Das Klavierduo Lucas und Arthur Jussen gastierte mit zwei Schlagzeugern in der Kölner Philharmonie.
Lucas und Arthur Jussen in KölnKlassik mit der Antriebskraft des Jazz

Das Klavierduo Lucas und Arthur Jussen spielte in der Kölner Philharmonie.
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Der Rhythmus steckt den Brüdern Lucas und Arthur Jussen vermutlich schon in den Genen: Der Vater des gefeierten Klavierduos ist Pauker in der niederländischen Radio-Philharmonie. Als Oberinstanz in Sachen Rhythmus wurde er nun aber bei den Söhnen durch zwei Kollegen verdrängt, wie Arthur freimütig (und vermutlich nicht zur reinen Freude des Papas) bekannte. Die beiden sind derzeit auf Tour mit den Schlagzeugern Alexej Gerassimez und Emil Kuyumcuyan; das Meisterkonzert in der Philharmonie war der Startschuss, weitere 14 Auftritte folgen.
Im Programm des abwechselnd und ausgesprochen launig moderierten Abends überwogen die Bearbeitungen gegenüber den Originalwerken; das verwundert ebenso wenig wie der starke US-amerikanische Anteil: Klavier und Schlagzeug – da steht natürlich immer der Jazz im Hintergrund, der in etlichen der gebotenen Stücke denn auch markant eingeschlagen hatte. Mit Duke Ellingtons „Brasilliance“ heizte das Quartett den Saal schon zu Beginn mächtig auf; Stücke von Steve Reich („Quartet“) und Paul Lansky („Textures“) kühlten die Temperatur danach wieder leicht herunter. Hier wirkte weniger die Antriebskraft des Jazz als ein ins Globale geweiteter Ethno-Einfluss, der sich überwiegend in Lateinamerika und Asien verorten ließ.
Auf dem Kölner Podium stand die komplette Schießbude bereit
Auf dem Podium stand die komplette Schießbude bereit, aber zum Einsatz kamen vor allem Marimbaphon und Vibraphon, also gewissermaßen die melodische Abteilung des Schlagzeugs. Das Quartett musizierte zwar durchgehend auf einem hohen Energielevel, zeigte aber auch viel Sinn für die Wirkung des Sanften und Kreisenden. Es war ein gut austariertes Spiel minimalistischer Patterns und Formeln, dem man in einer sehr angenehmen Verbindung von Anregung und Beruhigung zuhörte.
Zurück auf den Highway ging es dann in John Adams’ furiosem „Short Ride in a Fast Machine“, den Arthur Jussen mit der Bemerkung ankündigte, man hoffe nicht nur gemeinsam zu starten, sondern auch gemeinsam zu enden. Das war natürlich reines Understatement: Hier wie überall gelang das Zusammenspiel von Pianisten und Perkussionisten bis in die kleinste Verästelung hinein mit atemberaubender Präzision.
Zwischendurch gab es auch Alleingänge: Bei Maurice Ravels „La Valse“ blieben die Pianisten unter sich; die Apotheose (oder Apokalypse?) des Wiener Walzers bezwang nicht nur durch ihren tänzerischen Flow und eine perfekt abgestimmte Agogik; auch das Schimmernde, Moussierende der originalen Orchesterfassung war bestens erfasst. Die Schlagzeuger hoben ihrerseits ein neues Stück von Alexej Gerassimez aus der Taufe: In „Beyond Stickability“ kamen neben Trommeln und Kesselpauke auch Aufziehfiguren zum Einsatz, die auf den Membranen tanzten. Das Stück bestach eher durch Witz und bizarre Einfälle als durch seine musikalische Dramaturgie – immerhin sorgte es im Saal für viel gute Laune.
Mit den Sinfonischen Tänzen aus Leonard Bernsteins „West Side Story“ bog das Quartett auf die Zielgerade, setzte Mambo, Cha-cha und Rumble punktgenau auf die Kette und fand dabei auch Muße für die feineren lyrischen Qualitäten der Musik. Das Publikum feierte die vier mit Standing Ovations und wurde zum Schluss noch mit einem Titel belohnt, der im Grunde das Motto des gesamten Abends war: Gershwins „I Got Rhythm“. Wer hätte da widersprechen wollen?

