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Kölner Chaos Orchester und Ensemble MusikfabrikKnarzende Besen, quietschende Fagotte

3 min
Uraufgeführt wurde auch „All that Dust“ von Komponistin Rebecca Saunders.

Uraufgeführt wurde auch „All that Dust“ von Komponistin Rebecca Saunders.

Experimentelle Klänge vom Kölner Chaos Orchester und dem Ensemble Musikfabrik im WDR.

Während sich das Publikum im Foyer unterhält, beginnen plötzlich einige Mundharmonika zu spielen. Schnell werden es mehr. Der Klang der kleinen Blasinstrumente schleicht dezent zwischen die Gespräche. Viele Besucher bemerken das zunächst gar nicht. Doch je mehr Harmonikas hinzukommen, desto mehr Besucher verstummen und achten auf die sanft ein- und ausschwingenden Akkorde. Schließlich entsteht eine konzentrierte Konzertsituation.

Die rund zwanzig Akteure bilden das im Frühjahr 2025 vom Ensemble Musikfabrik ins Leben gerufene und geleitete Kölner Chaos Orchesters (KCO). Hier treffen sich Menschen, egal ob erfahren oder neugierig, jung oder alt, um mit eigenen oder ihnen bis dato fremden Instrumenten Musik aufzuführen und zu improvisieren. Mitmachen kann jeder. Im WDR Funkhaus zieht das KCO nun mit den kleinen Wanderinstrumenten in den Großen Sendesaal und hinter sich her das Publikum, wo dann das eigentliche Programm beginnt.

Die Reihe „Musikfabrik im WDR“ gibt es seit 2003. Statt in Ensemblestärke war die Spitzenformation für neue Musik bei ihrem 95. Konzert ausschließlich mit Kammermusikwerken vom Solo bis zum Sextett zu erleben. Milica Djordjevićs „TRI“ kombinierte vom Schlagzeuger geschlagene Steine und geriebene Kacheln mit Metallplatten und Blechen. Demgegenüber wirkten Liegeklänge von Trompete und Bassklarinette als entbehrliche Zutat. Beliebig aufgepfropft wirkte auch der gedankliche Hintergrund des Stücks. Die aus Belgrad stammende Komponistin assoziierte die Steine mit dem in Serbien geplanten Abbau von Lithium und die Bleche mit Autos, deren Batterien Lithium benötigen. Musik darf sich jedem Thema widmen, sollte dieses dann aber auch aus sich selbst entwickeln und erfahrbar machen, statt es sich von außen überzustülpen.

Erstaunen weckte auch das aus der Zeit gefallene Streichquartett „Tikkun Olam“ der ebenfalls serbischen Komponistin Misha Cvijović. Die expressionistischen Kantilenen, zuckenden Gesten und differenzierten Spieltechniken klangen wie die freiatonale Musik der Zweiten Wiener Schule um 1910. Witzig im besten Sinne von gescheit, überraschend und lustig war dagegen „Metafagote“ von Felipe Lara für verstärktes Solofagott und sechs vorab aufgenommene Fagotte. Solistin Elise Jacoberger trat in einen vielstimmigen Dialog mit dem über Lautsprecher zugespielten Rudel, das wimmerte, hauchte, sirrte, ratterte, röhrte. Als wiederkehrendes Spaßelement quietschten die Zuspielfagotte wie aus Ballons entweichende Luft.

Camila Agostos Blechbläserquartett „Shimmer Furnace“ überlagerte eng beieinander liegende Töne zu sirrenden Schwebungen, die durch schnelle Dämpferwechsel auf den Doppeltrichterinstrumenten verstärkt wurden. Als Kontrapunk zu dieser akustischen Demonstration diente Schmatzen und Klappern der Trompete. Ebenfalls uraufgeführt wurde „All that Dust“ von Rebecca Saunders. Die größte Besetzung für Schlagzeug und Streichquintett ließ feinste Klänge wie Staub beharrlich rieseln, kriechen, sinken. Der Ruhe widersprachen nur die mit ganzem Arm wuchtig gegebenen Einsätze von Perkussionist Dirk Rothbrust sowie die aktionistischen Wechsel verschieden großer Besen, Bürsten und Ruten, die auf Paukenfellen jedoch allesamt das gleiche Knarzen hören ließen.