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Tenöre Christoph und Julian Prégardien„Wir begegnen uns auf Augenhöhe“

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Julian und Christoph Prégardien

Vater und Sohn: Christoph und Julian Prégardien, beide Tenöre.

Die Tenöre Christoph und Julian Prégardien gastieren in der Kölner Philharmonie. Vater und Sohn im Gespräch über ihre Beziehung und Vater-Sohn-Konstellationen in der Musik.

Am kommenden Montag singen Sie mal wieder gemeinsam in der Kölner Philharmonie. Mal wieder, weil es beileibe nicht Ihr erstes Vater-und-Sohn Programm ist. Jetzt spiegelt sich die Vater-Sohn-Konstellation freilich gleich auf zwei weiteren Ebenen: der der Komponisten und der Werke. Wie entstand dieses Projekt?

Christoph Prégardien: Wie Sie sagen, machen wir diese Vater-Sohn-Programme schon lange. Dabei liegen die Kompositionen für zwei Tenöre nicht gerade auf der Straße. Daher machen wir schon seit vielen Jahren Konzerte mit eigenen Bearbeitungen von Schubert-Liedern. Und natürlich haben wir auch nach Vater-Sohn-Konstellationen in der Literatur geforscht.

Julian Prégardien: Wir haben zum Beispiel ein Monteverdi-Pasticcio gemacht und auch den gesamten „Idomeneo“ konzertant – wir finden es spannend, unsere Stimmen im dramatischen Dialog und vielleicht auch im Konflikt zu hören.

Christoph Prégardien: Was jetzt neu hinzukommt im gemeinsamen Programm mit dem Freiburger Barockorchester und Kristian Bezuidenhout, das ist Mozarts komponierender Sohn Franz Xaver, der ein Dasein im Schatten seines übergroßen Vaters führen musste, den er nicht einmal kennenlernte, weil er erst 1791, im Todesjahr des Vaters, geboren wurde.

Julian Prégardien: Wir präsentieren im Konzert am Montag verschiedene Facetten seines sehr wenig bekannten Werks, das stilistisch zwischen Mozart Vater und Schubert angesiedelt ist. Auszüge aus einer Kantate, einem Klavierkonzert und ein Klavierlied.

Die Konstellation Wolfgang Amadeus und Franz Xaver Mozart hat glücklicherweise nichts mit Christoph und Julian Prégardien zu tun. Sie beide begegnen einander künstlerisch auf Augenhöhe. Empfinden Sie vielleicht sogar Mitleid mit Mozarts Sohn?

Julian Prégardien: Wir geben jemandem eine Stimme, der – und das mit dem Namen – keine mehr hat, aber nicht aus Mitleid. Mozart-Sohn hat tolle Musik geschrieben, auf die sich das Publikum wirklich freuen kann.

Christoph Prégardien: Der Mozart-Sohn hatte es unglaublich schwer, sich von diesem Vater zu emanzipieren. Sehen Sie: Auf den ersten Druckausgaben seiner Werke taucht sein Name Franz Xaver gar nicht auf. Da steht nur „Wolfgang Amadeus Mozart Sohn“. Nun ist es sicher ein großer Unterschied, ob du ein schaffender oder ein reproduzierender Künstler bist. Und ob man im 21. oder im frühen 19. Jahrhundert lebt. Julian und ich haben uns als Duo sehr früh und dann sozusagen „per aspera ad astra“ entwickelt. In seiner Jugend hatten auch wir unsere Probleme, aber es ist schön zu sehen, wie sich das in den vergangenen 15 Jahren zu einer großen Harmonie entwickelt hat.

Kommen wir noch mal zu dem dritten Vater-Sohn-Verhältnis, dem im „Idomeneo“. Mozart hat die ursprüngliche Kastratenpartie des Idamante mit Blick auf eine Wiener Neuaufführung für Tenor umgeschrieben – diese Fassung sieht also tatsächlich zwei zentrale Tenorpartien vor. Allerdings: Zusammen singen Sie beide auch in den in Köln erklingenden Auszügen nur in den Rezitativen.

Christoph Prégardien: Ja, das ist halt so. Es gibt Arien, aber keine Duette für Vater und Sohn. Doch die von beiden bestrittenen Accompagnati sind außerordentlich dramatisch und ergiebig, wunderbar komponiert, richtige Szenen. Und die werden Sie hören.

Erklingen wird auch Mozarts vielleicht schönstes Lied, die „Abendempfindung“. Das ist eigentlich ein Lied für eine Stimme, aber im Internet kann man hören, dass Sie es in einer Fassung für zwei Stimmen singen. Wird dadurch aber der ausgeprägt monologische Charakter der Komposition nicht „verraten“?

