LSBTIQ*„Liebe bedeutet so viel mehr“

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13 jugendliche Multiplikatorinnen und Multiplikatoren des „WiR*"-Projekts, das das „anyway “Kölner Jugendlichen anbietet, halten eine Fahne hoch, auf der „Wissen ist Respekt“ geschrieben steht.

Das Team des „WiR*"-Projekts, das das „anyway“ Kölner Jugendlichen anbietet.

Mit dem Projekt „Wissen ist Respekt“ (WiR*) klärt das „anyway Köln“ Jugendliche über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt auf.

Weihnachten, das Fest der Liebe, begegnet uns in Szenerien wie diesen: Maria und Josef stehen besonnen an der Krippe vor dem Jesus-Kind +++ Der Vater kauft den mächtigen Weihnachtsbaum und kutschiert ihn im großen SUV nach Hause, die Mutter schmückt die antransportierte Tanne +++ Der Geliebte überreicht seiner Liebsten an Heilig Abend ein Mon-Cherie-Paket unter dem Mistelzweig. In der Kirche, der Literatur, der Werbung — allerorten wird dieser Tage das Fest der Liebe als selbstverständlich heterosexuell gemeint transportiert.

Dabei könnte man meinen, dass das heteronormativ „Liebesbild“ spätestens seit Ende der Sechziger in den Hintergrund gerückt ist und individuellen Lebens- und Liebesentwürfen die Bühne überlässt, dass sie eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz und Unterstützung erfahren.

Die eine, vermeintlich richtige Art von Liebe gibt es nicht

„Gerade zum Fest der Liebe wäre es an der Zeit, darüber nachzudenken, dass Liebe so viel mehr bedeutet“, sagt Dominik Weiss. Er ist Leiter des Bildungsprojekts „WiR*“, das seit sieben Jahren Workshops an Kölner Schulen, in Jugendzentren und Sportvereinen anbietet, um Jugendliche über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt aufzuklären. Darüber, dass Liebe auf viele Arten gefühlt, geteilt, gelebt wird. Und dass die eine, vermeintlich richtige Art von Liebe nicht existiert.

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Es gibt die romantische, die leidenschaftliche Liebe. Es gibt die familiäre, freundschaftliche, spielerische, pragmatische Liebe. Es gibt die bedingungs- und selbstlose, erwartungsfreie Liebe. Es gibt die Selbst- und die Nächstenliebe.

Dominik Weiss ist „WiR*“-Projektleiter beim anyway Köln, er trägt einen braunen Bart, braune Haare und zwei schwarze Ohrringe

Dominik Weiss ist „WiR*“-Projektleiter beim „anyway“ Köln.

Gerade zum Fest der Liebe wäre es an der Zeit, darüber nachzudenken, dass Liebe so viel mehr bedeutet
Dominik Weiss, Leiter des „WiR*“-Projekts

Entsprechend vielfältig sind die sexuellen und geschlechtlichen Identitäten und Orientierungen. So fühlen sich manche Menschen zu anderen Geschlechtern hingezogen, andere zum eigenen, für die einen sind mehrere Geschlechter attraktiv für andere gar keins. Das war schon immer so – in allen Kulturen!

Queere Lebensweisen: Wissen ist Respekt

„Außerdem sind Lesben, Schwule, bisexuelle, trans*-, inter*geschlechtliche und queere Menschen keine homogene Gruppe. Ihre Erfahrungen, Chancen und Identitäten sind neben der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität auch abhängig von vielen weiteren Faktoren“, sagt Weiss und spielt damit auf das Schwarz-Weiß-Denken an, das in unserer Gesellschaft seit geraumer Zeit wieder Oberhand gewinnt.

