sicherem Abstand in statischen 16-mm-Filmaufnahmen dokumentiert. Als Erzähler gibt er selbst nicht nur seinen eigenen Erlebnissen, sondern vor allem seinen in Haft verstorbenen Freunden eine Stimme.

Ganz anders funktioniert Maximilian Karakatsanis’ Kölner Kurzfilm über einen U-Bahn-Fahrer, der unerwartet zum Werbegesicht der Verkehrsbetriebe, und damit plötzlich sichtbar wird. Selten hat jemand die graffitibeschmierten Wände der Kölner Bahnhaltestellen, die engen Tunnel der KVB oder die nächtlich leere Linie 18 so schön eingefangen. Dass der Film aber auch über diese hübsche Köln-Hommage hinaus herausragend ist, beweist die jüngste Einladung zum Slamdance Filmfestival nach Los Angeles.


KHM-Rundgang, Do.–So., 16.–19. Juli, 14–20 Uhr, Heumarkt 14 & Filzengraben 2, 50676 Köln.

Filmprogramme, Do.–So., 16.–19. Juli, 14–22 Uhr, Aula der KHM, Filzengraben 2, und Filmforum, Bischofsgartenstr. 1, 50667 Köln