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„Sommerblut“-Eine Generation zeigt Widerstandskraft

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Szene aus der Theaterprobe des Jugend-Projekts „Generation Widerstand“ im Comedia-Theater.

Szene aus der Theaterprobe des inklusiven Jugend-Projekts „Generation Widerstand“ im Comedia-Theater.

Elf Kölner Jugendliche führen am 21. Mai im Rahmen des Sommerblut-Festivals ein selbst inszeniertes, inklusives Theaterstück auf. 

Es beginnt mit einem abschätzigen Blick, der sich ins Gedächtnis brennt, einem leeren Platz neben einer Mitschülerin, die auch privat niemand einlädt, mit Lästereien auf dem Pausenhof über den Körper einer großgewachsenen Teenagerin – und endet in Whatsapp-Gruppen, in denen ein Mädchen gegen ihren Willen geoutet wird, in sexuellen Übergriffen in der Bahn oder körperlicher Gewalt auf dem Nachhauseweg:

Ausgrenzung hat viele Facetten, die häufig keine sichtbaren Wunden hinterlässt – aber seelische Narben, die jungen Menschen tiefgreifend schaden, ihre Entwicklungschancen massiv einschränken und langfristig zu Depressionen, Angststörungen und sozialer Isolation führen können. Betroffene ziehen sich zurück, ihre sozialen Fähigkeiten verkümmern, ihre schulischen Leistungen sinken.

Worte, die schlimmer schmerzen als Schläge

Neurologen haben längst nachgewiesen: Wenn ein Mensch sozial ausgegrenzt wird, aktiviert sein Gehirn exakt dieselben neuronalen Netzwerke wie bei körperlichem Schmerz. Dass gekränkt und ignoriert zu werden, das Gefühl zu haben, nicht dazuzugehören, fruchtbar weh tut, dass zeigen die elf jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des von „wir helfen“ geförderten inklusiven „Sommerblut“-Theaterprojekts „Generation Widerstand“ bei einer ihrer letzten Proben sehr eindringlich. Und mitfühlbar.

Ein junger Dasrsteller liegtr hilflos auf dem Boden, seine Mitschüler stehen in der Gruppe um ihn herum und ignorieren ihn.

Von der Gruppe ignoriert.

Wenn sie etwa ziellos und mit voneinander abgewandtem Blick umherirren, ignorieren, wenn eine „Mitmensch“ stöhnend zu Boden fällt, wenn sie ihre selbst verfassten Texte vorlesen – über das schmerzhafte Outing einer Mitschülerin, den sozialen Neid im Klassenverbund, Mobbing oder über andere Formen der Ausgrenzung, dann lassen sie ihre Zuschauerinnen und Zuschauer den dadurch erzeugten Schmerz hautnah miterleben.

Elf Kölner Jugendliche zeigen ihre Arbeit beim Sommerblut-Festival

Seit Februar arbeiten die elf jungen Darstellerinnen und Darsteller – mit sehr unterschiedlichen Herkünften, Bildungsständen, mit und ohne körperliche Einschränkung – in wöchentlichen Workshops gemeinsam mit dem Schauspieler Andreas Strigl und der Theaterpädagogin Anthea Heyner an etwas, das wesentlich größer ist als „nur“ eine Theaterperformance: Sie erproben ihre eigene Widerstandsfähigkeit. Ihre Sichtbarkeit. Und die ihrer Generation.

Am 21. Mai werden sie ihre Ergebnisse im Rahmen des Sommerblut-Festivals auf die Bühne des Comedia-Theaters bringen. Zuvor nutzen sie im geschützten Raum die Mittel von Theater, Tanz, Text und Musik, um ihren Meinungen und Erfahrungen eine Ausdrucksform zu geben. Gemeinsam gehen sie auf kreative Art und Weise den vielen Fragen nach, die alle jungen Menschen betreffen: Wie fühlt sich Ausgrenzung an – und was macht sie mit ihnen? Wie kann Widerstand aussehen, der stärkt? Und wie finden Jugendliche die Kraft dazu und neue Perspektiven?

Theater öffnet zuvor vorschlossene Jugendliche und verbindet sie

„Wir erleben es in jeder Probe: Theaterspielen bewirkt, dass sich die jungen Menschen, die vorab zum Teil sehr in sich verschlossen waren mit all ihren Problemen, allmählich öffnen, Vertrauen entwickeln in sich und zu den anderen und zu einer tollen Gemeinschaft zusammenwachsen“, sagt Andreas Strigl.