Christoph Prégardien: Keine Sorge, Sie werden an unserem Abend keine Duettfassung hören. Im Übrigen muss ich Ihnen ein Stück weit recht geben: Solche Bearbeitungen sind schön anzuhören, aber entsprechen nicht ganz dem „Geist“ der Komposition.

Wer von Ihnen singt das Lied?

Julian Prégardien: Mein Vater.

Christoph Prégardien: Es passt einfach besser zu einem älteren Herrn.

Die Dramaturgie des Abends ist ja insgesamt ausgefeilt und ungewöhnlich. Man fühlt sich an die sogenannte „Akademie“ des frühen 19. Jahrhunderts erinnert.

Julian Prégardien: Wir lassen zum Beispiel einen Satz aus einem Klavierkonzert von Mozart Sohn die Szene des Wiedersehens von Idomeneo und Idamante kommentieren. Und gleich darauf folgt die schon erwähnte „Abendempfindung“, die uns auf den nächsten Opernauszug vorbereitet. Solche abwechslungsreichen Programme waren im 19. Jahrhundert sehr üblich.

Jetzt doch noch mal zur Konstellation Christoph und Julian Prégardien. Der Sohn ist ja in diesem Fall nicht nur Sänger wie der Vater, sondern „fällt“ sogar in dessen Stimmfach, das des lyrischen Tenors. Woraus sich ergibt, dass Sie beide auch immer wieder das nämliche Repertoire aus Barock, Klassik und Romantik beackern. Ist diese Nähe dann nicht doch so groß, dass sie auch schmerzhafte Reibungen erzeugen könnte – wenngleich Ihre gemeinsamen Bühnenauftritte immer wieder den Eindruck einer herzlichen Verbundenheit erwecken?

Julian Prégardien: Grundsätzlich möchte ich dazu sagen, dass wir in einer viel zu kompetitiven Welt leben. Und das wird – nehmen Sie es bitte nicht persönlich – von Menschen aus der schreibenden Zunft noch befördert. Im „Kölner Stadt-Anzeiger“ stand nach meinem ersten Liederabend in der Philharmonie ein Artikel mit dem Titel „Der Apfel fällt doch weit vom Stamm“. Die Konflikte, die wir als Vater und Sohn hatten und haben, sind persönlicher Natur, es sind Konflikte, die alle Kinder mit ihren Eltern haben. Bei uns gibt es aber eine wunderbare, über allen Konflikten stehende harmonische Qualität – und das ganz große Glück, dass wir diese Musik teilen dürfen.

Christoph Prégardien: Wir wissen, das ist das Schöne an unserem Verhältnis, sehr wohl um das, was uns auf der Bühne und in unseren Interpretationen unterscheidet. Das kann gar nicht anders sein, denn große Kunst eröffnet ganz unterschiedliche, gleich-legitime Deutungsoptionen. Als Musiker lassen wir einander gelten, und als Menschen sind wir uns nah.

In der Tat, Julian ist Ihr Sohn, nicht Ihr Klon. Sie bestreiten ja auch gar nicht, dass Sie hier und da künstlerische Auffassungsunterschiede haben. Diskutieren Sie darüber? Sagt einer mal dem anderen: Weißt du, diese Phrasierung würde ich in dem Lied anders machen als du?

Christoph Prégardien: Das gab es in früherer Zeit – ich habe ja mit Julian ab und zu auch gearbeitet, wenngleich er nicht bei mir studiert hat. Und dann gab es natürlich unterschiedliche Ansichten. Inzwischen aber diskutieren wir über unsere Interpretationen gar nicht mehr – einfach, weil ich toll finde, was er macht. Und ich glaube, das beruht auf Gegenseitigkeit.

Julian Prégardien: Wir haben, denke ich, einen sehr klugen Weg gefunden, mit Kritik, die in einem so sensiblen Umfeld auch wehtun könnte, vorsichtig umzugehen. Wir diskutieren über Dinge wie Repertoireauswahl, auch über Logistik, aber immer äußerst zielorientiert und wollen unsere gemeinsame Zeit möglichst schön gestalten. Wo es Konflikte hätte geben können – wegen der Ähnlichkeit unserer stimmlichen Veranlagung, wegen der Überschneidungen im Repertoire –, haben wir der Individualität des jeweils anderen immer viel Raum gelassen.

Christoph Prégardien: Sie sagten eben, wir begegneten einander auf Augenhöhe. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. In vielen vergleichbaren Beziehungen ist das nicht so. Für mich ist das ein großes Glück, dass Julian sich so toll entwickelt hat.

Daran waren Sie ja nicht gerade unbeteiligt.

Christoph Prégardien: Gewisse Dinge sind ihm erst einmal leichter gefallen – weil er so hieß. Aber vieles war auch viel schwerer für ihn, weil er so hieß. Das darf man nicht verkennen.