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Kölner Jugendliche im TheaterDie Welt ist am Arsch – aber alles wird gut

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Neun Jugendliche spielen in "Bist Du solidarisch oder bist du ein Arschloch?" im Rahmen des Sommerblut-Festivals

In „Bist Du solidarisch, oder bist Du ein Arschloch?“ suchen neun Jugendliche nach der Hoffnung. Premiere ist am Freitag im Bauturm. 

Jetzt muss Heinz Simon Keller doch mal streng werden. Es sind nur noch drei Wochen bis zur Premiere und drei Schülerinnen – sie sind mitten in der Abiturvorbereitung – kommen zu spät zur Probe. „Wir sind noch überhaupt nicht weit“, klagt der Regisseur. „Ihr werdet nervös werden, ihr werdet zittern“, beschwört er den Ernst der Lage. Noch wirken die neun Jugendlichen, die hier im Halbkreis sitzen, wenig nervös. Aber auch alles andere als apathisch. Man spürt: Sie haben etwas zu sagen und wollen das auch. Das, was bereits in den Textheften, die sie in den Händen halten, fixiert ist. Und noch so einiges mehr.

„Bist Du solidarisch, oder bist Du ein Arschloch?“, heißt der Abend, den Heinz Simon Keller im Proberaum der Comedia mit den jungen Laienspielerinnen und -spielern gemeinsam erarbeitet. Premiere ist an diesem Freitag, dem 22. Mai, im Bauturm-Theater. Das Zitat von Heidi Reichinnek ist längst zum geflügelten Wort geworden. Solidarität, sagt die polarisierende „Die Linke“-Politikerin, ist alles, worauf es ankommt. Wie reich oder wie alt man ist, das sei egal. Nun kann man endlos darüber streiten, was das eigentlich heißen soll, „solidarisch“? Was das beinhaltet. Und wie man den scheinbar verloren gegangenen Gemeinsinn neu erlernen kann.

Das wahre Problem ist, dass ihr Euch nichts Besseres vorstellen könnt. Ihr denkt doch nur an Euch selber.
Darstellerin Sara Wiefering

Es geht also auch darum, wie wir zusammen, oder besser gesagt: miteinander, leben wollen, es geht um die Zukunft. Die wird bekanntlich nur noch in düsteren Farben gemalt, alles ist Dys- nichts Utopie. Oder sehen das nur die Altvorderen so? Da kommt dann doch das Alter ins Spiel. Der Konflikt zwischen einer Generation, in deren Leben es stetig aufwärts ging, und einer (eigentlich sind es inzwischen schon drei Generationen), deren Aussichten alles andere als rosig sind.

„Das wahre Problem ist nicht, dass es uns nicht gut ginge oder in Zukunft schlechter gehen könnte“, sagt Sara Wiefering zu Matthias Lühn. Der muss, als einer von zwei Profi-Akteuren auf der Bühne, den erwachsenen Widerpart zum Zorn der Jungen geben. „Das wahre Problem ist, dass ihr Euch nichts Besseres vorstellen könnt. Ihr denkt doch nur an Euch selber.“

Neun Jugendliche spielen in "Bist Du solidarisch oder bist Du ein Arschloch?" im Rahmen des Sommerblut-Festivals

Dann bricht der gesamte Stuhlkreis, live von Konstantin Fahrner an Gitarre und Elektronik begleitet, in Gesang aus: „Alles wird gut, die Menschen sind schlecht und die Welt ist am Arsch. Aber alles wird gut.“ „Mehr, gibt mehr“, ermutigt die Theaterpädagogin Anna-Maria Suckow. „Sitzt aktiver, es geht nicht darum, abzuhängen.“ An diesem Nachmittag wird vor allem der Durchlauf geprobt, aber auch der verlangt nach Leidenschaft. Kein Problem: Die Jugendlichen setzen noch einmal neu an, jetzt singen sie unisono. Gemeinsam kann Wut etwas erreichen.

