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Roman Borisov in KölnGelassene Souveränität, gelegentlich schalkhaft

3 min
Roman Borisov lehnt an einem Klavier.

Roman Borisov gastierte in der Kölner Philharmonie

Bei seinem Kölner Konzert zeigte Roman Borisov eindrucksvoll, warum er eine der großen Hoffnungen der aktuellen Klavierszene ist.

Roman Borisov mutete sich anlässlich seines Debüts in der Kölner Philharmonie – im diesjährigen Hans-Imhoff-Konzert der „Piano“-Reihe – mit Schumanns „Humoreske“ und Rachmaninows zweiter Klaviersonate gleich zwei Riesenwerke zu, die nicht nur herausragende klavieristische Fähigkeiten und entschiedenen Durchhaltewillen verlangen. Vielmehr ist hier das Vermögen unerlässlich, jeweils eine dramaturgisch konzise Einheit hinzustellen, also Unterschiedlichstes so zu integrieren, dass die Performance nicht zur Reihung von Einzelheiten verkommt.

Wobei das bei Schumann möglicherweise noch schwerer ist als bei Rachmaninow, der sich immerhin, wenn auch frei, an der Sonatentradition orientiert – während sich der andere seine Form und ihre Notwendigkeit erst schafft, jenseits von Sonate, Fantasie und Variationen. Nicht zuletzt gibt es da eine – in der Partitur ausgewiesene – „innere Stimme“, die als solche unhörbar bleibt, es sei denn als nachschlagende in der rechten Hand. Hart gesagt: Die Komposition verfehlt programmatisch ihr eigentliches Zentrum – das anwesend als abwesendes ist. Das hat selbstredend viel mit Humor und Ironie nach romantischem Verständnis zu tun, wie es Schumann sein poetischer Gewährsmann Jean Paul nahegebracht hatte.

Borisov leuchtete bei Schuman, das beherrschende Motiv subtil aus

Der Pianist muss das vielleicht gar nicht mal so genau wissen, um doch eine inspirierte, poetische, romantische Werkinterpretation hinstellen zu können. Das war hier in hohem Maße der Fall. Sie wies den 22-jährigen Russen, der 2022 den ersten Preis beim Bad Kissinger Klavierolymp gewann und seit jenem Jahr in Berlin lebt (wo er noch an der Musikhochschule studiert), als eine der großen Hoffnungen der aktuellen jungen Klavierszene aus.

Da wurde, bei Schumann, das beherrschende Terzraummotiv subtil ausgeleuchtet, da gab es überhaupt ein Hin und Her der Beziehungen, das die emphatischen Intervallspannungen der musikalischen Lyrik genauso wie die skurrilen Widerborstigkeiten, das irrlichternde Huschen wie die große imperiale Geste magistral überspannte. Nicht als Berserker (obwohl der Flügel schon gefordert wurde), nicht als mechanischer Abwickler, sondern als Poet am Klavier mit großer Übersicht erwies sich Borisov auch bei Rachmaninow. Dort ließ er die Seitenthemen angemessen schmachten, wahrte aber stets die Stilnoblesse. Und es setzte ein Schlendern, ein Aus-der-Zeit-Kippen und ein nahezu quälendes Insistieren und Repetieren, das zeigte: Das Klischee des gehobenen Wellness-Komponisten gedachte der Gast keineswegs zu bedienen.

Die beiden Hauptwerke wurden kontrastiv von Miniaturen begleitet: Los ging es mit drei bemerkenswert modern-atonalen Präludien der Amerikanerin Ruth Crawford Seeger (1901–1953), in deren drittem Borisov seine Hände in faszinierend gegensätzliche Klangwelten schickte – mit ätherischer Celesta-Anmutung in der rechten. Vor dem Rachmaninow erklangen Mendelssohns sechs „Lieder ohne Worte“ opus 67 – zahmere Romantik als diejenige Schumanns, die man aber auch in den Sand setzen kann, wenn man nicht das richtige Verhältnis von Singstimme und Begleitung findet, von Ausfahrt und erinnernder Wiederkehr. Auch das gelang hier mit bemerkenswert vielseitiger Ton- und Farbgebung.

Die Zugabe, Leopold Godowskys das Original erheblich erschwerende Bearbeitung einer Chopin’schen Mazurka-Etüde, stellte dann mit gelassener Souveränität, aber doch auch nachdrücklich noch einmal Borisovs Virtuosen-Anspruch in den Raum. Den erhebt er nämlich durchaus, trotz der – gelegentlich schalkhaften – Auftrittsbescheidenheit.