„WiR*“ steht für „Wissen ist Respekt“ — beides scheint auch in Hinblick auf die unterschiedlichen Lebensweisen immer dringender von Nöten zu sein. Das beweist ein Blick in die Kriminalstatistik: Übergriffe gegen queere Menschen und deren massivste Ausdrucksform, die Hasskriminalität, nimmt zu. Sie zielt darauf ab, ganze Bevölkerungsgruppen zu verunsichern und zeigt: Es ist immer noch gefährlich, im öffentlichen Raum als schwul, lesbisch, trans*, inter* oder queer erkannt oder dafür gehalten zu werden.

Queerfeindliche Straftaten nehmen zu: 15 Prozent mehr erfasste Fälle

Nach Angaben des Bundesinnenministeriums wurden im Jahr 2022 1420 Straftaten gegen queere Menschen registriert, davon 227 Gewaltdelikte. Das sind etwa 15 Prozent mehr Fälle als im Vorjahr. Auszugehen ist allerdings von einer höheren Dunkelziffer, da viele Betroffene Straftaten nicht anzeigen, oder die zuständigen Polizeibeamten den queerfeindlichen Hintergrund einer Straftat nicht (an-)erkennen, geschweige denn weitergeben.

Laut einer Studie der EU-Grundrechteagentur aus dem Jahr 2020, an der sich mehr als 16 000 LSBTIQ*-Menschen aus Deutschland beteiligt haben, gaben lediglich 13 Prozent der Befragten an, zur Polizei gegangen zu sein, um einen physischen Angriff oder sexualisierte Gewalt anzuzeigen. 40 Prozent haben das nicht getan, weil sie denken, dass das nichts bringen würde. 23 Prozent haben Angst vor Queerfeindlichkeit bei der Polizei, 21 Prozent haben prinzipiell kein Vertrauen in die Behörde.

Feindlicher Ton unter Jugendlichen wird auch in Köln lauter

Auch das „WiR*“-Team bemerkt im Rahmen der Workshops in Köln einen Anstieg queerfeindlicher Reaktionen unter Jugendlichen. „Als wir vor sieben Jahren mit dem Projekt begonnen haben, war das Feedback der jungen Teilnehmenden überwiegend positiv. Die Jugendlichen fühlten sich entweder empowert, also aufgeklärt und bestärkt, oder sie haben sich gar nicht beteiligt“, sagt Dominik Weiss. Seit zwei, drei Jahren aber würden die Gegenreaktionen lauter, etwa wenn sich die „WiR*“-Peer-Workshop-Leiterinnen und -Leiter am Ende der Workshops outen.

Dann würden sie nicht selten ausgelacht, oder mit Kommentaren wie „Das ist ja ekelhaft“, „eine Sünde“ oder „das Thema nervt“ konfrontiert. Auch würden queerfeindliche „Telefon-Streiche“ unter der Nummer des „anyway“-Jugendeinrichtung zunehmen, seine ehrenamtlich Engagierten häufiger auf Instagram beleidigt und bedroht. Das Jugendzentrum „anyway“ erhält insgesamt digital mehr Hassnachrichten, Jugendliche berichten von körperlichen Gewaltangriffen.

Die Gruppe der Queerfeindlichen wird nicht größer, sondern lauter
Dominik Weiss

Als mögliche Ursachen benennt Weiss, dass sich Queerfeindlichkeit in einigen Teilen der Gesellschaft verhärtet, lauter wird und bewusst auch vorangetrieben wird — etwa durch „bestimmte rechte und religiös-konservative bis -fundamentalistischen Kreise“. Sie erzeugten bewusst Anti-Stimmung, unter anderem mit der Verbreitung von Fake News und Klischees. Weiss: „Beispielsweise wird behauptet, dass die Gesellschaft durch eine Überrepräsentanz queerer Themen in den Sozialen Medien oder mittels Regenbogensymbolen in der Werbung umgepolt werden soll“. Dieser Populismus zeige Wirkung: „Einige Jugendliche sind von der Sichtbarkeit queerer Identitäten und Themen so genervt, dass sie sich abwenden“, sagt Weiss, der davon überzeugt ist, dass die Gruppe der Queerfeindlichen nicht größer, sondern lauter geworden ist.

