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Kölner Fotografie-AusstellungDringend gesucht: Bilder gegen ethnologische Klischees

3 min
Eine Frau umarmt einen Jungen.

Aus dem Fotobuch „When I feel so blue“ von Prova Noorjahan Nizamy

Das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum will mit Fotobüchern Gegenbilder zur eigenen Sammlung schaffen. Das gelingt mit „First Pages“ nur mäßig.

Äußerlich hat sich das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum kaum verändert, seit Nanette Snoep 2019 die Amtsgeschäfte als Direktorin übernahm. Inhaltlich hat Snoep das ethnologische Museum hingegen konsequent umgebaut – bis in die Sammlungspräsentation hinein, die dem Europarat vor gerade einmal elf Jahren noch preiswürdig erschienen war. So stößt man dort jetzt regelmäßig auf hölzerne Stellwände, auf denen Künstler „Gegenbilder“ zu den lange üblichen Präsentationsformen entlegener Völker im Museum zeigen.

Mit der Reihe „Gegenbilder“ will Nanette Snoep das Museum beleben

Aber das ist nur ein Baustein im Snoeps Entwurf eines neuen ethnologischen Museums, das sich seinem Publikum gegenüber weniger autoritär und wissend zeigt. Das neue RJM ist an einem regen Austausch interessiert, es soll sich der Lebenserfahrung der Menschen öffnen und, etwas pathetisch formuliert, dadurch selbst lebendig werden.

Doch wie viel Leben verträgt etwa die museumseigene Bibliothek, bevor sie ihren Wesenskern verliert? Unter dem Titel „Gegenbilder: First Pages“ ist dort jetzt eine Präsentation von mehr als 40 Fotobuch-Prototypen („Dummys“) zu sehen, die in den letzten Jahren in der gemeinsamen Fotobuchklasse der Hochschule Hannover und der TU Dortmund entstanden sind. Die Unikate liegen auf Tischen aus und warten darauf, in aller Ruhe durchgeblättert zu werden. Wobei Ruhe gerade nicht das Ziel der Ausstellung ist; im RJM soll ein weiterer Raum für Dialog entstehen.

Malte Uchtmann erkundet die Ästhetik deutscher Flüchtlingsunterkünfte

Da werden sich die anderen Bibliotheksbesucher aber bedanken, sollten auf Austausch gepolte Menschen in nennenswerten Mengen kommen. Allzu groß ist die Gefahr aber wohl nicht; die mutmaßliche Zielgruppe lässt sich eher auf Instagram bedienen. Dabei hat die „Dummy“-Schau mehr zu bieten als Einblicke in die Welt akademischer Übungen – beispielsweise den Gewinner des Fotobuchpreises 2021 für ein studentisches Projekt.

Malte Uchtmanns „Dummy“ von „Ankommen“, einer mit bürokratischen Schriftsachen angereicherten Fotoreportage über die Architektur deutscher Flüchtlingsunterkünfte, liegt praktischerweise griffbereit am ersten Tisch aus. Gleich daneben reiht Tim Wagner in „Mare Nostrum“ Meeres- und Wellenbilder aneinander, die ihre Harmlosigkeit verlieren, sobald man versteht, dass sie vom „Verschwinden“ der Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer erzählen – jede Aufnahme ist ein Grabstein. Und bei Lukas J. Herbes geht es um den „Emslandplan“, der dem strukturschwachen Landkreis den Anschluss ans Wirtschaftswunder sichern sollte; allein die moderne Ruinenästhetik der aufgegebenen Transrapid-Teststrecke wäre eine Veröffentlichung wert.

Mit Ethnologie im engeren Sinn hat das alles eher wenig zu tun, wie man überhaupt sagen muss, dass die inhaltliche Verbindung dieser „Gegenbilder“ zum Ort der Präsentation etwas dünn ist. Lucia Halder, Leiterin der Fotografischen Sammlung am RJM, spricht davon, mit gegenwärtigen, diversen und persönlichen Geschichten ein Gegengewicht zur eher empathielosen Ästhetik historischer ethnografischer Aufnahmen schaffen zu wollen. Aber dies wäre auch mit jeder anderen, mehr oder weniger zufällig zusammengestellten Auswahl aktueller Fotobücher möglich.

Ausnahmen bestätigen hier die Regel. So erzählt Somaya Abdelrahman von der grausamen kulturellen Praxis der „Genitalbeschneidung“ in Ägypten, und Elias Holzknechts Bilder eines Tiroler Einsiedlers sind eine beinahe klassische ethnologische Erkundung – nur eben des Fremden im Eigenen. Gleiches gilt für Tatsiana Tkachovas Aufnahmen ihrer Mutter und deren Leben in einem belarussischen Dorf: „Motherland“ ist eine Liebeserklärung und zugleich eine erstaunlich distanzierte Forschungsreise ins eigene Heimatgefühl.

„Gegenbilder: First Pages“, Rautenstrauch-Joest-Museum, Cäcilienstr. 29-33, Köln, Di.-So. 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr, bis 11. Juni 2023.