In unserer Performance geht es um Diskriminierung, Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Mobbing. Leider wird all das von vielen Gleichaltrigen kaum noch thematisiert, obwohl es täglich auch in unserem Umfeld passiert
Raphael, 17, Teilnehmer von „Generation Widerstand“

Raphael ist 17 und sichtlich stolz, Teil der kreativen Gruppe zu sein: „Ich finde es prima, bei einem Projekt mitzuwirken, das wichtige Themen, die unsere Generation betreffen, öffentlich macht. Es geht um Diskriminierung, Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Mobbing. Leider wird all das von vielen Gleichaltrigen kaum noch thematisiert, obwohl es täglich auch in unserem Umfeld passiert“ , sagt Raphael – und die 14-Jährige Lisa ergänzt: „Und wenn es mal Thema ist, werden die Meinungen dazu immer radikaler.“ Wissenschaftliche Studien geben Lisa recht: Anhaltende Ausgrenzungserfahrungen können die Anfälligkeit für Radikalisierung nachweislich erhöhen.

So viele junge Menschen sind von sozialer Ausgrenzung betroffen

Wie viele junge Menschen von Ausgrenzung betroffen sind, zeigt unter anderem die „Aida“-Studie des Deutschen Jugendinstituts, die erstmals repräsentative Daten zu Diskriminierungserfahrungen von Jugendlichen in Deutschland erhoben hat. Die Ergebnisse erschüttern: Unter den 12- bis 25-jährigen Befragten mit Migrationshintergrund berichten knapp 30 Prozent davon, häufig diskriminiert zu werden. Jugendliche, die in Haushalten mit wenig finanziellen Ressourcen aufwachsen, sind ebenfalls zu 30 Prozent betroffen – behinderte oder beeinträchtigte Jungen und Mädchen sogar zu 41 Prozent.

Drei von elf Darstellerinnen des Theatarprojekts Generation Widerstand bei einer der letzten Proben im Comedia Theater.

Dass der Ton auf Schulhöfen furchtbar entgleisen kann, haben die elf Jugendlichen in einer Szene ausgearbeitet, in der sie in Gruppen zusammenstehen und tuscheln, während eine Mitspielerin alleine, weit abseits steht. „Was, die ist lesbisch? Wie ekelig. Früher wäre so etwas verbrannt worden. Und ich habe drei Jahre lang dieselbe Umkleide mit ihr geteilt.“ Worte, die wie Schläge treffen und die für viele queere Jugendliche bittere Realität sind. Laut „Aida“-Studie hat mehr als jeder vierte junge Mensch von ihnen Mobbing erlebt, mehr als jeder dritte Gewalt.

Perfide Dynamiken auf dem Schulhof

Die Teilnehmenden erzählen von weiteren Szenen der Ausgrenzung und Diskriminierung, die sie beinahe täglich erleben – ausgerechnet dort, wo sie den Großteil ihres Tages verbringen: in der Schule, aber auch jenseits des Pausenhofs. Da werfen Mittelstufen-Schüler Geld auf den Boden, und wenn es jemand aufhebt, beschimpfen sie die Person als gierigen Juden. Da müssen Teenagerinnen Angst haben, sobald sie vor die Türe gehen, weil sie in der Bahn von älteren Männern begrapscht werden und Bemerkungen über ihren Körper hören, die weit unter die Gürtellinie gehen. Da wird eine kurdisch-stämmige Mitschülerin regelmäßig nicht mit ihrem Namen sondern als „Du Landlose“ – und damit als eine, die nicht dazu gehört – angesprochen. Und andere schlimme Dinge mehr.

„Das Perfide daran: Die mobbende Gruppe, die meist in der Mehrheit ist, nimmt für sich in Anspruch, recht zu haben und besser zu sein. Was bei der gemobbten Person den Eindruck erweckt, vermeintlich falsch und selbst schuld zu sein. Diese Dynamik zu durchbrechen, sich gegen die Gruppe zu stellen und die Betroffenen zu verteidigen, ist enormwichtig, braucht aber jede Menge Kraft und Mut“, sagt die Maya, 18.

Aus etwas Schrecklichem etwas Schönes machen

In der Gemeinschaft des Theaterprojekts, das von der Sängerin und Lehrerin Miriam Küpper begleitet wird, wächst genau dieser Mut. Denn es geht nicht um Perfektion, sondern um Empowerment. „Die Teilnehmenden sollen von der Ohnmacht zurück in die Handlungsfähigkeit kommen. Das zeigt allein schon der schöne Titel Widerstand. Dahinter verbirgt sich nämlich zweierlei: Widerstandsfähigkeit und Resilienz, also die Fähigkeit, aus etwas Schrecklichem etwas Schönes zu machen und Widerstand im Sinne von: Eine Generation wehrt sich gegen das Bild, das von ihr herrscht“, sagt Küpper. Und Sommerblut-Intendant Rolf Emmerich verspricht seinen Gästen: „Was auf der Bühne gezeigt wird, ist mehr als Theater – es ist der Moment, in dem individuelle Verletzlichkeit in kollektive Sichtbarkeit umschlägt.“ Mal laut, mal leise, aber immer radikal ehrlich.

„Generation Widerstand“ ist am 21. Mai, um 18.30 und um 21 Uhr im Comedia Theater, Vondelstraße 4-8, in 50677 Köln zu sehen. Tickets gibt es hier>>