Ganzheitliche Bildungsarbeit und Ende des Tabus in Schulen

Und dass ganzheitliche Bildungsarbeit dazu beitragen würde, „der Polarisierung entgegenzuwirken, indem sie Räume schafft, in denen Jugendliche miteinander und mit anderen Perspektiven in Kontakt kommen, sich respektvoll austauschen und darüber reflektieren können.“ 

Helfen würde auch, wenn die Themen Liebe und Sexualität in der Schule nicht tabuisiert oder nicht nur im Biologie-Unterricht, reduziert auf die Fortpflanzung zwischen Mann und Frau, behandelt würden. „Diese Tabuisierung fördert Gewalt, weil der Aufklärung via Internet Raum gelassen wird“. Nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern ganzjährig hat sich das, auch von „wir helfen“geförderte „anyway“ auf die (Regenbogen-)Fahne geschrieben, junge Menschen darüber aufzuklären, dass jede und jeder stolz sein kann auf die eigene (sexuelle) Identität. „Denn egal, wen wer liebt oder nicht, wir sollten gemeinsam für die Liebe aller einstehen“, sagt Weiss.


Glossar

Respekt bedeutet auch die richtige Wortwahl - zum Beispiel am Weihnachtstisch

  1. Als „Cis“ bezeichnen sich Menschen, die sich mit dem bei Geburt zugeschriebenen Geschlecht identifizieren. Der Begriff soll darauf aufmerksam machen, dass das nicht selbstverständlich ist.
  2. Heteronormativität ist die gesellschaftliche Annahme, dass es nur Männer, Frauen und Heterosexualität gibt. Damit verbunden sind Rollenzuweisungen und Erwartungen, also vermeintlich „typisch“ weibliche/männliche Fähigkeiten, Begabungen oder auch Verhaltensweisen.
  3. Inter* Menschen entwickeln nicht „eindeutig“ weibliche und männliche Geschlechtsorgane oder -merkmale.
  4. LGBTIQ* umfasst lesbische, schwule, bi-, trans*-, intergeschlechtliche und queere Menschen. Das Sternchen steht für Personen, die sich selber anders identifizieren.
  5. Nicht-binäre Menschen (wie zum Beispiel Elliot Page, Kim de L“horizon) definieren sich nicht (nur) als weiblich oder männlich, sondern fühlen sich etwa gleichermaßen als Mann und Frau oder ordnen sich keiner dieser Kategorien zu. Sie benutzen häufig nicht die gewohnten Pronomen (sie/ihr, er/ihn), sondern etwa „xier“, „sier“ oder „they“.
  6. Pansexuell bezeichnet eine sexuelle Orientierung, bei der die Geschlechtsidentität der begehrten Person keine Rolle spielt. Das individuelle Interesse an dem Menschen steht im Vordergrund – unabhängig von dessen Geschlecht.
  7. Queer ist ein möglicher Überbegriff für Personen, die sich in ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität nicht heteronormativen oder geschlechtlich binären Kategorien zuordnen möchten.
  8. Transgender: Nicht alle Menschen können sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, identifizieren. Diese Personen bezeichnen sich häufig als trans* und können unterschiedliche sexuelle Identitäten und Orientierungen haben. Manche streben eine Geschlechtsangleichung- oder auch -anpassung an, was die besseren Begriffe sind als „Geschlechtsumwandlung“, weil letzterer impliziert, dass jemand früher etwas anderes war. Aber diese Menschen waren schon immer das, was sie heute sind, nur ihre gesellschaftliche Zuschreibung war eine andere.
  9. Transsexuell wird heute vorrangig im medizinischen Kontext verwendet, also bei Geschlechtsangleichung. Der Begriff wird von vielen trans Menschen abgelehnt, weil trans-Sein nicht mit sexueller Orientierung zusammenhängt (kro/ken)
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