Abo

Kölner PhilharmonieEinen solchen Rauschklang können nur die Wiener

3 min
Daniel Harding

Dirigent der Wiener Philharmoniker: Daniel Harding 

Die Wiener Philharmoniker zeigten in Köln unter der Leitung von Daniel Harding eine besonders eindrucksvolle Leistung.

Als Zugabe kam die leichte Muse dran – die im Fall des Strauß-Walzers „Rosen aus dem Süden“ ja auch unsterblich sein kann. Daniel Harding am Pult der Wiener Philharmoniker bei ihrem Gastauftritt in der Kölner Philharmonie ließ es übrigens keineswegs einfach laufen, sondern nahm das Stück in jeder Hinsicht ernst: seine Verzögerungen, seine Verschattungen, überhaupt die ganze Formdramaturgie in ihrer überwältigenden Detailfülle. Dass die Wiener diese Musik, ihren Festglanz und ihre Melancholie im Blut haben, versteht sich nahezu von selbst. Solchermaßen wuchs ihr eine höhere körperhafte Dringlichkeit zu, die beim zu Recht begeisterten Publikum vielleicht hier und da das Tanzbein jucken machte. Kölnjahreszeitlich bedingt durfte man in der Tat schon sagen: Das war kein Nachklang von Neujahr, sondern ein Vorklang auf den Karneval.

Ein Vorklang auf den Karneval

Nicht karnevalistisch, aber doch irgendwie crazy war die Folge des Hauptprogramms gewesen. Was hat Haydns 49. Sinfonie („La passione“) zwischen den Sinfonischen Dichtungen des anderen Strauss, „Don Juan“ und „Don Quixote“, zu suchen, gibt es da irgendeine übergeordnete Verbindung? Dass das ein heftiger Bruch ist, wurde allein äußerlich beim Auszug eines Großteils der Musiker vor dem Haydn sichtbar. Die Formation schrumpfte zum Kammerorchester mit immer noch relativ stark besetzten Streichern, aber eben nur vier und meist koloristisch agierenden Bläsern. Was das sollte? Vielleicht wollte man genau dies demonstrieren: dass man in spätromantischer Opulenz genauso sattelfest ist wie beim extremen Gegenteil, auf der klanglichen Magerstufe der Vorklassik.

Das gelang immerhin vorzüglich. Um mit der Sinfonie zu beginnen: Harding schaffte es mit den Seinen, in jedem Takt zu vermitteln, dass es sich bei diesem düsteren f-Moll-Werk um bedeutende Musik handelt – um ein feuerwerkgleich abbrennendes Drama mit Stockungen und Abbrüchen, einem gehetzten Agitato im auch räumlich realisierten Gegeneinander von ersten und zweiten Violinen. Zugleich kam der hochentwickelte Charme der langsamen Sätze gut heraus. Auch der frühe bis mittlere Haydn schreibt bereits – das wurde eindrucksvoll vorgeführt – schöne, kantable, zu Herzen gehenden Melodien.

Zum Heulen schön

Eine in hohem Maß kontrastive Ausdruckswelt, hier zwischen ekstatischem Aufbruch und resignativer Erschöpfung, hatte bereits „Don Juan“ vermittelt. Für die Produktion eines intern freilich reich gegliederten narkotisierenden Rauschklanges sind die Wiener in sämtlichen Belangen nach wie vor so gut wie kaum ein anderes Spitzenorchester. Tatsächlich wirkt der Sound – was diesmal zweifellos auch Hardings Geschick der wirkungsvollen Pointierung geschuldet war – auch bei größter Fülle nie bräsig, einfach lärmend. Ein Beispiel dafür: die nervenkontrapunktischen Themenschichtungen in der Durchführung, die man staunenswert deutlich hören konnte. Und die quälenden Steigerungen, das exzellente Auflaufen des Apparats zum Spannungsakkord vor der Generalpause, die emphatischen Sextaufschwünge in den Seitenthemen – das kann man eindringlicher kaum hinstellen.

Die „Don Quixote“-Variationen vermochten die Höhe dieser Schlüssigkeit und Stringenz nicht ganz zu halten. Wobei freilich der Eindruck eines gelegentlichen Auseinanderfallens in schöne Einzelheiten auch dem Charakter der Komposition geschuldet sein mag. Es gab zudem ganz leichte Koordinationsmängel zwischen den sehr guten, wenn auch in der Performance nicht spektakulären Solisten Tobias Lea (Bratsche) und Peter Somodari (Cello). Der elegische Todesmonolog des traurigen, am Ende zur Räson gebrachten Ritters war dann allerdings in jeder Hinsicht zum Heulen schön.