Abo

Hilfe per AppJugendliche beraten Gleichaltrige beim Coming-out

Lesezeit 5 Minuten
Zehn junge queere Beraterinnen und Berater des neuen Kölner Messenger-Tools „Coming out und..." stehen vor grünen Toren einer Industriehalle, sie beraten online Jugendliche in ähnlichen Lebenssituationen oder-lagen.

Die Kölner Peer-Berater und -Beraterinnen des Messenger-Tools „Coming out und..."

Beim neuen Kölner Beratungsmessenger begleiten 13 Kölner queere Jugendliche Gleichaltrige bei Fragen rund ums Coming-out.  

Tom, 24, hätte sich das Messenger-Beratungsangebot „Coming out und so ...“ für das er heute ehrenamtlich arbeitet, auch für sich selbst gewünscht. Als er in einer entscheidenden – kritischen – Phase seines Lebens stand: Ein Teenager, der sich zu Jungen hingezogen fühlt – und weit und breit niemand in Sicht, dem es ähnlich geht. Kein (Rollen-)Vorbild, an dem sich Tom hätte orientieren können. Kein Ohr, das ihm zuhörte. Keine Ansprechpartner, die ihm seine Ängste und Unsicherheiten hätten nehmen können.

„Dann hätte ich mich auch nicht auf »gutefrage.net» erkundigen müssen, woran ich erkenne, ob ich schwul bin?“, sagt Tom. Heute kann er darüber schmunzeln. Wie damals Tom geht es den meisten LSBTQ*-Jugendlichen, also lesbischen, schwulen, bi-, trans*-, intergeschlechtlichen und queeren jungen Menschen, die sich in der Zeit des Coming-outs von der Außenwelt ausgegrenzt, auf sich allein gestellt fühlen – und sind.

Queere Jugendliche werden immer noch diskriminiert

Weil unsere Gesellschaft ihnen noch immer spiegelt: Du entsprichst nicht der Norm, bist nicht richtig. Die in der Schule und auf der Straße Mobbing und Gewalt erfahren – sogar im eigenen Elternhaus. Deren Suizidrisiko laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums (BMFSFJ) fünf- bis siebenfach höher ist als bei heterosexuellen Gleichaltrigen.

Ich lebe auf dem Dorf und kennen niemanden, der in meinem Alter schwul ist, was kann ich tun?

Während der Pandemie stiegen depressive Verstimmungen in dieser Gruppe Jugendlicher auf 66,9 Prozent, selbstverletzendes Verhalten auf 17,9 Prozent – auch weil sie vermeintlich oder tatsächlich noch weniger Möglichkeiten zum Austausch hatten. Abhilfe schaffen wollte der Kölner Verein „Coming Out Day e.V.“, ein anerkannter Träger der freien Jugendhilfe, mit einem Beratungsangebot, das den Jugendlichen die Phase des Coming-outs erleichtern – und verkürzen, ihnen Austausch, Akzeptanz und Unterstützung bieten soll.

Glossar: Zum korrekten Mitreden und-denken

Kölner Verein möchte schmerzliche Coming-out-Phase verkürzen

Denn Studien belegen:  Jugendliche entdecken im Schnitt mit etwa 13 Jahren, dass ihre sexuelle Identität von der Mehrheit abweicht, aber erst mit 18 Jahren erzählen sie davon das erste Mal einer anderen Person. „Jugendliche sind in den sozialen Medien unterwegs, ein Beratungsangebot per E-Mail oder Telefon schien uns da wie aus der Zeit gefallen. Die Altersgruppe kommuniziert per Chat oder Messenger, beide gewährleisten gerade bei diesem leider oft mit Angst besetzten Thema maximale Anonymität und Flexibilität. Und dadurch auch eine geringere Hemmschwelle – deshalb haben wir uns für die Entwicklung eines Messengers entschieden“, sagt Vereinsvorstand Sven Norenkemper.

Ich fühle mich nicht richtig in meinem Körper, ist das normal?

Seit April 2022 beraten nun bei „Coming out und so …!“ Tom und zwölf weitere Peer-Beraterinnen und -berater zwischen 18 und 24 Jahren Jugendliche per Messenger in ihrem Coming-out, bei Fragen rund um die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität, ums Verliebtsein oder zu Beziehungsthemen.