Ein Vogelschrei unterbricht das Lied. Den hat Susanne Seuffert ausgestoßen, die zweite Berufsschauspielerin im Ensemble. Sie spielt das wirr redende Orakel von Delphi, sie spricht in Rätseln: „Ich bin wertvoller als Gold, aber kaufen kann man mich nicht.“ Es ist, um es kurz zu machen, das Vertrauen: schwer zu gewinnen, leicht zu verlieren. Matthias Lühn interpretiert das Orakel nach Boomer-Art: „Das ist wie im Kapitalismus. Wir brauchen einen Mehrwert, wenn wir solidarisch sein wollen.“ Das bringt Sam Ostmann auf die Palme: „Wir wollen doch weg vom Egoismus und nicht die Solidarität in dieses kaputte System einbauen.“ „Du bist das Problem“, pflichtet ihr Toni Alfeo bei, „du hörst uns nicht zu!“

Dann bricht sich der ganze Frust der Jungen Bahn

Der Abend findet im Rahmen des Sommerblut-Festivals statt. Das hat es sich zur Aufgabe gemacht, gerade Menschen, die sonst nie gehört werden, eine Stimme zu geben. Menschen mit Behinderung, Inhaftierte, Kriegsinvaliden, Geflüchtete, Aidskranke. Dass man sich auch als Jugendlicher in Deutschland als Teil der ungehörten Minderheiten der Mehrheitsgesellschaft fühlt, ist keine schöne Beobachtung. Aber leider korrekt.

Immerhin, das Orakel hört zu, will wissen, woran die jungen Menschen glauben. Die Antworten sollen improvisiert sein. Aber wie das mit geforderter Spontanität so ist, es klappt erst im zweiten Anlauf: „Ich glaube an das Karma“, sagt endlich eine. Das wäre ja schon ein bisschen doof“, kritisiert ein anderer. „Wenn ich auf mein Handy gucke und dann vom Auto überfahren werde, ist das doch kein Schicksal, sondern meine eigene Dummheit.“ Ein Dritter glaubt an Allah. Ein Vierter an seine Familie und die Liebe, die sie ihm gibt. Eine Fünfte glaubt an das Gute im Menschen, trotz allem.

Doch dann bricht sich der ganze Frust der Jungen Bahn. Der Frust über ein Schulsystem, das einen unter Druck setzt und allzu schnelle Urteile fällt. Über ein System, das nur Fließbandideen und Fließbandbabys produzieren will: „Wir kaufen, wir scrollen, wir lachen, wir sind perfekt konditioniert“, schreit Mila Giese heraus.

„Ich schaue raus in die Welt und sehe nur noch Konflikte, Krieg, überall“, klagt Iustin Gavril. „Es fühlt sich an, als gäbe es keinen Ort mehr, an dem man einfach in Ruhe leben kann. Immer ist da diese Grundangst. Was, wenn es morgen auch hier passiert?“ Da hilft selbst das vom Orakel beschworene Vertrauen nicht mehr. „Wenn ich einfach nur vertraue“, sagt ein Mädchen, „ist das Problem, dass ich zu viel vertraue. Dass ich Dinge in Menschen sehe, die nicht da sind, und ich am Ende noch mehr verletzt bin, wenn dieses Vertrauen gebrochen wird.“

Man könnte verzweifeln. Am Ende bleibt dennoch Platz für Wünsche, für Utopien. „Ich wünsche mir, dass man in Zukunft akzeptiert wird, wie man ist, und nicht wegen seiner Sexualität verfolgt wird“, sagt einer. „Ich wünsche mir“, sagt eine andere, „alles noch einmal neu zu lernen. Nicht nur die Dinge zu hinterfragen, sondern auch in die Tat umzusetzen.“ „Jeweils nur ein, zwei Sätze“, mahnt Heinz Simon Keller. Die Jugendlichen protestieren. Sie wünschen sich mehr Raum für ihre Wünsche. „Es gibt sie, die Hoffnung, die Utopie“, spricht Konstantin Fahrner, der Musiker, schließlich ins Mikro: „Die wollen, dass wir verzweifeln. Die haben Angst vor uns, weil die wissen, dass wir zu großen Veränderungen in der Lage sind.“

Termine: „Bist Du solidarisch, oder bist Du ein Arschloch?“ ist am 22., 23., 30. und 31. Mai im Theater im Bauturm zu sehen. Tickets gibt es hier.