Queere Jugendliche aus Köln beraten quere Jugendliche bundesweit

„Peer“ bedeutet im Englischen „gleichartig“ und „gleichrangig“, Peer-Beratung meint also, dass junge Menschen Gleichaltrigen in derselben oder ähnlichen Lebenssituation unterstützend zur Seite stehen. Ausgebildet, geschult und betreut werden die ehrenamtlichen jungen Beratungspersonen von einem professionellen Team an Psychologinnen und Sozialpädagogen.

Peer-Beraterin Antonia, 22, die sich als pansexuell identifiziert, erklärt den Vorteil des Peer-to-Peer-Ansatzes: „Wir sind alle selbst LSBTQ*, im ähnlichen Alter wie die jungen Menschen, die bei uns Hilfe suchen, sind also näher dran als andere Beraterinnen und Berater. Weil wir uns noch gut an die Gefühle und Gedanken vor und im Coming-out oder der Transition erinnern, und uns in die jeweiligen Lebenswelten und -lagen gut hineinversetzen können.“

Ich interessiere mich nicht wie alle anderen Mädchen aus meiner Klasse für Jungen, bin ich normal?

Gleichzeitig wüssten die Peer-Beratenden, wie wenig hilfreich vermeintlich gut gemeinte Ratschläge von Eltern oder Freunden sind. „Es gibt kein Rezept für das perfekte Coming-out, deshalb suchen wir gemeinsam mit den zu Beratenden nach deren richtigem Weg. Wir hören zu, das ist oft das Wichtigste, denn nicht selten sind wir die erste Person, bei der sich jemand outet“, sagt Tom, der froh ist mit seiner Arbeit „jungen Menschen zur Selbsthilfe verhelfen zu können“.

Anonym, auf Augenhöhe und indviduell: Beratung per Messenger 

„Menschen zu stärken, zu empowern und eine Art große queere Schwester, die im Alltag oft fehlt, zu sein“, darin sieht Antonia den Reiz der Peer-Beratung. Und auch beruflich profitiert die Studierende der Erziehungswissenschaften davon: „Ich kann mir gut vorstellen einmal hauptberuflich in der Online-Beratung tätig zu sein.“

Derzeit ist Antonia zweimal pro Woche für ein bis zwei Stunden ehrenamtlich online – um für junge queere Menschen da zu sein. Sie zu informieren, ihnen zuzuhören, sie zu stärken, zu zeigen: du bist nicht allein! – und mit ihnen ihre Fragen zu klären: „Ich bin ein Mädchen und finde andere Mädchen attraktiv, habe aber Angst, ausgegrenzt zu werden, wenn es rauskommt.“ „Ich bin mir im Klaren über meine Bisexualität, weiß aber nicht wie ich es meinen Eltern sagen soll?“ „Ich weiß nicht, wer ich bin, fühle mich nicht wohl im eigenen Körper.“ „Bin ich normal?“

Mir ist längst klar, dass ich bisexuell bin, ich weiß aber nicht, wie ich es meinen Eltern sagen soll?

Die Grenzen der virtuellen Coming-out-Beratung

An ihre Grenzen stoßen die 13 Peer-Beratenden, wenn therapeutische Hilfe angesagt ist und es etwa um häusliche Gewalt oder Suchterkrankungen geht – „Dann haben wir eine lange Liste von professionellen Hilfsangeboten, an die wir weiterverweisen“, sagt Antonia. „Wenn wir es schaffen, die Coming-out-Phase von möglichst vielen queeren Jugendlichen zu verkürzen, wäre viel getan“, sagt Tom.

Sven Norenkemper sieht ein wesentliches Ziel des Angebots darin, „queeren Personen schöne Jugend zu ermöglichen, indem sie das erste Verliebtsein als etwas Schönes und nicht Negatives erleben können.“

Den „… und so!-Messenger“ gibt es kostenlos im Apple-App Store und im Google Play Store. Mehr Infos zum Messenger-Beratungsangebot gibt es auf der Kölner Vereinshomepage

KStA abonnieren